NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wenn Männer guter Hoffnung sind

Von Herbert Cerutti

IN SEICHTEM WASSER klammert sich ein Seepferdchen mit dem Schwanz an einen Seegrashalm, den Unterbauch zum Platzen gefüllt. In seinem Leib wachsen ein paar hundert Embryonen heran - eine ganz gewöhnliche Sache, nur dass hier für einmal ein Männchen schwanger ist. Und es handelt sich keineswegs um eine Variante der bei manchen Fischen üblichen Brutpflege, wo Männchen die Eier zum Schutz vor Fressfeinden im Maul herumtragen und so ausbrüten. Der Seepferdchenmann bietet seinem Nachwuchs den vollen Gebärmutterkomfort mit allem Drum und Dran.

Das Geschehen nimmt seinen Anfang, wenn erstes Dämmerlicht durch das Wasser schimmert. Hat sich das in treuer Monogamie lebende Paar tags zuvor noch wie jeden Morgen zehn Minuten lang mit Pirouetten begrüsst, zeigt das Männchen jetzt sexuelles Interesse. Mit einer heftigen Ruckbewegung klappt es den Schwanz wiederholt nach vorn und pumpt so Wasser in den Brutbeutel, der sonst schlaff zwischen Unterbauch und Schwanzansatz hängt. Männchen wie Weibchen wechseln die Hautfarbe zu leuchtenden Farbtönen, sie klammern sich an denselben Halm, drehen sich wie Karussellpferdchen im Kreis.

Drei Tage lang wiederholt sich das Balzritual. Dann hat sich auch der weibliche Bauch wegen der herangereiften Eier gewölbt. Es ist Zeit, zur Sache zu kommen. Das Weibchen stellt sich mit ausgestrecktem Schwanz senkrecht ins Wasser und lässt sich langsam nach oben treiben - das Signal für das Männchen, sich bäuchlings an den Bauch der Schwebenden zu schmiegen. Nun fährt das Weibchen den stöpselförmigen Legeapparat aus und schiebt damit dem Männchen eine klebrige Schnur voller Eier in den Schlitz des Brutbeutels.

Wenig später versiegelt das Männchen seinen Beutel. Erst jetzt findet die Befruchtung statt. Dann nisten sich die Eier in der Beutelwand ein; Kapillaren transportieren Sauerstoff zu den Embryonen; das Hormon Prolaktin (das beim Menschen für die Muttermilchbildung sorgt) löst im Seepferdchenbeutel die Produktion einer speziellen Nährflüssigkeit für die Versorgung der Keimlinge aus. Sogar die Geburtswehen muss ein Seepferdchenmann ausstehen. Nach der Tragzeit, die je nach Art zwischen zehn Tagen und sechs Wochen dauert, beginnt der Schwangere damit, seinen Schwanz wieder und wieder nach vorn zu krümmen, um im Verlaufe von bis zu zwei Tagen seine Jungen durch die enge Beutelöffnung hinaus ins Meerwasser zu drücken.

Die Jungen können von der ersten Stunde an selber für sich sorgen. Faszinierend ist auch, dass bei der Geburt alle Seepferdchen etwa daumennagelgross (6 bis 13 mm) sind - egal, ob der Vater ein 15 mm kleiner australischer Hippocampus minotaur oder ein 400 mm mächtiger Hippocampus ingens aus dem östlichen Pazifik ist. Jeder Schwangere bringt so viele Junge zur Welt, wie in seinem Brutbeutel Platz haben. Je nach Körpergrösse sind das zwischen 10 und 1500 Kinder.

Warum beim Seepferdchen der Samenspender und nicht die Eispenderin die Schwangerschaft übernimmt, ist den Zoologen nach wie vor rätselhaft. Biologinnen mit feministischem Flair mögen sagen: «Warum denn eigentlich nicht?» Vielleicht ist es kein Zufall, dass die moderne Seepferdchenforschung von zwei Frauen geprägt wird: Amanda Vincent von der McGill University in Montreal und Heather Hall von der Zoological Society in London. Als Vincent im Jahre 1986 die Seepferdchen als Thema ihrer Doktorarbeit wählte, wusste man über die Eigenart dieser mit den Stichlingen verwandten Fische nur sehr lückenhaft Bescheid. Alle Untersuchungen waren bis damals im Aquarium gemacht worden, niemand hatte wildlebende Tiere beobachtet.

Mittlerweile hat Amanda Vincent in Tausenden von Tauchgängen unser Seepferdchenwissen enorm erweitert. Heute kennt man 32 Arten, die in den tropischen und gemässigten Meeren rund um den Globus leben. Seepferdchen brauchen flache Küstengewässer mit Seegraswiesen, Mangrovenwäldern oder Korallenriffen - Biotope, die heute leider wegen menschlicher Unvernunft extrem gefährdet sind. Dort leben die Tiere ortstreu, denn die kurze Rückenflosse und die beiden kleinen Flossen seitlich am Kopf erlauben nur bescheidene Ausflüge. Meist klammern sie sich an Pflanzen oder Korallen, denn ein Fortgetragenwerden von der Strömung können sie sich nicht leisten.

Seepferdchen kommen als Lauerjäger zu ihrer Beute. Regungslos hängen sie im Seegrasdschungel. Rudert ein Krebschen in die Nähe, wird es von den unabhängig voneinander beweglichen Augen des Seepferdchens verfolgt. Kommt der Krebs in Kopfnähe, dreht der Jäger ihm sachte seine lange Schnauze entgegen. Und mit einer plötzlichen Erweiterung der Mundhöhle spült sich das Seepferdchen das Opfer wie mit einer Saugpipette in den Schlund. Damit solches Lauern unauffällig wirkt, können Seepferdchen nicht nur beim Liebesspiel «erröten», sondern auch längerfristig ihre Körperfarbe fast jeder Umgebung anpassen.

Amanda Vincent hat bei ihrer Arbeit auch eine alarmierende Tatsache entdeckt. Seepferdchen sind ein beliebtes Mittel in der chinesischen und in anderen asiatischen Medizintraditionen; die Tierchen sollen gegen Asthma und (einmal mehr) gegen Impotenz wirken. Erst Vincents Studien haben gezeigt, wie massiv dieser Glaube die Seepferdchenbestände gefährdet. Allein im Jahre 1995 dürften um die 20 Millionen Seepferdchen in die Volksapotheken Asiens gewandert sein. Eine weitere Million Tiere enden jährlich in getrockneter Form als Christbaumschmuck, Ohrringe und Schlüsselanhänger. Etliche Hunderttausend schliesslich werden vor allem von amerikanischen Aquariumfreunden gekauft. Die Haltung in Gefangenschaft ist sehr heikel, was für konstante Nachfrage sorgt.

Die grössten Importeure sind China, Hongkong und Taiwan. Als Exporteure stehen Thailand, Vietnam, Indien sowie die Philippinen an der Spitze. Obschon man nicht weiss, wie gross die verschiedenen Seepferdchenvorkommen sind, sprechen die stark geschwundenen Fänge eine deutliche Sprache. So sind in den Philippinen zwischen 1985 und 1995 die Erträge um 70 Prozent zurückgegangen. Und auf dem Markt werden ausgewachsene Tiere - Seepferdchen können vier Jahre alt werden - immer seltener, was ebenfalls auf schwindende Bestände hindeutet.

Heute investiert Amanda Vincent die meiste Zeit in das «Project Seahorse», ein internationales Schutzprogramm, das sie 1996 zusammen mit der englischen Fachkollegin Heather Hall lanciert hat. In der Einsicht, dass man den Chinesen ihre Medizin nicht verbieten kann, soll die Seepferdchenfischerei wenigstens in nachhaltige Bahnen gelenkt werden, etwa im philippinischen Dorf Handumon, wo Speerfischer nachts von Hand Seepferdchen sammeln und so 40 Prozent ihres Jahreseinkommens erwirtschaften. Da das Dorf bereits unter den massiv gesunkenen Erträgen leidet, haben die Fischer die empfohlenen Schutzmassnahmen begrüsst.

So ist jetzt ein längerer Küstenabschnitt als Regenerationszone mit einem Fischereiverbot belegt worden. Werden trächtige Männchen gefangen, kommen sie in einen Unterwasserkäfig, wo die Jungen nach der Geburt entweichen können. Eine künstliche Korallenbank soll den Jungtieren Schutz und damit bessere Entwicklungschancen bieten. Und nicht zuletzt will man den Fischern dabei helfen, Touristen in ihr Dorf zu locken, die für eine Schnorcheltour zu den lebenden Seepferdchen wesentlich mehr Geld liegen lassen, als mit dem Export der toten Tiere zu verdienen wäre.


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