DER TÄUBERICH SCHNÄBELT hingebungsvoll mit dem Weibchen, das Schmetterlingspaar zeigt einen harmonischen Flattertanz, der Antilopenbulle legt zärtlich das hornbewehrte Haupt an den Hals der Auserwählten. So sehr uns solche Beispiele liebender Tiere gefallen mögen - sie bedeuten meist nur einen kurzen Waffenstillstand im lebenslangen Geschlechterkampf. Denn das Gesetz der Natur heisst Eigennutz. Und tüchtig im Sinne der Evolution ist ein Männchen oder Weibchen nur, wenn es die eigenen Gene mit maximalem Egoismus weitervererben kann.
Zum Weitervererben braucht es jedoch kampflose Nähe. Je abweisender das Verhalten des Einzeltieres gegenüber seinen Artgenossen gewöhnlich ist, desto aufwendiger sind die Hochzeitsvorbereitungen. So gehen der Paarung der Antilopen ein Halskampf und etliches Fliehen und Einholen voran. Das Männchen der Springspinnen muss stundenlang vor dem Weibchen tanzen und mit seinen Tastern winken, damit es nicht gefressen, sondern als Sexualpartner erkannt wird. Bei mancher Tierart gehört zum männlichen Pflichtprogramm das Mitbringen eines Geschenkes.
Der Adelie-Pinguin legt dem Weibchen einen runden Stein zu Füssen; die Chancen des Heiratsantrages sind besonders gross, wenn der Stein von roter Farbe ist. Der Fuchs bringt der Fähe eine tote Maus, Spinnen und Fliegen bringen als Brautgeschenk ein Insekt. Bei den Tanzfliegen spinnt das Männchen sein Geschenk vorher in Seide ein, die es in seinen Speicheldrüsen produziert. Die Verpackungskultur bringt handfesten Vorteil: denn während das Weibchen mit Auspacken beschäftigt ist, kopuliert das Männchen und macht sich davon, noch bevor das Weibchen seine Fresslust auf den körperlich unterlegenen Sexualpartner richtet. Die Päckchentaktik auf die Spitze getrieben hat jene Tanzfliegenart, bei der das Weibchen während des Geschlechtsakts geduldig Faden um Faden des Paketes löst - um schliesslich, wenn das Männchen längst wieder über alle Berge ist, anstatt eines Leckerbissens nur Leere zu finden.
Zur temporären Beschwichtigung der Partneraggression werden auch die sanften Saiten der programmierten Brutpflege gezupft. Hat ein männlicher Feldsperling eine Nisthöhle gefunden, wartet er auf ein vorüberfliegendes Weibchen. Er spielt nun aber keineswegs den imponierenden Herrn, sondern plustert sich wie ein Jungvögelchen auf und tschilpt mit mutterherzerweichender hoher Stimme. Vergisst hier das Weibchen vor lauter Fürsorge seine übliche Männerfeindlichkeit, sind es bei andern Vogelarten die Weibchen, die das Kleinkinderrepertoire zum Partnerfang nutzen: Sie machen sich vor ihrem Brutpartner möglichst klein und sind mit zitternden Flügeln und bettelnder Stimme die kindliche Hilflosigkeit in Person. Ähnliches findet sich selbst beim höchstentwickelten Säugetier, bei dem unter anderem besänftigendes Streicheln, verbale Niedlichkeiten wie Schätzchen, Mäuschen, Schnuckiputzi sowie das symbolische Futtergeben von Mund zu Mund zum Einsatz kommen.
Es mag in Anbetracht der geschlechtlichen Ambivalenz erstaunen, dass sich bei gewissen Tierarten Männchen und Weibchen lebenslang die Treue halten. Monogam leben beispielsweise Wildgänse, Buntbarsche und (bei den Primaten eher eine Ausnahme) die Gibbons. Sucht man nach den Gründen für solche sexuelle Treue, findet sich meist ein spezifischer Nutzen bei der Verteidigung des Lebensraums oder bei der Brutpflege - und damit letztlich ein Nutzen für das Weitergeben der eigenen Erbmasse. In der Regel aber ist ein Zusammenbleiben der Partner nach der Kopulation wenig sinnvoll, denn ein Männchen kann viel mehr Eier befruchten, als ein einziges Weibchen produziert, und für das Weibchen genügt es, wenn ein Männchen zum passenden Zeitpunkt seinen Samen liefert.
Deshalb konkurrieren zumeist die Männchen untereinander um den Zugang zu möglichst vielen Weibchen. Und es sind fast immer die Weibchen, die aus dem sexuellen Angebot schliesslich die Wahl treffen. So bevorzugen weibliche Rauchschwalben Männchen mit ausgeprägt langen Schwanzfedern, denn solche Langschwänzigkeit ist Ausdruck hoher genetischer Qualität. Und der ältere Pfauenherr mit dem besonders prächtigen Federkleid ist vermutlich deshalb der Liebling der Damen, weil ein Überleben solcher Üppigkeit in der rauhen Welt von grosser Kraft und Tüchtigkeit zeugt.
Ist für Männchen Vielweiberei in aller Regel ein genetischer Vorteil, entscheiden Weibchen mitunter gezielt, ob sie die alleinige Frau eines Männchens sein oder ob sie ihren Partner mit einer Rivalin teilen wollen. Eine Untersuchung an nordamerikanischen Singvögeln hat gezeigt, dass der weibliche Entscheid von der Qualität der verfügbaren Brutreviere abhängt. Je besser geeignet ein vom Männchen verteidigtes Territorium hinsichtlich Nistmöglichkeiten, Nahrungsangebot, Mikroklima und Deckung für das Ausbrüten und Aufziehen von Jungen, desto eher lassen sich Weibchen dort nieder.
Ist nun ein Revier wesentlich besser als das Nachbarterritorium, kann es sich für ein Weibchen lohnen, sich dort einem bereits ansässigen Paar als Nebenfrau anzuschliessen, anstatt dem Besitzer des schlechteren Reviers als Alleinfrau zu dienen. Ob Einzelehe oder Harem, scheint jedoch immer das Weibchen zu entscheiden; dem Männchen bleibt nur das Nachsehen, falls eine Dame ihren Vorteil anderswo sieht.
Um ihre individuellen genetischen Interessen wahrzunehmen, müssen sich Männchen oder Weibchen zuweilen noch für die Zeit nach dem Paarungsakt vorsehen. Bei der Fruchtfliege Drosophila überträgt das Männchen bei der Begattung mit den Spermien ein spezielles Sekret, welches das Weibchen zum Eierlegen stimuliert. Dieses eiweissartige Sexpeptid hat aber ausserdem zur Folge, dass das Weibchen jedes begattungswillige weitere Männchen mit Fusstritten verjagt und schliesslich durch Ausstossen des Eilegeapparates eine zweite Kopulation praktisch verunmöglicht. Das erste Männchen hat also zur Absicherung seines Fortpflanzungserfolgs der Braut einen chemischen Keuschheitsgürtel verpasst.
Es geht noch viel direkter. Die Eichhörnchenmännchen jagen im Frühjahr gleich rudelweise ein Weibchen durch das Geäst. So verzweifelt die weibliche Flucht erscheinen mag, die Dame weiss sehr wohl, wem sie sich durch Festklemmen ihres buschigen Schwanzes unter den Bauch verweigern und wem sie sich schliesslich öffnen will. Das auserwählte Männchen verlässt sich indes nicht auf die weibliche Willensstärke. Die mit speziellen Sekreten angereicherte Samenflüssigkeit wird innert Minuten nach der Kopulation wachs- bis gummiartig und verstopft als Pfropfen die Vagina - ein solides Hindernis gegen jeglichen Paarungsversuch weiterer Liebhaber.
Solche Vaginalpfropfen finden sich bei etlichen Nagerarten und insbesondere in der Familie der Hörnchen. John Koprowski von der Universität Kansas hat nun unlängst eine sehr erstaunliche Entdeckung gemacht. Als er das Paarungsverhalten von Fuchshörnchen und Grauhörnchen in den Nussbäumen auf dem Universitätsgelände studierte, beobachtete er, wie die Weibchen innerhalb von weniger als dreissig Sekunden nach der Begattung den sich formenden Vaginalpfropfen mit den Schneidezähnen packten und entweder frassen oder vom Baum herunterschmissen. Bei den 48 beobachteten Kopulationen entfernten die Weibchen in 29 Fällen umgehend den Keuschheitsgürtel. Weitere Befreiungsaktionen mögen später erfolgt sein; bei einem drei Stunden nach der Begattung gefangenen Weibchen war der Pfropfen hingegen noch intakt.
Koprowski vermutet, der Vaginalpfropfen und seine Entfernung widerspiegelten den Konflikt zwischen unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien von Männchen und Weibchen. Denn bei Eichhörnchen führt ein mehrmaliges Begatten durch verschiedene Männchen schliesslich zu einem Wurf mit Kindern von verschiedenen Vätern. Genetisch betrachtet ist eine solche geteilte Vaterschaft für ein Männchen höchst unvorteilhaft, weshalb der Keuschheitsgürtel den Alleinanspruch sichern soll. Das Weibchen indes entledigt sich dieser Beschränkung, weil es möglichst alle herangereiften Eier befruchtet haben will und weil eine väterliche Vielfalt für den weiblichen Fortpflanzungserfolg besser sein kann als exklusive Vaterschaft. Kampf der Geschlechter selbst noch im Liebesnest.