NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Vier Fragen zu Europa an . . .

Von Martin Alioth

. . . Paul Gillespie, Auslandchef von «The Irish Times», Irland.

1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?

Weniger als 35 Prozent der Stimmberechtigten haben an der Abstimmung teilgenommen, die das Nein Irlands zu Nizza brachte. Viele haben aus Protest gegen die mangelhafte Information nicht gestimmt, manche, weil ihnen die Verträge zu komplex waren, und nicht wenige waren einfach indifferent. Aber die Behauptung der Regierung, das Resultat signalisiere keinen Widerstand gegen die Osterweiterung, ist nicht haltbar. Es gibt ein Unbehagen, das die Regierung nun ausräumen will, indem sie klarmacht, welche Auswirkungen die Nizza-Verträge auf Irland haben.

2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?

Grösser, institutionell gefestigter, politisch gewichtiger, in Sicherheitsfragen und ökonomisch einflussreicher. Aber die Auseinandersetzung um die Verfassung wird andauern.

3. Beeinflusst Irlands geographische Lage zwischen Europa und Amerika seine Rolle in der EU?

Vor zehn Jahren war Irland ein peripheres Entwicklungsland. Die EU-Strukturfonds und die US-Investitionen in die Hightechindustrie haben ihm - entsprechend seiner Geographie - einen Platz zwischen den USA und der EU verschafft. Das würde sich ändern, wenn Irland sich mit einem zweiten Nein zu Nizza in der EU marginalisiert - die Investitionen der US-Multis basieren darauf, dass Irland im EU-Mainstream mitschwimmt.

4. Hat die EU-Mitgliedschaft die irische Gesellschaft verändert?

Sie hat uns von der postkolonialen Abhängigkeit von England befreit. Das hat Energien freigesetzt und das Selbstvertrauen gestärkt. Die EU-Debatte ist Teil einer Neubewertung der politischen und kulturellen Rolle Irlands, jetzt, wo die ökonomische Entwicklung so weit gediehen und das Verhältnis zu England nahezu normal ist.

Die Fragen stellte Martin Alioth, NZZ-Korrespondent in Dublin.


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