VON DEN FERIEN zu Hause nach Rom zurückfahrend, über Zürich, den alten Gotthard, Mailand, Florenz, sass ich schliesslich die letzten vier Stunden einmal in einem Abteil mit einer jungen Nonne, was in Italien öfters vorkam, einem betrunkenen Alten, was in Italien praktisch nie vorkam, und weiteren fünf Personen. Die achtsitzigen italienischen Staatsbahnabteile waren, was praktisch immer vorkam, vollbesetzt, wenn nicht überfüllt. Der Nonne zuliebe (mir sah man ja nicht an, dass ich auf dem Weg zum Geistlichen war) sang der Betrunkene unablässig ein sogenanntes altes Lied: «Roma e una città santa, si mangia, si beve, si canta.» Das war ganz harmlos. In jeder Hinsicht. Der Alte war bestimmt kein Kirchenfeind, die in Italien und gerade in Rom zahlreicher sind als sonstwo; er war einfach betrunken.
Und Rom war auch anders als in diesem Lied, wie ich bald bemerkt hatte. Einzig im «L'eau vive», einem kirchlichen Feinschmeckerlokal hinter dem Pantheon, das es möglicherweise immer noch gibt, wo ausgewählte internationale Nonnen in ihren Landes-Saris und sonstigen Trachten hohe und höchste Würdenträger und ihre Gäste bedienten, war es etwa so wie in diesem alten Lied. Ausserdem wurde vor und nach dem Essen von Tisch zu Tisch gebetet, so dass immer an irgendeinem Tisch gebetet wurde. Im «L'eau vive» habe ich auch den einzigen Haifisch meines Lebens verspeist - und nicht umgekehrt. Sonst aber war in meiner Zeit in Rom um das dritte reguläre Heilige Jahr des Jahrhunderts herum vieles umgekehrt.
In meiner Erzählung «Ausflug nach Afrika» bugsiere ich meinen kleinen Helden (1,59 m über dem Meeresspiegel) zum Grab von Fernando Pessoa im Nationalkloster Belem bei Lissabon. Vor dem Grab stehend, vermutet der trotz allem katholische Ich-Erzähler, dass Pessoa ohne «letzte Ölung» gestorben ist, weil das Leben eines grossen Menschen und Tragikers im zwanzigsten Jahrhundert so sein müsse: «unglücklich, unkatholisch, unmöglich». Ist das so? In meinem Roman «Mein Hund, meine Sau, mein Leben» spielt das längste Kapitel in Rom und auch im Vatikan. Da sind dicke braungewandete Nonnen, die mit Geldtaschen im Labyrinth des Vatikanpalastes auf dem Weg zum IOR (Institut für die Religiösen Werke - Vatikanbank) unterwegs sind und sich nicht verirren. Und ein hoher Geistlicher, Franz Sales Obernosterer, versucht vom Vatikan aus, zusammen mit dem Erzähler, einem Seminaristen aus Schwackenreutes Kreis Konstanz, die englische Königin zu entführen und sie zum Verzicht zu zwingen auf den Titel Defensor Fidei (Verteidiger des Glaubens), der ihrem Vorgänger, dem als Frauen- und Menschenfresser vorgestellten Heinrich VIII., verliehen worden war (der bis zum heutigen Tag jede Penny-Münze schmückt). Das missglückt.
Wie aber ist es wirklich? Ich habe, tatsächlich, dieses Institut für die Religiösen Werke - oder wenigstens die Schalterräume, die sich irgendwo im Vatikanpalast befinden, unter demselben Dach wie der Papst, damals Mitte der siebziger Jahre immer wieder betreten. Zum Geldwechseln (die besten Kurse Roms). Mit Passierschein am St.-Anna-Tor vorbei, wo einige Jahre später der schöne Cédric Tornay (den ich allerdings nur von «Blick»-Fotos kenne) als Gardist Dienst tat, ein armer Mensch, der seinen Vorgesetzten und dessen Frau ermordet haben soll. Auch wenn ich nicht danach gefragt worden bin und mein Glaube ganz unmassgeblich ist: das kann ich nicht glauben. Dann glaube ich schon eher, dass der Vorgänger des jetzigen Papstes eines sogenannten natürlichen Todes gestorben ist, wenn er auch in denselben hineingetrieben worden sein mag (per Herzinfarkt).
Zurück zum Institut für die Religiösen Werke. Alle (fast nur Geistliche, beiderlei Geschlechts, vielleicht noch einige privilegierte Botschaftsangehörige und Theologiestudenten) hatten tatsächlich in diesen Raum, der irgendwo im Vatikanpalast liegt und nur über besagtes Labyrinth zu erreichen war, hineingefunden. Obwohl ich an sich über einen ausgezeichneten Orientierungssinn verfüge (was dazu führte, dass ich bei der Musterung der Luftwaffe zugeschlagen wurde), kann ich bis heute nicht rekonstruieren, was für ein Weg es war. Es ging, irgendwie, hinauf und dann wieder hinunter, hinaus und hinein: am Ende stand ich mit den anderen (die ich vorher nicht gesehen hatte!) vor dem Schalter, um meine kleinen Geldgeschäfte zu tätigen. Wie es sich gehört für eine katholische Bank, hing ein Kreuz im Tresorraum, und auch sonst war es heiliger als anderswo. Kam ein ganz hoher Rang, wurde er ohne Murren vorgelassen. Die meisten Gläubigen wissen (oder vergegenwärtigen es sich) einfach nicht, dass der Vatikan eben keine Demokratie, sondern eine absolute (und dabei unfehlbare) Wahlmonarchie ist mit einem sogenannten Heiligen Vater an der Spitze der Kommandoleiter. Der fest daran glaubt, dass die «Aufklärung den Himmel verdunkelt hat», wie ich in «Mein Hund, meine Sau, mein Leben» einen anderen hohen römischen Geistlichen sagen lasse und behaupte, der Satz sei ein Zitat von Martin Heidegger (was glatt erfunden ist).
ZU DEN HÖHEPUNKTEN in meinem Leben, über das ich mich nicht lustig machen möchte, und schon gar nicht hier, gehört: erstens eine Privataudienz bei Papst Paul VI. sowie zweitens die Begegnung mit demselben am Abend des 2. Februar 1976 (Mariae Lichtmess) in der Erzkirche zu St. Peter. Ich kam gerade von nebenan, vom Italienischunterricht im Campo Santo Teutonico, angeblich einer Stiftung Karls des Grossen, auf dem Gelände des Vatikans, direkt neben dem Petersdom. Ich hatte in meinem schönen Pullover die Kirche durch einen Nebeneingang aus Neugier betreten. Weil Licht in der Kirche war, etwas sehr Ungewöhnliches. Da habe ich den Papst entdeckt, und er hat mich entdeckt, von der Sedia gestatoria aus, auf der er, wohl wegen eines arthritischen Leidens seiner späten Jahre, aus der fast leeren Kirche hinausgetragen wurde. Die Sedia hatte er selbst ja eigentlich schon abgeschafft, zusammen mit den Pfauenfedern, was ich ihm niemals verziehen habe. Er wurde also auf mich zugetragen, und ich stand also ganz allein im grossen Schiff von St. Peter. Da blieb mir nichts anderes übrig, als in die Knie zu gehen und das Kreuzzeichen zu machen; und ihm blieb nichts anderes übrig, als mich und meinen schönen Pullover zu segnen.
Ach, ich wollte doch einmal Papst werden! Das fiel mir ein, als mich der tatsächliche Heilige Vater sehr genau von oben herunter segnete. Ich hatte den Eindruck, er wolle zu mir heruntersteigen. Nichts ist daraus geworden, kein einziges meiner hochgesteckten Ziele habe ich erreicht. Immerhin habe ich es bis Rom geschafft, bis in den Vatikan. Ich hatte es, aufs Ganze gesehen, also fast geschafft. Im übrigen muss ich mich meines Kniefalles nicht schämen: auch Thomas Mann, der im Gegensatz zu mir ein Norddeutscher war und ein hanseatischer Protestant dazu, ist vor Pius XII. in die Knie gegangen. Das fand ich die Höhe! «Es war alles ganz natürlich», las ich in seinem Tagebuch.
Ich kam also vom Italienischunterricht. Das Italienische war eine Sprache, die ich auch nie recht gelernt habe. Aus Angst vor Menschen, die Sprache mit Aussprache gleichsetzen oder verwechseln. Zeitlebens hatte/habe ich meine hausgemachten Schwierigkeiten mit dem Sprechen der jeweiligen Sprache, auch mit der deutschen, die ich mir, als Umgangssprache, erst aneignete, als ich das heimatliche Ober- oder Sauschwaben verliess. Nur das häusliche, oberschwäbisch geprägte Alemannisch spreche ich einigermassen akzentfrei. Das sogenannte Hochdeutsche war und ist meine erste Fremdsprache.
DEN PAPSTCHOR zu St. Peter zu hören war immer etwas Furchtbares. Dieser schauderhafte Chor, für den der grosse Palestrina seine Motetten und Messen komponierte, sang oder krähte TU ES PETRUS! Während einmal der päpstliche Tross hereinwackelte, schepperte dieser Chor los mit der an sich herrlichen Motette TU ES PETRUS! (Keine Aufforderung, sondern eine Affirmation, zu lesen im Zentrum des Zentrums des Vatikans, der Innenseite der Michelangelo-Kuppel: TU ES PETRUS, ET SUPER HANC PETRAM AEDIFICABO ECCLESIAM MEAM.) Und dieser Chor hat wie kein anderer auf der Welt Musikgeschichte gemacht. Allegris MISERERE (Psalm 50 in der für die katholische Kirche massgeblichen Vulgata-Zählung: ein Psalm Davids, nachdem der Prophet Nathan zu ihm gekommen war, nachdem er sich an Bathseba vergangen hatte. «Wasch mich, und weisser glänz' ich als der Schnee» . . .) durfte nur hier gesungen werden. Es war bei Strafe (Todesstrafe?) verboten, diese Musik hinauszuschmuggeln, so wie die Kautschukpflanze aus ihrem endemischen Gebiet.
Die Todesstrafe hat ja auch im Kirchenstaat gegolten, bis zuletzt, eine Tatsache, die mich immer enttäuschte und ein ernstzunehmendes Hauptargument gegen diese Kirche war. Noch wenige Tage bevor die Garibaldi-Truppen Rom eroberten (das erst dadurch 1870 zu Italien gekommen ist und bis dahin die Stadt des Papstes war) und der Papstherrschaft ein Ende setzten, hat Pius IX. noch zwei Männer hinrichten lassen. Er selbst ist dann in einen seiner Paläste geflüchtet, in den Vatikanpalast, und ist nur noch selten herausgekommen. Erst 1929, in den sogenannten Lateranverträgen, wurde die weltliche Macht der Päpste neu definiert und der Vatikanstaat gegründet.
Zurück zu Allegris MISERERE (etwa 1638 komponiert), das - vielleicht bei Todesstrafe - nicht aus der Peterskirche hinausgeschmuggelt werden durfte, was aber doch geschehen ist. Es bedurfte allerdings einer langen Zeit und eines Mozart, der dieses berühmte Stück einmal hörte (ich muss annehmen, von den glanzvolleren Vorgängern meines Chores gesungen) und komplett zu Papier brachte, als Kind, wie Leopold Mozart nach Hause schreibt.
ICH KAM ETWA ZUR SELBEN ZEIT nach Rom, als sich Pier Paolo Pasolini in dieser Ewigen Stadt aufhielt. Manchmal auch im selben Bahnhof wie ich, wenn auch aus anderen Gründen, der Stazione Termini, wo er sich den Tod holte. Pasolini war selbstverständlich auch katholisch, durch und durch; er hatte nicht nur mit den Ragazzi di Vita von der Stazione Termini Kontakte, sondern auch mit den Seminaristen, die er besuchte, um mit ihnen etwa über «Teorema» oder seinen Film «Il Vangelo Secondo Matteo» zu sprechen.
Bis zu den höchsten Stellen im Vatikan hinauf hatte Pasolini gute Kontakte. Die Kommunisten haben Pasolini hinausgeschmissen, diese kleinbürgerlichen Moralisten, weil er schwul war, mit der Begründung unmoralischen Verhaltens. Das war zu Zeiten der streng stalinistisch geführten KPI. Die Kirche hat ihn nie hinausgeschmissen, im Gegenteil, sie war auf einen grossen Sünder wie Pasolini angewiesen. Oder war es etwa anders? Die Kirche verurteilt gerne theoretisch, praktisch und tatsächlich ist sie aber immer wieder unglaublich tolerant.
Die Schauderhaftigkeit des Pasolini-Todes Anfang November 1976 gehört auch zu Rom und meiner Zeit in der Kirche. Auch ich, nicht nur Paul VI., habe damals für Pasolini gebetet. Was hätte ich sonst tun sollen! Ich hatte bis dahin keine auch nur vergleichbare Medieninszenierung erlebt. Dieses eine Foto, das einen Toten zeigt, der zerstört im Dreck liegt, habe ich ein Jahr immer wieder in den Zeitungen sehen müssen, ein schauderhaftes Bild. Ich, damals im 21. Jahr, nahm auch an der Trauermanifestation auf dem Campo dei Fiori teil (mit dem Denkmal des verbrannten Giordano Bruno in der Mitte), nicht als Seminarist, sondern als Privatperson, die diesen Pasolini durch und durch bewunderte und bewundert, von seinem Film «Teorema» an, der das wahre Geheimnis der Inkarnation (nämlich: dass Gott Mensch geworden ist) mitten in eine inkarnationsfeindliche Zeit hinein mir gezeigt hat und aufscheinen liess, mehr als jede dahergeplapperte Predigt. Ich kann nicht glauben, dass der Hauptdarsteller des Films, der göttliche Engel, im gewöhnlichen Leben ein Mann namens Terence Stamp, später als Dracula-Darsteller herumreisen sollte, wie mir ein englischer Freund glaubhaft versichert hat.
Als ich Pasolinis Film - nur ein Film! - «Das Evangelium nach Matthäus» sah, wollte ich tatsächlich umkehren. Ich war sicher, dass ich gemeint war. Mehr als im täglichen Leben im Priesterseminar. Der Pasolini-Jesus hatte auf alle, die im Kino sassen, gezeigt und gesagt: «Komm!» Es war eine Geste wie im Caravaggio-Bild «Die Bekehrung des Matthäus», ein Bild, das Pasolini in seinem Matthäus-Evangelium möglicherweise verfilmt hat. Auch jenes Bild, ebenfalls in Rom, zeigt einen Jesus, dessen Hand auf den Zöllner hin ausgerichtet ist (der vor seinem Geld sitzt), in Wahrheit aber auf mich. Vermutete ich damals. Aber dann kamen andere Bilder, der Film ging vorüber und das Leben weiter. Nicht in Rom, was - damals - nicht möglich schien. Der Sarg Pasolinis stand also mitten auf dem Campo dei Fiori, und Alberto Moravia schrie seine Trauerrede ins Mikrophon, das schlecht funktionierte, so dass ich kaum etwas verstand, ausser der Empörung. Und dann habe ich gesehen, wie der Sarg mit Pasolini darin über die Köpfe hinweg davongetragen wurde. Diese Szene und der Papst in der Sedia gestatoria an Mariae Lichtmess 1976: das waren meine beiden entscheidenden Begegnungen in Rom.
ACH, UND AN DEN KALTEN WINTER in Rom erinnere ich mich auch noch. Es gibt keinen Winter in Rom! Diesen Irrglauben, an dem vor allem auch die Römer selbst festhalten, müssen diese selbst jedes Jahr aufs neue büssen, wohl immer noch. Weil es den Winter nicht geben darf, gibt es auch keine Öfen, so meine Erinnerung. Dafür eine katastrophale sogenannte Infrastruktur, für die ich aber den Heiligen Vater nicht verantwortlich mache. Rom ist, so gesehen, eine anstrengende und durch und durch ungemütliche Stadt. Wie auch die Peterskirche eine ganz ungemütliche Kirche und der Vatikan eine ungemütliche Angelegenheit ist. Jeder fromme Mensch wird dieses Haus, und vielleicht auch diese Stadt, verstört verlassen, behaupte ich. Luther, las ich, wurde deswegen evangelisch, weil er auf seiner Wallfahrt nach Rom in derselben Ewigen Stadt keinen Geistlichen finden konnte, der ihm die Beichte abgenommen hätte.
Der kleine Held meines Romans «Mein Hund, meine Sau, mein Leben» verlässt Rom mit dem Satz: «Wie ich nach Rom gekommen bin, so ging ich: trostlos, im Grunde unbelehrt, ins Ungewisse. Und ausserdem: nun dick, nun grauhaarig, ein Trinker.» Das ist so im Roman. Tatsächlich ist/war es vielleicht so: In den Vatikan wird man sich nicht verlieben. Höchstens in den Friedhof vom Campo Santo oder in den Blick von der Dachterrasse desselben auf die gegenüberliegende Kuppel aller Kuppeln.
Für das gewöhnliche Theater bin ich seit Rom ebenfalls verloren. Und die ungeheuren Fluchten und Gänge, dieses kalte Labyrinth aus Antike, Mittelalter und Renaissance hat nicht nur mich immer wieder eingeschüchtert. Die gewaltigen Aufmärsche des Kirchenstaates, die Kardinalsprozessionen mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, der sich damals nur ganz selten der Welt zeigte, haben dagegen bisher noch jedem Diktator derselben imponiert. Vieles vom Brimborium dieser Welt dürfte diesem Reich, das behauptet, eigentlich gar nicht von dieser Welt zu sein, abgelugt sein.
Aber das ist nur die sichtbare Ordnung der Dinge. Tatsächlich erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich am helllichten Tag von Rom (mit dem Vatikan wenn schon nicht in seiner Mitte, so doch in seinem Herzen) träume. Ja, ich denke trotz allem gerne an die Ewige Stadt. Damals konnte ich mir gar nicht vorstellen, irgendwo anders je wieder leben zu können. Was aber doch geschehen ist. Also sind meine Erinnerungen schön. Vielleicht auch nur deswegen, weil ich nie wieder so jung war.
Arnold Stadler ist Schriftsteller und lebt in Rast, Deutschland. Sein letztes Buch, «Der Tod und ich, wir zwei», ist 1996 bei Suhrkamp erschienen.