NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Schöne Mutter ohne Heimat

Die Jeanne d’Arc der orangen Revolution erlebt ihr blaues Wunder. Wer war eigentlich Julia Timoschenko?

Von Ulrich Schmid

Julia Timoschenko ist schön. Hohe Wangenknochen, fein geschwungene Lippen, die Augen dunkel, vorwurfsvoll, mandelförmig: Ihr Gesicht ist von jenem slawischen Ebenmass, das im schlechtesten Falle nichtssagend, im besten spektakulär anziehend wirkt, das scheinbar Gegensätzliches wie Verletzlichkeit und Durchsetzungsvermögen mühelos zu einem plausiblen Ganzen vereint und das seine Besitzerin tapfer schützt, wenn Müdigkeit oder Elend die Züge entgleiten lassen. Wenn sich Julia Timoschenko im letzten Herbst nach stundenlangen Reden im Schneegestöber der Presse stellte, war sie abgekämpft, verfroren und gewiss nicht mehr immer sauber geschminkt, aber hinreissend sah sie dennoch aus: Das ist es, was ihre Schönheit ausmacht.

Nein, Einwände werden hier keine geduldet: Schönheit gibt es, und sie ist fassbar, jederzeit. Es liegt eine eitle Widerwärtigkeit in der Behauptung Herrn Müllers von nebenan, Grace Kelly lasse ihn kalt, und überhaupt sei alles relativ, auch die Schönheit. Die junge Grace Kelly war schön, Punkt. Und Julia Timoschenko ist es auch. Auch ungeschminkt, auch müde, auch mit ihren 44 Jahren.

Und sie weiss es. Sie betritt den Raum und lächelt das strahlende, etwas wölfische Lächeln jener Frauen, die sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst sind. Es ist dem Lächeln gewisser erfolgreicher Manager nicht unähnlich, es umarmt die Welt, ob sie sich nun sträubt oder nicht, und es liegt eine kaum verhüllte Drohung darin: lächelt mit – sonst wehe. Die Journalisten lächeln gehorsam mit; sie wissen, dass Julia Timoschenko auf professionellen Gleichmut und harte Fragen fast giftig reagieren kann. Nicht, dass das Lächeln verschwände. Nein, da ist es noch immer, amerikanisch fast in seiner strahlenden Starre. Aber der Blick ist kühl geworden, und die Lippen haben sich vornehm geschürzt und formulieren Neutrales, Abweisendes.

Schön bleibt sie dennoch, wie immer in der Krise, und es gibt Männer, die der Ansicht sind, nie sei sie schöner gewesen als in den Minuten nach ihrer Entlassung als Ministerpräsidentin am 8. September 2005. Was habe da nicht alles in ihren Zügen gekämpft: Enttäuschung, Indignation, Trauer, Wut und Rachsucht. Gesiegt aber habe die Schönheit. Dass sie künftig weniger häufig neben dem anderen Helden des Umsturzes von Kiew, dem grossen Juschtschenko, auftauchen wird, ist zu beklagen. Das Bild hat alle in Bann geschlagen: Hier die glühende Jeanne d’Arc der demokratischen Revolution und neben ihr, entstellt noch immer von der Dioxinattacke seiner Feinde, Wiktor Juschtschenko, ein Mann, der einst hervorragend aussah, der als der Kennedy der Ukraine galt und nun ausser seiner warmen Stimme und einem verzerrten Lächeln nichts mehr hat, um zu beweisen, dass er, der Hässliche, auch der Gute ist. Beauty and the beast. Sie passten gut zusammen, die beiden, auch wenn der liberale Juschtschenko, der an die Freiheit der Märkte und der Meinungen glaubt, mit der unbezähmbaren Interventionslust seiner Regierungschefin nie viel anfangen konnte.

Wer so schön ist wie Julia Timoschenko, muss gut sein. In einer Kirche in Mukatschewo im Westen des Landes stand ihr Bild unter den Altären der Heiligen; die alte Frau mit dem Kopftuch, die davor kniete, murmelte ihren Namen wie eine Beschwörung. Bevor sie die Kirche verliess, küsste sie flüchtig und doch innig eine Fotografie der Ministerpräsidentin gleich neben dem Eingang. «Gott hat sie gesandt», riefen Demonstranten durch den Dauerregen von Schitomir: «Sie wird uns Heil bringen, sie wird die Pensionen erhöhen!» Kann sie das Wetter machen? Man hätte sich nicht gewundert. Wie alle irdischen Heiligen zieht sie Verehrung und Verwünschung gleichermassen an. Sie polarisiert und provoziert; distanziert sehen sie nur wenige. Auch jetzt noch.

Viele Männer, die mit ihr zu tun haben, sind verwirrt. Politiker der alten Schule haben es mit schultertätschelnder Herablassung versucht, aber sie haben es rasch aufgegeben: Ein blitzender Blick, eine vor Sarkasmus triefende Antwort – die Frau weiss sich zu wehren. Er habe die Fotos Kutschmas und Timoschenkos zu Hause nebeneinander aufgestellt, erzählte ein Bekannter in Donezk. Er geniesse die Kraft der Schönheit, die dann am besten zum Ausdruck komme, wenn sie neben der Hässlichkeit stehe: nicht der entstellten wie bei Juschtschenko, sondern der schwarzen, inneren, der stinkenden Hässlichkeit der Immoralität, der geistigen Verluderung, die sich in den Zügen des alten Staatschefs so beispielhaft zeige.

Im Osten, in den russigen Kohlerevieren des Donbass, sah man das anders. «Schönheit – na und?» sagte achselzuckend die junge Verkäuferin. «Eine verdammte Hexe ist sie, eine Hure, die für den Westen die Beine spreizt. Eiskalt ist sie! Verlogen! Seltsam!» Die Frau war gläubige Orthodoxe und überzeugte Kommunistin, was kein Problem ist in der ehemaligen Sowjetunion, und sie schien sich bei allem, was sie sagte, weniger über Timoschenko zu ärgern als über ihre Umgebung: über die staubige Kümmerlichkeit ihres Schreibwarenladens – und darüber, dass ihr seltsames «Seltsam!» beim Besucher ein unangebrachtes Grinsen provozierte.

Immerhin erniedrigte sie sich nicht so weit, dass sie ihrer Ministerpräsidentin die Attraktivität absprach. Im Gegenteil. Plötzlich warf sie den Kopf hoch und sagte so laut, dass es alle Kunden hören konnten: «Aber sie ist die schönste Präsidentin der Welt!» Dass Timoschenko keine Präsidentin war, focht sie im Moment der patriotischen Aufwallung nicht an. Ein Bleistiftspitzer ging über die Theke; das mürbe, nach Sowjetunion riechende Papiersäcklein, in das er gehüllt war, riss auf.

Es gibt so wenig in diesem Land, worauf man stolz sein kann; das Bedürfnis nach ein wenig Anerkennung ist riesig. Irgendwie kam Timoschenko da richtig, selbst wenn man sie verabscheute. Auf den Plakaten, die im letzten Winter in der nasskalten Schwärze auf dem Maidan-Platz wogten, war Timoschenko auffallend oft zu sehen, und die Bilder Juschtschenkos zeigten den Revolutionsführer fast alle unversehrt. Wäre es nicht einleuchtender gewesen, sein neues Gesicht zu zeigen? «Seht her», sagten die wenigen Poster, die Juschtschenko verunstaltet darstellten: «Das habt ihr aus ihm gemacht! Eure eigene Verworfenheit ist es, die sich in diesen Zügen spiegelt!» Aber nur wenige glauben an die Kraft der Hässlichkeit. Auf Schönheit beruft man sich lieber. Man war froh, dass es neben Juschtschenko, dessen Anblick quält und verunsichert, auch Timoschenko gab, die Schöne, die Strahlende.

Die Schönheit nützt ihr, aber zur Macht verholfen hat sie ihr nicht, und ebenso wenig wird sie ihr zum Wiederaufstieg verhelfen. In der Ukraine ist weibliche Schönheit keine Mangelware. Die Massen mögen Timoschenkos Aussehen, aber noch mehr mögen sie, was sie tut und wie sie sich gibt. Die Demonstranten auf dem Maidan-Platz skandierten ihren Namen, immer lauter, immer schneller. Sie musste den Arm heben, um sich Gehör zu verschaffen, sie lächelte entschuldigend dabei, und die Menge lächelte als Einheit zurück und beobachtete sich dabei selber auf dem Riesenmonitor neben der Bühne.

Ihre Stimme ist nicht fürs Reden gemacht. Sie ist dünn, trägt nicht, bricht rasch, kippt. Timoschenko muss pressen, sie wirkt stets etwas angestrengt, wie ausser Atem – man kann das als authentisch, ja als sinnlich empfinden. Klein und zierlich ist sie, man übersieht sie schnell. Sie muss vieles überwinden – vielleicht sogar eine Scheu vor öffentlichen Auftritten. Was immer sie tut, sie scheint zu kämpfen, und das gibt ihr wohl das Unbedingte, Radikale, das sie für viele so attraktiv macht.

Manche halten sie für hartgesotten. Das Zeitlupenvideo zum Beleg ist weltbekannt geworden: Sie hält eine Rede, ein Gegenstand fliegt heran, trifft sie – und sie konsultiert lediglich mit damenhafter Indignation kurz ihr Revers und spricht weiter, als sei nichts geschehen. Bei Wiktor Janukowitsch, ihrem Vorgänger im Amt des Regierungschefs, hatte das ganz anders ausgesehen. Der brach förmlich zusammen, als an seinem Boxertorso ein Ei zerschellte, und brauchte Stunden im Spital, um sich zu erholen. Die ukrainischen Medien kommentierten die unterschiedlichen Reaktionen so giftig und genüsslich, dass Janukowitsch, das Weichei, danach politisch erledigt war. Dass das Aufheben, das um ihr Aussehen gemacht wird, meist etwas Dümmliches hat, scheint Timoschenko nicht zu stören. Anders als etwa Condoleezza Rice ist sie zu einem medialen Sexobjekt geworden. Sie kommentiert das ebenso wenig wie die Absicht russischer Nationalisten, sie in einem Pornofilm zu verunglimpfen. Gefragt, ob sie sich am liebsten auf der Titelseite des «Playboys», des Nachrichtenmagazins «Time» oder der ukrainischen Frauenzeitschrift «Natalie» wiederfände, antwortete sie, die «beste Wahl für jede Frau» sei der «Playboy».

Das sind nun genau die Töne, die westliche Feministinnen zusammenzucken lassen. Aber gleichzeitig charakterisieren sie die Lage der Ukraine im kulturellen Niemandsland zwischen Ost und West hervorragend. Eine junge Frau, die der interessierten Allgemeinheit ihre Kurven unter Tigerfellimitation auf dem Chreschtschatik, der Kiewer Prachtstrasse, präsentiert, mag Westlerinnen irritieren – für die ukrainischen Normalbürger ist sie durchaus emanzipiert. Es geht hier nur um eines: die Überwindung des sowjetgrauen Alltags. Emanzipiert sind Städterinnen mit feinen Händen, sind Traktoristinnen und Melkerinnen, die den Geruch von Schmieröl und Milchsäure los geworden sind. Wenn sie dies statt mit Leistung mit Lockung geschafft haben – sei’s drum.

Es geschafft zu haben: In der Ukraine ist das womöglich noch wichtiger als im Westen. Nach dem Wie fragen die wenigsten, und wenn sich die Arrivierten so grosszügig zeigen wie Timoschenko, dann übersieht man selbst die dunkelsten Flecken auf der weissen Bluse. Timoschenko, jedermann weiss es, war selber Oligarchin. Als Präsidentin der Vereinigten Energiesysteme der Ukraine, einer Firma mit einem Umsatz von 11 Milliarden Dollar, die 1996 zum wichtigsten Importeur von russischem Erdgas wurde, habe sie Millionen unterschlagen, werfen ihr ihre Gegner vor. Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat lange Jahre gegen sie ermittelt, und in Russland läuft heute noch ein Strafverfahren gegen sie wegen Bestechung. Anfang 2001 sass sie in Kiew gar 42 Tage im Gefängnis.

Die Frau, die sich als Beschützerin der zu kurz Gekommenen stilisierte, hat das risikoreiche Spiel der Privatisierung, den Kampf um die fettesten Bissen staatlicher Industriehardware, jahrelang skrupellos mitgespielt. Und sie hat sich helfen lassen dabei. Ihr Mentor war Ministerpräsident Pawlo Lasarenko, ein Mann, gegen den Ende der 1990er Jahre in der Schweiz Anklage erhoben wurde und der heute in San Francisco im Gefängnis sitzt. Lasarenko sorgte dafür, dass die Vereinigten Energiesysteme praktisch eine Monopolstellung erhielten, und noch heute glauben viele, die «Gasprinzessin» habe nicht nur sich selber masslos bereichert, sondern auch Lasarenko für seine politische Vorleistung fürstlich belohnt.

Bewiesen ist das nicht, und Timoschenko bestreitet alle gegen sie erhobenen Vorwürfe energisch. Dass sie juristisch verfolgt wurde, ist für sie ein logisches Resultat ihrer politischen Karriere, Konsequenz der hervorragenden Arbeit, die sie seit 1999 geleistet hat, als Juschtschenko sie ins Kabinett holte. Als stellvertretende Ministerpräsidentin bekämpfte sie die korrupte Nomenklatura im Energiesektor, und zwar mit Erfolg: Die Steuereinnahmen stiegen um mehrere tausend Prozent, die Regierung hatte plötzlich wieder Geld, um die Löhne zu erhöhen, und sie wurde populär. Die Mächtigen wollten es ihr zunächst heimzahlen, indem sie die Justiz zur Anklage drängten. Aber sie bekamen bald kalte Füsse. Das Insiderwissen Julia Timoschenkos ist enorm, und es wird ihr zweifellos auch in Zukunft nützlich sein, wenn sie versuchen wird, erneut an die Spitze der Regierung zu stossen.

Ob sie den Gespenstern der oligarchischen Vergangenheit entfliehen will? Der Gedanke drängt sich auf, wenn man sich ihre Wandlung vor Augen hält. Aus der kühlen, Russisch sprechenden, stets nach der letzten Mode gekleideten Geschäftsfrau wurde die milde, wohltätige Mutter Heimat – die Frau des Volkes, die nun ein nicht ganz lupenreines Ukrainisch spricht, die die Russen hasst und sich den Zopf nach bäuerischer Art ums Haupt flicht.

Ist sie wirklich eine Geläuterte? Ihre Anhänger beschwören es; ihre Feinde kriegen Lachanfälle, wenn sie das Stichwort nur hören. Spekulationen sind müssig, aber vage befriedigend. Zeitungen und Internetbenutzer sinnen manchmal den vielen Millionen nach, die möglicherweise «irgendwo da draussen» liegen. Sicher ist, dass Timoschenko an ihrem revidierten Image eisern festhält. Anders als viele reiche Ukrainerinnen kleidet sie sich nie grell oder geschmacklos. Im Gespräch mit Armen und Verbitterten, ihrer Klientel, findet sie zu geradezu Clintonscher Empathie. Sie nickt und tröstet, sie versteht jedes Anliegen, verspricht Besserung und streichelt manchmal sogar sachte über schütteres Haar – sieht sie sich tatsächlich selber als Heilsbringerin?

Man muss es annehmen. Sie arbeitete laut eigenen Angaben 16 Stunden täglich, und die 65 000 Hrywna (rund 16 500 Franken), die sie jährlich verdiente, kreideten ihr nicht einmal mehr die Armen an. Ihr Domizil, eine Villa im Kiewer Nobelvorort Kontscha-Saspa, löste einigen Neid aus, vor allem, als bekannt wurde, dass sie gratis dort wohnte, auf Kosten von nicht näher identifizierten Freunden, die sich angeblich 15 000 Dollar jährlich entgehen liessen, um der bedürftigen Ministerpräsidentin ein Dach über dem Kopf zu geben. Aber bald schon wich der Unmut wohlwollendem Verständnis. Denn ist so etwas, letztlich, nicht auch eine Form von Schönheit? Treue Freunde, weiss jeder Ukrainer, sind mehr wert als alles Gold dieser Erde.

Ulrich Schmid ist NZZ-Korrespondent in Prag.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.