«ES WAR EIN RIESENKRAKE von gewaltigen Ausmassen, an die 25 Fuss lang. Seine riesigen, blaugrünen Augen starrten uns an. Deutlich konnten wir die 250 Saugnäpfe erkennen, die die Innenseite seiner Tentakel säumten. Der Rachen des Monsters - ein Hornschnabel wie der eines Papageis - schloss und öffnete sich wie eine Blechschere. Seine Farbe wechselte sehr schnell; je nach Stimmung nahm das Ungeheuer eine scheusslich graue bis rötlich braune Tönung an.»
Das Monster greift das Unterseeboot «Nautilus» von Kapitän Nemo unbarmherzig an. Die tapfere Crew wehrt sich mit Äxten und Harpune; ein Seemann wird von einem Fangarm in die Tiefe gerissen; der Schrecken findet sein Ende, als die Harpune ins Herz des Monsters dringt. Was Jules Verne im Jahre 1870 seine Helden im Roman «20 000 Meilen unter dem Meer» erleiden lässt, hat wie manches im Schrifttum des Science-fiction-Begründers einen wahren Kern.
Am 30. November 1861 widerfuhr der Mannschaft der französischen Korvette «Alecton» vor Teneriffa tatsächlich Ungemütliches. Eine riesige Kreatur war neben dem Schiff aufgetaucht. Man versuchte, das Tier zu harpunieren und zu erschiessen. Erfolglos durchdrangen Kugeln und Harpunen das puddingartige Fleisch. Aber dann gelang es den Männern, der Bestie ein Tau um den Leib zu knoten. Beim Versuch, das schwere Tier an Bord zu hieven, blieb nur der Schwanz in der Schlinge. Dem abgerissenen Körperteil soll ein strenger Moschusgeruch entströmt sein.
Aus dem Nordatlantik war schon seit dem 17. Jahrhundert Ähnliches berichtet worden. 1639 wurde in Island ein mächtiger Kadaver mit «sieben Schwänzen, bedeckt mit eigenartigen Knöpfen», angeschwemmt; der norwegische Bischof Pontoppidan beschrieb 1755 in seiner Naturgeschichte den «Kraken», der mit einer Länge von eineinhalb englischen Meilen das grösste Seeungeheuer der Welt sei. Von Walfängern, die vor Neufundland jagten, hörte man immer wieder, wie harpunierte Pottwale im Todeskampf Körperteile eines unbekannten, monströsen Tieres hervorwürgten.
Im Jahre 1857 sichtete der dänische Naturforscher Japetus Steenstrup die zahlreichen Berichte und Funde. Und er rückte die sagenhaften Meeresungeheuer als neue Tiergattung Architeuthis (Riesenkalmare) ins Licht der Zoologie. Die grössten aller Kopffüsser waren nun wissenschaftlich anerkannt; das genauere Wo und Wie ihrer Existenz entzieht sich aber bis heute den neugierigen Forschern.
Waren die Begegnungen mit Riesenkalmaren im Laufe der Jahrhunderte vereinzelte Episoden, strandeten zwischen 1870 und 1890 an den Küsten von Neufundland Dutzende der urtümlichen Viecher. Die wohl aufregendste Begegnung jener Jahre erlebten die Heringfischer Daniel Squires, Theophilus Piccot und dessen zwölfjähriger Sohn Tom. Sie ruderten im Oktober 1873 mit ihrem kleinen Boot in die Conception Bay im Südosten von Neufundland hinaus, als sie im Wasser ein glattes, glänzendes Etwas treiben sahen - vermutlich ein Teil eines Wrackes. Als einer der Fischer mit dem Enterhaken nach dem Ding schlug, kochte plötzlich das Meer: ein Kranz langer Arme durchwühlte das Wasser, Kiefer schlugen dröhnend ins Holz, zwei Augen so gross wie Suppenteller glotzten die Männer an.
Dann peitschte ein riesiger Tentakel durch die Luft, wickelte sich um das Boot und begann es unter Wasser zu ziehen. Verzweifelt versuchte einer der Männer, in Richtung Land zu rudern; sein Kamerad kämpfte mit dem Eimer gegen das eindringende Wasser. Der junge Tom aber griff beherzt zum Beil und hackte dem Riesenkalmar den Tentakel vom Leib. In einer Wolke dunkler Tinte verschwand das Monster im Meer. Die abgehackte Trophäe - eine Wurst von sechs Metern Länge - wurde zur viel bewunderten Kuriosität.
Seltsamerweise kam es praktisch zur gleichen Zeit auf der andern Seite der Welt, in Neuseeland, ebenfalls zu einer Invasion von Riesenkalmaren. Dort wurde 1880 der bisher grösste gestrandete Architeuthis gefunden: Von der Spitze seines Mantels bis zum Ende der Tentakel mass er 18 Meter. Er wog eine Tonne; mit 40 Zentimetern Durchmesser waren seine Augen die grössten im gesamten Tierreich. Was man zunächst für Blutgefässe hielt, waren Nervenbahnen so dick wie Telefonkabel.
Warum just in jenen Jahrzehnten Riesenkalmare massenweise auftauchten, bleibt bis heute rätselhaft. Auffallend ist, dass praktisch alle gefundenen Tiere entweder tot oder in sehr schlechter Verfassung waren. Die Biologen sind heute der Meinung, der Riesenkalmar lebe normalerweise in sehr grossen Tiefen von bis zu 2000 Metern. Dort schwebt er praktisch schwerelos, denn sein Muskelfleisch enthält Hohlräume, gefüllt mit Salmiak (Ammoniumchlorid), einer Flüssigkeit, die leichter ist als Meerwasser. Dies ist der Grund, warum verletzte und tote Tiere an der Oberfläche treiben. Auch der äusserst bittere Geschmack des Fleisches sowie der notorische Moschusgeruch kommen vom Salmiak her.
Das gelegentliche Massensterben der Riesenkalmare könnte seinen Grund in der speziellen Blutversorgung haben: Der Sauerstoff wird im Blut nicht über das eisenhaltige Hämoglobin, sondern mit dem kupferhaltigen Pigment Hämocyanin gebunden, wodurch das Blut weniger zähflüssig wird und sich leichter durch die Fangarme pumpen lässt. Der Preis für diese Erleichterung ist eine wesentlich geringere Aufnahmefähigkeit des Blutes für Sauerstoff. Deshalb verfügt der Kalmar über drei Herzen: ein zentrales und je eines für die beiden Kiemen.
Man vermutet, dass der Riesenkalmar ein gemächliches Leben führt und Fische und anderes Getier fängt, indem er der Beute auflauert. Ozeanische Strömungsschwankungen könnten die Kalmare in zu warmes oder zu kaltes Wasser treiben, was sie wegen Sauerstoffmangels schwächt.
Um das heimliche Leben der Riesenkalmare zu ergründen, haben sich die Zoologen mit deren ärgsten Feinden verbündet: den Pottwalen. Diese können auf über 2000 Meter abtauchen und sich Kalmare aller Art aus der Tiefe holen. Zeuge dieser kulinarischen Vorliebe ist ein Friedhof von Kalmarschnäbeln im Walmagen. Funde von etlichen Tausend Schnäbeln sind nicht selten. Ein russischer Forscher hat gar 28 000 Schnabelhälften im Innern eines einzigen Pottwals gefunden, darunter viele von Riesenkalmaren.
Der Wal trägt am Körper die Quittung für seine Fresslust. Pottwalköpfe sind oft von kreisrunden Narben übersät. Die Kalmare fügen sie ihnen mit ihren Saugnäpfen zu, die mit Chitinzähnen umkränzt sind. Die acht Fangarme sind je mit einer doppelten Reihe Saugnäpfe ausgestattet, die keulenförmigen Enden der beiden überlangen Tentakel mit vier Reihen - alles in allem eine potente Waffe. Wie der Pottwal mit dem Gefuchtel fertig wird, ist wiederum Spekulation. Vermutlich setzt er seinen hochenergetischen Ultraschallgenerator, der ihm zur Kommunikation und Orientierung im Meeresdunkel dient, als akustische Betäubungskeule gegen die schwabbelige Beute ein.
Einer der eifrigsten Spezialisten für Riesenkalmare ist Clyde Roper von der Washingtoner Smithsonian Institution. Als wissenschaftlichen Jagdgrund hat er sich den Kaikoura Canyon, einen 1700 Meter tiefer Ozeangraben vor der Südinsel Neuseelands, ausgesucht. Dort gibt es viele Pottwale, und dort tauchen auch immer wieder müde Riesenkalmare an der Oberfläche auf. Mit einem Tauchroboter, einem Unterseeboot und einer Kamera, die er per Saugnapf einem Pottwal auf den Rücken klebt, sucht Roper seit 1997 nach dem Riesenkalmar.
Durch direktes Beobachten der Tiere in ihrem angestammten Lebensraum könnte man endlich erfahren, wie sie sich bewegen, was sie fressen, wie sie sich sozial verhalten. Doch Ropers Suche war bisher vergeblich. «Wir wissen, die Riesenkalmare sind da, und wir werden sie finden», ist er überzeugt. «Aber die Ozeane machen 99 Prozent der globalen Biosphäre aus. Da muss man halt etwas länger suchen, falls sich ein Wesen in der Tiefsee versteckt.»