Am Anfang stand eine Frage: Wie langweilig muss einem sein, dass man anfängt, Sudokus zu lösen? Was denken die Menschen, die da neben einem im Zug sitzen und alle das gleiche Rätsel lösen? In der Antwort liegt, vielleicht, das Geheimnis der menschlichen Lust am Knobeln; sie denken vermutlich alle das Gleiche: nichts. Rätsel sind das Opium des Alltags: Ist man nervös, beruhigt das Ausfüllen der leeren Kästchen, ist man müde, so verhilft das schnelle Erfolgserlebnis zu einem Kick. Die grosse Beliebtheit verrät etwas über zwei unserer grundlegenden Ängste: die vor der Unordnung und jene vor der Leere. Rätsel vermitteln den Eindruck, Lücken füllen zu können, Weissstellen auszumerzen und vor allem: dem Durcheinander der Realität zu entfliehen. Nichts Schlechtes sei an dieser Stelle über das Ziel dieser Flucht gesagt – im Gegenteil: wie dieses Heft beweist, ist die Rätselwelt viel lustiger, spannender und lehrreicher, als die müden Gesichter der Sudoku-Löser erahnen lassen. Auch ist sie nicht leichter zu meistern als die Wirklichkeit, wie das schwierigste Rätsel der Schweiz (S. 18) zeigt. Sie glauben die Schweiz zu kennen? Dann knacken Sie die 23 Fragen, und finden Sie den Goldbarren.
Zum Aufwärmen vor dem grossen Rätsel ein kleines: Sie sind Kandidat einer TV-Show und dürfen eine von drei verschlossenen Türen wählen. Hinter einer wartet ein Auto, hinter den anderen beiden steht jeweils eine Ziege. Sie wählen Tür Nummer drei. Der Showmaster weiss, hinter welcher Tür sich das Auto befindet, und öffnet die Tür mit der Nummer eins – dort steht eine Ziege. Jetzt Ihre Aufgabe: Bleiben Sie bei Tür Nummer drei, oder wechseln Sie zu Nummer zwei? Anders gefragt: Erhöht sich Ihre Chance, das Auto zu gewinnen, wenn Sie die Tür wechseln? Sie bleiben bei Tür Nummer drei? 90 Prozent aller Menschen, die diesen Test machten, auch Nobelpreisträger und Statistiker, wechselten ebenfalls nicht. Richtig wäre es, zu wechseln. Warum?
Das Ziegenproblem
Spielen wir das Spiel – es ist das berühmte «Ziegenproblem» – noch einmal: Sie haben Tür drei gewählt. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten: 1. Das Auto steht hinter Tür eins. Dann wird der Showmaster Tür zwei öffnen (Ziege). Wenn Sie jetzt auf Tür eins wechseln, gewinnen Sie das Auto. 2. Das Auto steht hinter Tür zwei. Dann wird der Showmaster Tür eins öffnen (Ziege). Auch in diesem Fall gewinnen Sie, wenn Sie wechseln – auf Tür zwei. 3. Das Auto steht hinter Tür drei. Der Showmaster wird Tür eins oder zwei öffnen (Ziege). Nur in diesem einen der drei Fälle verlieren Sie, wenn Sie wechseln. Wer wechselt, gewinnt also in zwei von drei Fällen.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.