NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Die fixe Idee -- Arthur Conan Doyle und die Elfen

Von Peter Haffner

WER IMMER Arthur Conan Doyle war, der Autor der Abenteuer des Sherlock Holmes kann er kaum gewesen sein. Der Meisterdetektiv, der aus einem Filzhut Intelligenz, Charakter, Stand, Lebens- und Liebesverhältnisse seines Trägers zu lesen imstande war, hat nichts gemein mit jenem Naivling, der als sein Schöpfer gilt.

Seit 1887, als «A Study in Scarlet» erschien und Sherlock Holmes und Doktor Watson in 221b Baker Street das Licht der Welt erblickten, war Arthur Conan Doyle dem Spiritismus zugetan, zu dem er sich 1916 dann in aller Öffentlichkeit bekannte. Was mit Experimenten in Telepathie, Tischerücken und Séancen begonnen hatte, mündete bald in einen Kreuzzug, für den Doyle keine Weltgegend zu fern, kein Aufwand zu hoch und kein Argument zu hanebüchen war. Hatte er, der einstige Arzt, doch selber mit Verstorbenen geredet, Geisterhände gefühlt und das «Ektoplasma» gesehen, jenen glibberigen weisslichen Schleim, der vorzugsweise weiblichen Medien aus dem Mund quoll. So wurde der gefeierte Schriftsteller zum Kronzeugen, was das Jenseits betraf, und keine Reporterfrage brachte ihn in Verlegenheit: ob es Sex, etwas zu rauchen und zu trinken gebe im Himmel und ob man da auch Golf spiele, interessierte im Amerika der Prohibition und des Puritanismus nicht wenige.

Waren für Holmes Hufspuren von Kühen in einem Moor, in dem es keine Kühe gab, oder der blutige Daumenabdruck eines Mörders, der erst nach dessen Festnahme entstand, die Sorte intellektueller Probleme, zu deren Lösung er Beweisstücke sammelte und Experimente ersann, verschwendete Doyle auf solcherlei keine Mühe. Weil er den Magier Harry Houdini, dem kein Medium etwas vorzumachen vermochte, nicht auf seine Seite ziehen konnte, kehrte Doyle den Spiess um: Houdini selbst, behauptete er nach dessen Tod 1927 in «The Riddle of Houdini», habe übernatürliche Kräfte besessen, und seine verblüffenden Entfesselungskunststücke hätten in Wahrheit auf einer «Entmaterialisierung» beruht - seine Fähigkeit, sich in Luft aufzulösen, habe der berühmte Magier nicht zugeben wollen, weil er als bekennendes Medium viel weniger verdient hätte denn als simpler Trickkünstler.

Der Auseinandersetzung vorangegangen war eine Geschichte, die Doyle den Rest des Rufes gekostet hatte, ein Mann der Vernunft zu sein. Im Frühjahr 1920 hatte er von Fotos vernommen, die angeblich einen «Ring von Waldelfen» zeigten. Das Thema hatte ihn gerade zu beschäftigen begonnen, und Belege waren das, was ihm noch fehlte. Die Bilder waren in einem verträumten Tälchen nahe dem Dorf Cottingley in Yorkshire von zwei Mädchen aufgenommen worden, einer gewissen Elsie Wright und ihrer Cousine Frances Griffiths. Die Kinder hatten erzählt, sie spielten da jeweils mit Elfen, und schliesslich hatte sich Elsies Vater erweichen lassen und ihnen seine Kamera geliehen.

An einem sonnigen Julitag glückte es Frances, drei Elfen und eine Fee anzulocken, worauf Elsie den Auslöser betätigte. Die zweite Aufnahme, die Frances gelang, zeigte einen Gnom in Strickjacke und Zipfelmütze, der eben im Begriffe war, auf Elsies Schoss Platz zu nehmen. In der Weihnachtsausgabe des «Strand Magazine» von 1920 - jener Zeitschrift, der die Stories um Sherlock Holmes und Doktor Watson zu Auflage, Ruhm und Reichtum verholfen hatten - offenbarte Doyle einer erstaunten Welt diese erstaunliche Märchenwelt. Auf der Doppelflöte, die eine der Feen blies, glaubte er etwa Ornamente zu erkennen, woraus er schloss, dass dieses «kleine Völklein» durchaus einen Sinn für Kunst besass und dementsprechend wohl noch andere Kultur- und Haushaltsgegenstände kannte.

Die Leserschaft zeigte sich irritiert, dass eine Zeitschrift wie «Strand» nun Beweise von der Art vorzulegen beliebte, die ein Mann wie Holmes zwischen zwei Pfeifenzügen erledigt hätte. Doyle focht es nicht an, zumal die Mädchen später mit drei weiteren Fotos aufwarteten: dem Schnappschuss einer Elfe, die Elsie einen Strauss «ätherischer Glockenblumen» überreicht, dem Portrait einer fast nackten jungen Dame, die auf Frances Nase zu springt, sowie einer Szene, in der zwei geflügelte Wesen halb hinter einer Art Schleier verborgen zu erkennen sind - einem «magnetischen Bad», das Elfen gerne bei herbstlich trübem Wetter genössen, wie Doyle dann in seinem Buch «The Coming of the Fairies» (1922) erläuterte.

Geschichten der Sorte Leute, die immer alles sehen, was zu sehen Mode ist, kolportierte Doyle in seinem Buch unbesehen. So wusste ein Vater von Elfen zu berichten, die seinen Töchtern das Tanzen beigebracht hatten; andere waren ganzen Armeen von Wichteln begegnet, die auf Wichtelpferdchen ritten, oder hatten in Erfahrung gebracht, dass Feen gerne mit Hasen sprächen, Hunde aber hassten. Auch die Arbeit schien ihnen nicht unbekannt - Doyles Compagnon, der Theosoph Edward L. Gardner, wusste von Elfen, die abkommandiert waren, Blumen anzumalen.

1983, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Doyles Tod, gab Elsie Hill (geb. Wright), nun eine betagte Dame, in einem Fernsehinterview der BBC die Fälschungen zu. Sie hatte die Figuren just so verfertigt, wie längst vermutet: aus Karton ausgeschnitten und im Blätterwerk - mit Hutnadeln - befestigt. «Wie unsinnig einfach!» hätte wohl Doktor Watson gerufen.

Arthur Conan Doyle aber nahm seinen sehnlichsten Wunsch, nicht als Vater von Sherlock Holmes, sondern als Spiritist Unsterblichkeit zu erlangen, mit ins Grab.


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