NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Vom Staunen

Wer staunt, hilft anderen sehen.

Von Angelika Overath

IN EINEM HERUNTERGEKOMMENEN Arbeiterviertel von Marseille liegt, hinter Mauern versteckt, ein Frauenkloster von Mystikerinnen, die sich «Opfer des heiligen Herzen Jesu» nennen. Sie leben einen streng eingeübten Alltag, der jeden Passanten, so er Zutritt oder nur Einblick hätte, an seinen Wahrnehmungen zweifeln liesse. Zur Normalität dieser Frauen gehört es, sich absoluter Klausur zu unterwerfen und die irdischen Tage als einen Rosenkranz zu zelebrieren. Wie Perlen wechseln Stundengebete, Andachten, Klosterarbeiten und Wachen vor der ausgestellten Hostie, die in der Kapelle ununterbrochen angebetet wird. Sie verzichten auf ihre Sprache. «Die stille Seele hört Gott», sagt eine der Parolen an der weissgekalkten Wand.

Während der Arbeiten verständigen sie sich mit zwei Dutzend Handzeichen und orientieren sich an den Glockenschlägen, die, differenziert wie Impulse eines Morsesystems, rufen oder warnen, etwa wenn der Karren des Orangenhändlers vor der Pforte hält. Dann werfen die Frauen den langen schwarzen Schleier über ihr Gesicht. Nur während der kurzen Rekreation ist im Kreis der Gemeinschaft eine von der Äbtissin moderierte leichte Konversation erlaubt. Die Mystikerinnen verstehen ihr Dasein als absolute Selbstaufgabe in der Hingabe an den göttlichen Bräutigam Christus.

Sie leben weitgehend autark: mit einer Kuh, einigem Kleinvieh, Kräuter- und Gemüsebeeten. Vom alten Birnbaum aus der Zeit der Klostergründung Mitte des 19. Jahrhunderts nehmen die Nonnen Früchte und schneiden aus seinem Holz die Kreuze, die sie an einem Strick um den Hals tragen. Ihr Daseinszirkel ist perfekt. Neben dem alten Waschhaus, in dem die Frauen ihre dicken Sackkutten von Hand über den geriffelten Stein reiben, liegt schon der Kreuzweg, der zur Reinigung ihrer Seelen dient. Stirbt eine Nonne, wird sie mit einem Kranz aus seidenen Rosen und langen Dornen aufgebahrt und dann in die Katakomben im Garten gelegt, hinter den Himbeeren, bei den Zypressen. Die Jüngste der Gemeinschaft ist 28 Jahre alt und lebt seit 4 Jahren in Klausur. Die älteste, ein 81jähriges Weiblein, hat seit 58 Jahren das ummauerte Terrain nicht verlassen. Im Kloster gibt es keine Spiegel, und die Frauen vergessen schnell ihr Gesicht. Sie sehen sich nur als eine gottgefällige Variante der Antlitze ihrer Schwestern, in den Ovalen, die die weissen Hauben freigeben unter einem schwarzen Schleier, über einer bodenlangen armutsbraunen Tracht. Sie müssen es als eine Bussübung aufgefasst haben, als sie einmal für kurze Zeit eine Fremde bei sich einliessen.

Einige der Nonnen bemalen in ihren Arbeitsstunden tönerne Krippenfiguren. Mit Pinseln, deren Haare gezählt sind, ziehen sie die Wimpern des Jesuskinds und tönen das Lächeln des alten Josef. Sie setzen winzige Blumen und kleine Bienenmuster auf den rosafarbenen, gelben oder blauen Grund der gemalten Stoffe. Alle sind zur Krippe gekommen: die alte Frau mit dem Kürbis und einem elfenbeinschimmernden Knoblauchzopf, der muskulöse Fischer mit dem geschulterten Netz und dem schaukelnden silbrigen Fang; der bemehlte Bäcker mit den Baguettes, das sich stützende Ehepaar mit einem Körbchen voller Eier. Und zwischen den geschmückten Kamelen der Könige, die Gold, Myrrhe und Weihrauch bringen, umfasst eine junge Frau eine Garbe Lavendel, und ein Mütterchen hält drei Zwiebeln hoch.

Unter all diesen aber steht eine andere Figur. Es ist ein altersloser Mann in unauffälliger Kleidung, der mit weit geöffneten Armen die leeren Hände gegen den Himmel reckt. Auf meine verwunderte Frage antworten sie ganz selbstverständlich: Aber das sei doch der, der staunt. Die Figur des Staunenden gehört zum Ensemble einer provenzalischen Krippe. Sie zeigt einen Menschen im vagen Zustand der wachsamen Hingabe. Er staunt mit dem ganzen Körper. In dieser Haltung liegt die Wende zum Begreifen. Deshalb sind seine Hände noch leer. Vielleicht wird er später ein Geschenk reichen und dankbar an der Anbetung teilnehmen können. Noch steht er nur da und greift mit weit geöffneten Armen nach dem Unfasslichen. In dieser Geste ist ein Moment zur Anschaulichkeit geronnen, den das Tun der anderen schon voraussetzt. Der Staunende ist ein Statthalter für das Wunderbare.

Das Wunder braucht, um ein Wunder zu sein, jemanden, der staunt. Und ist es nicht umgekehrt so, dass der Staunende das Wunder erst entdeckt? Staunen nicht alle Eltern vor einem Geschehen, das (im Unterschied zur Geburt von Gottes Sohn) doch menschheitsgeschichtlich zu den banaleren gehört: der Geburt des eigenen Kindes? Wir wissen nicht, ob Gottvater an Weihnachten staunte. Wir wissen, dass er am letzten Schöpfungstag sein Werk betrachtete und sah, dass es gut war. Auch seine Geschöpfe lebten im Paradies in nur selbstverständlicher Harmonie. Erst als sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, bemerkten Adam und Eva, dass sie nackt waren. Und staunten zum erstenmal.

In einem poetisch radikalen Sprachgebrauch, der das Wort «staunen» auf den bezieht, «der staunen macht», hat Klopstock Christus den «Staunenden der Endlichkeiten» genannt. Dem menschgewordenen Gott kann nur staunend begegnet werden. Die profanere Neuzeit hat sich eine sterbliche und zugleich messianisch aufgeladene Kindervita gesucht. In der Gestalt des Kaspar Hauser, der mit seinem besonderen Blick die alltäglichsten Erscheinungen mit einem Firnis des Wunderbaren zu überziehen schien, fand die Moderne ihr Staunen.

Der historische Kaspar Hauser, der, etwa 15jährig, zu Pfingsten 1828 in Nürnberg auftauchte, war von seinem dritten oder vierten Lebensjahr an in einem Kellerloch festgekettet gewesen. Menschlichen Kontakt kannte er nicht. Seine Nahrung bestand aus Kräuterbrot und Wasser, das mit Opium versetzt worden war. So schlief der Knabe viel. Wachte er auf, fand er Essen vor. Seine Notdurft erledigte er durch eine offene Hose. Zum Spielen hatte er Holzpferdchen, die er mit Bändern aufputzte. Kurz vor seiner Freisetzung lehrte ihn der Mann, der ihn versorgt hatte, seinen Namen zu schreiben.

Der des Laufens und der menschlichen Rede nicht mächtige Knabe wird nach Nürnberg geschleppt und ausgesetzt. Er hält einen Brief in der Hand, der seine Herkunft verschleiert. Die Nürnberger stecken die «possierliche und pudelnärrische» Gestalt in einen Turm, wo das schreckhafte und extrem lichtempfindliche Kind wie ein exotisches Tier besichtigt wird. Für den Volksschullehrer Georg Friedrich Daumer ist der Findling der Idealtypus des wilden Rousseauschen Kindes, dessen edlen Sinn es nun zu entwickeln gilt. Er nimmt Kaspar Hauser bei sich auf und macht im Auftrag des Juristen Anselm von Feuerbach, der sich für den Fall eines «Verbrechens am Seelenleben des Menschen» interessiert, Aufzeichnungen über die Entwicklung des Knaben. Unterdessen mehren sich die Gerüchte, dass der Findling ein Prinz sei, der verstossene rechtmässige Nachfolger auf dem badischen Thron. Man trachtet Kaspar nach dem Leben. Er übersteht ein erstes Attentat 1829, einem zweiten Mordanschlag kurz vor Weihnachten 1833 entgeht er nicht. Seine Herkunft wurde nie geklärt; sein Prinzentum nicht widerlegt. Das war bis heute Stoff genug für Kriminalisten, Juristen, Pädagogen - und die Dichter, die sich mit dem in die Welt ausgesetzten Fremdling identifizierten.

Aus den Aufzeichnungen Daumers geht hervor, wie mühsam Kaspar Hauser zunächst lernen musste, einer und nur einer und mit sich selbst identisch zu sein. Daumer verwickelt Kaspar Hauser in Fragen nach Kaspar Hauser. «Da ging ihm auf einmal ein Licht auf; er sagte, ja freilich, denn er wäre ja selbst der Kaspar, und er sähe jetzt wie einfältig er gewesen sei. - Ich fragte ihn, ob er denn geglaubt, der Kaspar sei ein anderer, als er selbst. - Er antwortete, er habe gemeint, der Kaspar sei oder stecke in ihm drin, und ich möchte das nur niemand erzählen, damit er nicht ausgelacht würde.»

Kaum konnte Kaspar sprechen, glaubte er, was selbst die Romantiker nur als einen Zustand in alter Vorzeit imaginierten, dass nämlich eine allumfassende Kommunikation möglich sei. So formulierte er gegenüber Tieren sehr langsam, damit sie ihn nur ja verständen. Mit der Katze sprach er «wie mit einem Menschen und verwunderte sich, dass sie nicht darauf achte und nichts lernen wolle». Er bemühte sich, ihr den aufrechten Gang beizubringen, auch sollte sie, statt direkt mit dem Munde, mit der Pfote essen. Er sah den Sternenhimmel, und «sein Erstaunen, seine Freude lässt sich nicht beschreiben (. . .), und fragte, wer die vielen schönen Lichter da hinauf setze, anzünde und wieder auslösche». Er wollte wissen, wer die grossen gezackten Blätter an den Bäumen ausschnitte. Er ermahnte den Wind, das Papier nicht vom Tische zu blasen, und fütterte noch lange seine neuen Pferde aus Holz. Entsetzen packte ihn vor einem Kruzifix: Man solle doch den gequälten Menschen endlich herunternehmen. Auch die Bilder auf den Kupferbögen hielt er für lebendig wie alles, was in Bewegung war, so die Äpfel, die im Garten vor seine Füssen rollten. Er wünschte, dass die Tiere rot oder blau seien. Das Grün der Wiesen liebte er nicht, dafür um so mehr das Rot, und er stellte sich vor, sein Gesicht «müsste sehr schön aussehen, wenn es vergoldet wäre».

Dieser unmittelbare, dieser staunende, noch durch keine Konventionen gemilderte Daseinsbezug machte Kaspar Hauser für die modernen Poeten zum Prototyp des Aussenseiters. Hier witterten sie zugleich eine ungeheure kreative Kraft. Es faszinierte sie ein Wesen, das eben kein kleines Kind mehr war und, mit einer hohen Intelligenz begabt, erst in jugendlichem Alter alles, was es sah, zum erstenmal sah und neu interpretierte. Der staunende Fremdling gab ihnen die eigene Aufmerksamkeit zurück.

Weil Kaspar Hauser staunte, sehen auch die anderen das Altbekannte neu. Bringt also der Staunende doch etwas mit? Benjamin hat die Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele genannt, und was ist sie anderes als die Bereitschaft, zu staunen und einen Akut zu setzen auf den heimlichen wie offenbaren Augenblick?

Damals nahm ich vom Kloster zweierlei mit auf den Weg: die wunderliche Figur mit den erhobenen Armen für den Schreibtisch und das Panorama der in enge Hauben gefassten Frauenaugen, die mich plötzlich anstarrten. Ich hatte höflich das Vesper für die Reise ausgeschlagen, im Flugzeug gebe es immer etwas. Die Mystikerinnen schauten noch eine Weile unverwandt. Bis sie es ahnten. So waren wohl die Menschen in der Welt. Da stiegen sie auf ins Erhabene, und was taten sie in den himmlischen Wolken: Essen! Ihr offenes Staunen begleitete mich wie ein Segen, und da wusste ich auf einmal, woran die Haltung jener Tonfigur erinnerte.

Angelika Overath, Tübingen, ist freie Journalistin.


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