NZZ Folio 10/91 - Thema: Über Bücher   Inhaltsverzeichnis

Hypertext

Über das Schicksal von Büchern.

Von Vilém Flusser

Einst, zur alten Zeit (die angeblich auch gut war), sah die Sache ungefähr so aus: Jemand (in der Folge Autor genannt) schrieb ein Manuskript und sandte es an einen Verleger. Nach einer Wartezeit von einigen Wochen erhielt der Autor sein Manuskript per Post zurück mit dem Vermerk, es habe dem Verleger zwar gut gefallen, passe aber leider nicht ins gegenwärtige Programm und müsse daher mit grossem Bedauern abgelehnt werden. Das war zu erwarten, denn Verleger sind ja Vorrichtungen zum Verlegen des Wegs zwischen Autor und Leser. Daraufhin sandte der Autor sein Manuskript an einen anderen Verlag und wiederholte dies so oft, bis die Manuskriptseiten Eselsohren bekamen. Schliesslich fand sich ein mutiger Verlag, der mit grossen Bedenken und einigen Restriktionen den Text herauszugeben bereit war. Es folgte eine schleppende Korrespondenz zwischen Verleger und Autor, in deren Verlauf in den Wortlaut, den Duktus, die Sequenz und die Bedeutung des Textes eingegriffen wurde. Der Autor wagte nicht, sich gegen die Vergewaltigung seines Textes zur Wehr zu setzen, um die Veröffentlichung nicht in letzter Minute in Frage zu stellen, litt aber unter jedem Eingriff wie unter einem Schlage des Schicksals: habent sua fata libelli, Bücher haben ihre Schicksale.

Dann endlich erschien das Buch, allerdings unter einem vom Autor nicht beabsichtigen, aber von ihm widerwillig dennoch autorisierten Titel. Die Zahl der gedruckten Exemplare war seitens des Autors nicht einwandfrei festzustellen. Eine ganze Reihe dieser Exemplare wurde kostenlos an Zeitungen, Zeitschriften und ähnliche Instanzen verteilt in der Hoffnung, sie mögen das Buch kritisieren. Einige weitere Exemplare erhielt der Autor, damit er sie unterschrieben unter seine Freunde verteilt. Jetzt aber ging es vor allem darum, dass Bücherläden das Buch bestellen und womöglich in ihren Auslagen ausstellen mögen. Der Verkauf ging jedoch sehr zögernd vor sich, weil das Buch in einem ungünstigen Zeitpunkt auf den Markt gekommen war. Einerseits führte man irgendwo irgendeinen Kolonialkrieg, der die Aufmerksamkeit der literarischen Welt absorbierte, und andererseits war gerade eine literarische Autorität gestorben, und die Buchläden mussten sich diesem (profitablen) Ereignis widmen. Der Autor litt unter diesem Misserfolg wie unter den Schlägen des Schicksals: habent sua fata libelli.

Schliesslich beginnen die Verkäufe dennoch in Lauf zu kommen, und die ersten Zeitungsnotizen erscheinen. Zuerst nur Kurzmeldungen mit Fehlern im Buchtitel und im Namen des Autors, aber dann längere Besprechungen des Werkes. Zwar gehen die Meinungen der Kritiker weit auseinander, aber eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie gehen auf die Thesen des Autors nicht ein, sondern besprechen nur Dinge, die in seinen Augen nur Nebensachen berühren. Es ist daher gleichgültig, ob die Kritiken günstig oder ungünstig sind; ob eher gehässig oder leutselig gewogen oder gar anhimmelnd bewundernd: Sie gehen nach Ansicht des Autors am Wesen des Textes vorbei. Dies und die vielen Missdeutungen erwecken in ihm den Zweifel, ob die Kritiker seinen Text überhaupt richtig gelesen haben oder ob er selbst durch Undeutlichkeit oder schlechten Stil daran Schuld trägt. Er zuckt unter den Schlägen: habent sua fata libelli.

Und jetzt tritt etwas ein, das sich der Autor nicht hätte träumen lassen: die Zeitungsartikel werden häufiger und länger, Zeitschriften nehmen das Thema auf, und Radio und Fernsehen berichten darüber (obgleich die Missverständnisse und falschen Interpretationen dadurch eher noch ärger werden). Der Autor beginnt zu Vorträgen eingeladen, zu Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften aufgefordert zu werden, in Rundfunk und Fernsehen teilzunehmen, kurz: bekannt zu werden. Nur er allein weiss allerdings, dass es sich dabei um einen Irrtum handelt, dass ihm sein eigener Text ein Schnippchen geschlagen hat und dass er nun daran ist, ihm über den Kopf zu wachsen, ein Eigenleben zu führen und ihn, den Autor, dorthin mitzureissen: habent sua fata libelli.

So war das einst, ist im Grunde immer noch so und wird es voraussichtlich noch eine Weile lang bleiben. Aber daneben beginnt sich die Sache neu und folgendermassen zu gestalten. Jemand (in der Folge namenlos zu bleiben) hält irgendwo einen Vortrag. Dieser wird auf Band aufgenommen, numerisiert und in einen Computer gefüttert. Dieser Computer verfügt über ein Programm, das ihm gestattet, sogenannte Hypertexte zu fabrizieren. Das heisst: Unter den Text des Vortrags werden verschiedene Ebenen geschoben, und dazwischen wird eine Reihe von Stufen gebaut, die dem Benützer gestatten, von Ebene zu Ebene zu schreiten. Zugleich verfügt jede Ebene über Fenster, durch die der Benützer hineinsehen kann, aber auch befähigt wird, etwas hineinzufügen. Das schaut dann etwa so aus: Der Redner erwähnte in seinem Vortrag den Satz: habent sua fata libelli. Der Benutzer kann von da aus in ein tieferes Stockwerk gehen, um dort die Quelle dieses Zitats zu ersehen. Angenommen, diese Quelle sei spätrömischen Ursprungs: Dies gestattet dem Benutzer, in einem darunter liegenden Stockwerk alles über die spätrömische Periode zu ersehen. Das kann in einem noch tieferen Stockwerk zur Einsicht in eine Landkarte des imperialen Rom und einem noch tieferen zu einem Überblick über die Geschichte des römischen Imperiums führen. In jedem der so erreichten Stockwerke kann der Benutzer eingreifend seine eigenen Kommentare fügen und dann die so kommentierte Botschaft an weitere Benutzer leiten. Dadurch entsteht ein Schneeballeffekt, im Verlauf dessen der Hypertext immer gewaltigere Proportionen annimmt, wobei die ursprüngliche Vortragsebene längst in Vergessenheit geraten ist, um von Kommentaren und Gegenargumenten überwältigt zu werden: habent sua fata libelli.

Tatsächlich war der Vortrag ja nur ein Vorwand: Er diente als Haken, an welchem in der These alle menschliche Literatur überhaupt aus dem Keller gezogen wird, um daran angehängt zu werden. Der Exautor ist überflüssig. Eine Million Schimpansen werden zufällig notwendigerweise mit der Zeit (in einigen Milliarden Jahren) alle vergangenen und künftigen Texte in Schreibmaschinen tippen und derartige Hypertexte erzeugen. Das ist nur eine Frage der Schnelligkeit des Tippens. Diese künftige automatische Literatur hat noch keinen Namen. Man sollte sie HSFL nennen, abgekürzt für habent sua fata libelli.

Vilém Flusser ist Kulturphilosoph und lebt in Robion in Südfrankreich.


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