NZZ Folio 08/03 - Thema: Wir Affen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wie Alfred Kinsey über Moses siegte

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Von Wolf Schneider

WAS HEISST «NORMAL»? «Normal ist zum Beispiel der Weltkrieg», schrieb Franz Kafka 1917 an seine Schwester; woraus er folgerte: Manchmal sei das Unnormale eben vorzuziehen. Da hatte Kafka dem Wort schon den Sinn gegeben, der heute dominiert – noch immer aber im Widerstreit mit einer ganz anderen Bedeutung: Normal hiess einst (und heisst noch heute oft) gerade nicht das Gewohnte, sondern das, was der Norm entspricht, und die ist ein Richtmass, eine Vorschrift, ein Gebot; ein Sittengesetz zum Zweck des Kampfes gegen herrschende Unsitten. Nicht das Übliche zu benennen – das Richtige zu erzwingen, hielten Priester, Häuptlinge, Könige für ihre Pflicht: Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen!

Wer sich dem widersetzte, dem drohten schlimme Strafen, im Strafgesetzbuch drohen sie zum Teil heute noch. Schrecklich aber ist zu lesen, wie einst Moses sein Volk einmauerte mit Entsetzen, um es der Norm Gottes gefügig zu machen: Wer ihr nicht folge, sprach Moses, den werde der Herr mit Feigwarzen und Krätze schlagen, mit Wahnsinn, Blindheit und allen Seuchen Ägyptens; das Fleisch seiner Kinder werde er fressen vor Hunger, und Israel würde ein Scheusal sein unter den Völkern – ein Horrorgemälde in 53 Versen (5. Mose 28).

Solcher Aufwand war offensichtlich nötig, wenn die sittliche, die fordernde, die absolute Norm sich durchsetzen sollte. Stattdessen, umgekehrt, die regierenden Gewohnheiten als Mass des «Normalen» anzusehen, ist, je nach Standort, eine Errungenschaft oder eine Verfallserscheinung des 20. Jahrhunderts. 1948 und 1968 schliesslich wurde das alte «Das sollst du tun» überrollt von dem neuen «Das tun die meisten, also darfst du’s auch».

1948 nämlich publizierte der amerikanische Zoologe Alfred Kinsey sein Buch über das Geschlechtsverhalten des Mannes, erforscht in 20 000 Befragungen, die zum Schutz gegen schamhafte Vertuschung ebenso wie gegen Sexualprotzerei mit raffinierten Fussangeln versehen waren. Ein typisches Ergebnis: Mehr als die Hälfte der amerikanischen Männer begingen Ehe bruch.

Kaum aber sah Kinsey sein Zahlenwerk in einen Bestseller verwandelt, da war es falsch. Es trat da der merkwürdige Effekt ein, den der österreichische Psychiater Viktor Frankl so beschrieben hat: «Fragt ein Patient nach der Höhe seines Blutdrucks und wir sagen ihm ‹160›, dann haben wir ihm schon längst nicht mehr die Wahrheit gesagt; denn der Patient regt sich darüber auf und hat sogleich einen Blutdruck über 180.»

So kann es unter den Männern, die nun zum ersten Mal erfuhren, dass das Verbotene zugleich das Mehrheitsverhalten war, nur zu einer laxeren Einstellung gegenüber dem Ehebruch gekommen sein, mit der Folge, dass Kinsey seine Zahlen schon alsbald hätte nach oben korrigieren müssen. Die statistische, die soziale Norm, die sich als blosse Bestandsaufnahme missversteht, kann sich nicht davor schützen, von denen, die sie kennenlernen, als moralische Norm missbraucht zu werden – nach irgendwas wollen die Leute sich ja richten.

Was Kinsey für das amerikanische Sexualverhalten war, das ist für die Menschen deutscher Muttersprache die Duden-Redaktion. Im Sog der Bilderstürmerei von 1968 verabschiedete sich der Duden in seinen Neuauflagen von 1971 und 1976 erst von der stilistischen Norm («Was ist gutes Deutsch?») und dann auch von der grammatischen («Was ist korrektes Deutsch?»). Er schrieb nicht mehr vor, was richtig sei, sondern er ermittelte, was üblich war – gemessen beispielsweise an Heinrich Böll, Johannes Mario Simmel und der «Bildzeitung». Die Deutsche Presseagentur folgerte daraus 1985, auf den Duden dürfe man sich nicht mehr verlassen: Wenn sie selber einen Fehler oft genug gemacht habe, werde er vom Duden durch kommentarlosen Abdruck sank tioniert.

Der Masse der Duden-Benutzer ist so viel Misstrauen fremd – und so suchen sie die Sprachnorm, die das tonangebende Wörterbuch ihnen vorenthalten will, in seiner wertfreien Registratur, Unfug inklusive. Hochgemut trägt der Duden auf diese Weise bei zum Verfall der Sprachkultur. 1986 begann er zurückzukrebsen. «Richtiges Schreiben ist wieder gefragt!», log er, denn gefragt war es immer; der Mut zur klaren Norm aber hat den Duden verlassen.

Da loben wir uns die wenigen Fälle, in denen eine gesetzte Norm es geschafft hat, sich zugleich die Position der statistischen Norm zu erobern – offenbar, weil sie realistisch war. Ein ermutigendes Beispiel dafür liefert der Deutsche Normenausschuss, der seit mehr als achtzig Jahren Papierformate («DIN A4»), Schrauben, Ersatzteile, Masse, Begriffe aus Technik, Wirtschaft und Wissenschaft normiert, und niemand handelt dem zuwider. Und was uns kaum noch glaublich scheint: Erst vor gut hundert Jahren hat sich Mitteleuropa auf eine gemeinsame Uhrzeit geeinigt, unter dem Druck der Eisenbahn: Die musste noch 1890 in Preussen andere Zeiten in ihr Kursbuch drucken als in Bayern.

Ja, es gibt Fortschritte auf Erden. Selten genug – und was alles «Fortschritt» geheissen hat und heissen soll, das ist fast zum Weinen. Die Tränen aber erst beim nächsten Mal.




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