NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- ManU macht glücklich

Von Lilli Binzegger

So wie man im Leben doch irgendwann einmal eine Auster schluckt, weil man herausfinden möchte, warum Menschen so etwas Glitschiges mögen und man gern auch weltgewandt wäre, so nimmt es den Unbedarften doch auch einmal wunder, was an der Sache Fussball denn so fasziniert. Man liesse sich vielleicht ganz gern auch ein wenig faszinieren, damit man nicht alle paar Jahre zum Paria wird, wenn sie um einen herum wieder einmal über nichts anderes als über Fussball reden, weil Fussballweltmeisterschaft ist, auch Leute, die sonst halbwegs bei Trost sind. Und weil etwas sehr hell leuchten muss, damit es den Nebel der Unwissenheit zu durchdringen vermag, und die Namen Beckham und Giggs und George Best heller leuchten als die Namen anderer Spieler, sollte Manchester United unsere Auster sein, von Fans und Feinden ManU genannt.

Also sind wir ein paar Wochen vor den Baslern, denen ManU in der Champions League als Gegner zugelost worden ist, nach Manchester gereist, in die attraktive, da gleichermassen heruntergekommene wie aufstrebende Stadt, der zum Beispiel fuck@manu.ch aus Basel aus gegebenem Anlass allerdings gerade die Pest anwünscht. Wir sind auf den Spuren von ManU gewandelt und am Samstag mit dem vollgepfropften Tram nach Old Trafford gefahren, zum Stadion von Manchester United, um den seit Wochen ausverkauften Match Manchester United gegen Chelsea zu sehen (die Spiele dort sind alle immer ausverkauft). Es war eine Fahrt wie mit der Modelleisenbahn, da geht es auf und ab und um Kurven, über Wasserkanäle und durch Tunnels, an Backsteinhäusern und stillgelegten Backsteinfabriken vorbei, zwischen denen da und dort Grün hervorblinkt, das meistens das Grün eines Fussballplatzes ist.

An jeder Station stiegen neue fröhliche Fans zu, am Weg von der Tramstation zum Stadion klangen aus den Pubs heraus laute Lieder, und über der Stadt war ein unenglisch blauer Himmel. Noch bevor wir am Ziel waren, waren wir ManU-Fans. Im ausverkauften Stadion spürten wir dann am eigenen Leib, wie ein Ball von 22 cm Durchmesser die Anziehungskraft des Balls von 40 000 km Umfang übertreffen kann, wenn man ihn zusammen mit 70 000 anderen verfolgt, auch wenn man keinen Schimmer von den Spielregeln hat. Wir waren bald ein Herz und eine Seele mit den 70 000 zwar lärmenden, sonst aber gutmütigen Fans, fieberten mit, soweit wir überhaupt mitbekamen, wo mitzufiebern war, und konnten die Augen nicht von dem engelsgleichen Knaben lassen, der da mitgespielt hat.

Von Fussball verstehen wir so viel wie zuvor, aber wir sind jetzt nachsichtig, wenn alle paar Jahre die Männer vor dem Fernseher «Wesen mit blutunterlaufenen Augen und (Bier-)Schaum vor dem Mund» werden, «aus dem sie während 90 Minuten feuchte Nusspartikel und tierische Laute stossen», wie es eine Kollegin mit besonderer Würdigung ihres Ehemanns, «sonst ein kultivierter und liebenswerter Mensch», anlässlich einer Fussball-WM in einem der schönsten Stücke Fussballliteratur beschrieb.


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