NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Willkommen im Haifischbecken

© Keystone/Peter Schneider
Der Nationalratssaal im Bundeshaus: Platz nehmen, bitte! Linktext
Von Daniel Weber
Heute, am 3. März 2008, beginnt die Frühjahrssession der eidgenössischen Räte, und auch sie sitzen wieder hinter ihren Pültchen im Nationalratssaal: Andrea Geissbühler aus Herrenschwanden, Brigit Wyss aus Solothurn, Christian Wasserfallen aus Bern, Daniel Jositsch aus Stäfa und Pius Segmüller aus Luzern. Es ist ihre zweite Session; im Dezember gaben sie ihren Einstand in Bern.

Wie es diesen Neulingen im nationalen Politikbetrieb erging, erzählen wir in diesem Heft in sieben Kapiteln. Nach der Wahl haben wir uns ihnen an die Fersen geheftet: Wir tranken Prosecco an ihren Feiern, schauten im Ratssaal zu, als sie vereidigt wurden, beobachteten sie in der Wandelhalle des Bundeshauses, harrten mit ihnen in Sitzungen und Parteiversammlungen aus, begleiteten sie in Berner Restaurants und Bars und besuchten sie, die Politiker im Nebenjob, an ihrem Arbeitsplatz.

Der Nationalrat sei ein Haifischbecken, das hört man oft in Bern. Aber nicht, weil dort die gegnerischen Parteien übereinander herfallen – nein, die Herausforderung für die Neuen ist die Konkurrenz in den eigenen Reihen. Egal, wie viel politische Erfahrung sie aus ihrer Gemeinde oder ihrem Kanton mitbringen: Sie bekommen zu spüren, dass man in der eigenen Partei nicht freudig auf sie gewartet hat und dass die Themen, mit denen sie ihren Wahlkampf geführt und gewonnen haben, alle schon besetzt sind. Wer in der hektischen Betriebsamkeit des Parlamentsbetriebs Fuss fassen will, muss kämpfen: um seinen Kommissionssitz, um Redezeit vorne am Pult, um Aufmerksamkeit in den Medien.

Und die Ideale? Die Überzeugungen? Die hat jeder, der in die Politik geht und sich mit Gleichgesinnten für seine Anliegen einsetzen will. Aber in den hundert Tagen, die wir mit den fünf Nationalrätinnen und Nationalräten unterwegs waren, haben wir miterlebt, dass in unserem auf Kompromiss und Konsens gegründeten Sy­stem noch mehr als anderswo gilt, was der Soziologe Max Weber in den berühmten Satz gefasst hat: «Die Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern…» Und er fügte hinzu, was man nicht nur den Neuen wünscht: «…mit Leidenschaft und Augenmass zugleich.»

Daniel Weber

Drei Reporter haben die Volksvertreter begleitet: die freie Journalistin Andrea Strässle sowie die NZZ-Folio-Redaktoren ­Andreas Heller und Daniel Weber.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Ich habe die letzte Folio-Ausgabe durchgelesen (was relativ selten passiert) und möchte Ihnen gratulieren. Es war wirklich eine sehr interessante Lektüre und es wäre wünschenswert, nicht nur nach 100 Tagen, sondern nochmals nach 1-2 Jahren nachzufassen. Dies, um zu sehen, wie viel vom ursprünglichen Enthusiasmus noch geblieben ist und beim wem sich die Ansichten geändert haben. Nun freue ich mich auf das kommende Folio - scheint für mich wiederum lehrreich zu sein. Das Rätsel-Folio hat mir auch gut gefallen, auch wenn ich wenig davon lösen konnte, und noch immer eines der besten war die Ausgabe über Normen.
Romilda Müller, Rümlang



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Die Ausgabe "Volksvertreter" ist eines der besten Hefte der letzten Jahre! Merci dafür! Sehr interessant, mit dem nötigen Augenzwinkern, lehrreich, einfach sehr gut! Man bekam zu spüren, dass auch diese fünf Porträtierten nur Menschen sind; die Distanz zu "denen in Bern" schmolz auf Papierdicke zusammen. Wunderbar!
Regula Schnetzer, Langenthal



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Mit grossem Interesse und Genuss habe ich die ersten 100 Tage von fünf neugewählten Volksvertretern gelesen. Leider ist zu befürchten, dass sich die Neuen in Bälde die Fehlleistungen ihrer bestandenen Kollegen im Parlament anschliessen werden. Mit Fehlleistungen meine ich die beschlossenen Erhöhung der eigenen Entschädigungen sowie die in der letzten Legislatur verspielten Milliarden (ein mehrfaches der Einlagen des Singapurer Staatsfonds in die UBS, vgl. Beat Kappeler NZZ am Sonntag 2. März 2008: „Die Zocker aus dem Bundeshaus“). Daran sind wir Schweizer Bürger aber nicht unschuldig, denn wir haben diese Volksvertreter gewählt!
Dr. Johannes Hohl, Basel



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Die ersten hundert Tage eines Wählers. Es scheint schon so: selbst ein Niemand wird zum Promi, sobald er im Bundeshaus sitzt. Aber wollen diese Damen und Herren wirklich uns Menschen in der Schweiz nach vorne bringen, oder nur sich selbst? Natürlich, eine gemachte Frau/Mann zu sein und etwas Staat zu spielen, muss sehr angenehm sein. Ob das reicht? War das gratis Erstklassfahren oder die Sorge, dass man erst mit sechs Bundesräten per Du ist und deshalb dringend der Siebten "Grüezi" sagen muss und andere lächerliche Statements die Motivation dieser Kandidaten? Wie drollig Universitätsprofessoren werden, sobald sie sich mit Politik befassen, ist auch nicht neu, siehe Herr Prof. Mörgeli. Bleibt zu hoffen, dass diese Leute wenigstens hin und wieder etwas zustandebringen über das wir uns freuen können.
Bruno Bänninger, Ins



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Die spannende Lektüre Ihrer Reportage über die fünf Neugewählten hat mich so in den Bann gezogen, dass ich den ganzen Text mit grossem Interesse und Vergnügen in einem Zug gelesen habe. Ein Film hätte nicht packender sein können. Gratulation!
Kurt Sperisen, Küsnacht



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Ich möchte Ihnen herzlich gratulieren zum NZZ Folio über die neuen Volksvertreter. Da wird einmal etwas der Vorhang gelüftet und man kann sozusagen mit den Neugewählten zusammen in die Welt der Bundespolitik hineinschauen. Eines ist mir klar geworden: warum Politikerinnen und Politiker den Ruch haben, nicht die Wahrheit zu sagen, liegt auch daran, dass sie oft nicht ihre eigene Meinung, sondern diejenige ihrer Partei vertreten müssen. Und wehe dem, der von der Linie abweicht, der wird nicht nur in der SVP zurecht gewiesen. Etwas Kleines bedaure ich allerdings: die etwas einseitige Auswahl der Porträtierten. Ausser der grünen Brigit Wyss scheinen mir alle eher am rechten Rand ihrer Parteien angesiedelt. Interessant wäre es auch gewesen, noch einem etwas liberaleren Bürgerlichen oder einem typischen SP-Gewerkschafter über die Schulter zu schauen. Aber das Wichtigste zuletzt, es wurden Menschen gezeichnet, die als Menschen spürbar wurden. Und das ist es, was ich mir auch von Politikerinnen und Politikern vermehrt wünsche, unabhänig von ihrer politischen Couleur.
Pius Bichsel, Seeberg



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Sie haben es geschafft, auf eine ganz unvergleichliche Art einen Einblick in den Alltag dieser Nationalrats-Neulinge zu geben. Ich habe mich dabei bestens amüsiert. Wie die politischen Mühlen malen und in allen Parteien Hahnenkämpfe stattfinden wurde mir hier sehr anschaulich erzählt. Ein Heft zum Aufbewahren! 
Rolf Baumann, per E-Mail



Zu Editorial -- Willkommen im Haifischbecken - NZZ-Folio Volksvertreter (03/08)

Superheft! Bundesbern "von unten", so wie man es in dieser Vielschichtigkeit noch nicht geschildert bekommen hat. Gratuliere der Redaktion!
Peter Graber, per E-Mail



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.