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NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Die innere Unsicherheit

© Isolde Ohlbaum, München/www.oh...
Wolfgang Schmidbauer Linktext
Obwohl wir so sicher leben wie nie zuvor, werden viele Menschen von Ängsten geplagt. Aber nicht Terrorismus oder Naturkatastrophen rauben uns den Schlaf, sagt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Was wir am meisten fürchten, sind Kränkungen.

Von Anja Jardine

Wolfgang Schmidbauer, 66, ist Psychoanalytiker und Buchautor; er arbeitet in eigener Praxis in München. 1977 schrieb er den Bestseller «Die hilflosen Helfer» und prägte darin den Begriff Helfersyndrom, der in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Schmidbauer publizierte zahlreiche Sachbücher, darunter «Lebensgefühl Angst – Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen die Angst tun können», Verlag Herder, Freiburg 2005.

Herr Schmidbauer, Sie bezeichnen unsere heutige Gesellschaft als «Generation Angst». Warum?

Es scheint paradox: Trotz Frieden, Wohlstand, Rundumversicherungsschutz und Rechtsstaat nehmen Angststörungen zu: Phobien aller Art, Panikattacken, psychosomatische Herzleiden, Beziehungsängste. Laut Statistik leidet in Deutschland jeder zehnte Mensch unter unangenehmen Ängsten, jeder zwanzigste bezeichnet seine Ängste als «ernsthaft das Leben einschränkend». Auch wenn es kaum Vergleichszahlen zu früheren Zeiten gibt, ist doch die Tendenz in den drei Jahrzehnten meiner persönlichen Berufserfahrung und der meiner Kollegen in den Kliniken ein­deutig. Studentenberatungsstellen erleben zurzeit einen wachsenden Zustrom junger Leute, die unter heftigen Leistungs- und Prüfungsängsten leiden.

Wann wird aus Angst eine Angstkrankheit?

Dann, wenn sie das Leben einschränkt, handlungsunfähig macht. Ursprünglich ist Angst etwas Gesundes, Vitalisierendes, der Übergang ist fliessend. Nicht wenige treten angesichts ihrer Angst die Flucht nach vorn an – wie Extremsportler, Junkies, Söldner, Hooligans oder auch Workaholics. Andere wählen den Rückzug ins konsumintensive Cocooning: das selbstgenügsame Sicheinspinnen in die eigene Wohnung. Das sind Formen der Angstabwehr, die von den Medien zum Teil als Lebensart idealisiert werden.

Wovor haben wir denn Angst?

Viele stecken im Angstkreis des Perfektionismus. Nehmen wir das Beispiel eines Universitätsprofessors, der sich im Morgengrauen schlaflos im Bett wälzt: «Hab ich im Gremium meine Meinung nachdrücklich vertreten? Wenn nicht, werden die Mittel für meinen Lehrstuhl gekürzt, und wie stehe ich dann da? Überhaupt: Mein letztes Buch hat kaum Resonanz bekommen. Und war die Note für die Promotion von F. zu gut? Wenn ja, werde ich mir womöglich einen Ruf als zu lascher Zensor einhandeln. Kollege B. scheint zur Schule von C. übergelaufen zu sein. Warum bloss? Und meine Frau – es fühlt sich an, als habe sie jedes Interesse an mir verloren, mit Sex ein für alle Mal abgeschlossen. Soll das alles gewesen sein? Vielleicht müsste ich mal wieder den Blutdruck messen lassen, die Darmspiegelung wäre auch nötig?…» Dieser innere Monolog zeigt, wie die Ängste in unserer Gesellschaft beschaffen sind: Es geht um tatsächliche oder drohende Kränkungen und darum, wie wir darauf reagieren sollen.

Ängste also, die das Selbstwertgefühl betreffen. Wieso haben die einen so hohen Stellenwert?

Das Ego wächst mit dem eigenen Einfluss, dem eigenen Entscheidungsspielraum. Zu Zeiten des Jägers spielten diese Ängste eine geringere Rolle. Erst mit Ackerbau und Vorratshaltung bekamen sie mehr Gewicht. Der Jäger hat Hunger, und den zu stillen, ist sein Antrieb. An Tagen, an denen er kein Tier erlegt, muss er den Hunger aushalten, ihm bleibt nichts anderes übrig, als sein Glück am nächsten Tag wieder zu versuchen. Der Bauer hingegen füllt durch monatelange Arbeit seine Kornkammer, die ihn über den Winter bringen muss. Ein Schatz, den es zu hüten gilt. Schon bei Saat und Pflege kann er Fehler machen, deren Auswirkungen er erst viel später bemerkt. Das Wetter kann ihm die Ernte versauen, das Korn kann abbrennen, vergammeln, gestohlen werden. Jede Menge Anlass zur Sorge. Die grössere Sicherheit des Ackerbauers entspricht also einer höheren seelischen Belastung.

Aber die Gefahr ist ja durchaus real: Wenn der Bauer die Ernte verliert, droht Hunger.

Das ist richtig. Aber je grösser der Bereich wird, den wir durch unsere materielle Ausrüstung und soziale Position kontrollieren, desto zahlreicher werden auch unsere narzisstischen Ängste. Denn Angst ist so konstruiert, dass sie immer eine Grenze bewacht. Das angstgeplagte Ich des Uni-Professors gleicht einem aufgeblasenen Ballon: Es ist sehr gross, es hat sich weit von seinem vitalen Kern entfernt und wertet Einschränkungen als bedrohlich, die jenem lächerlich scheinen, der ums Überleben kämpft.

Handelt es sich also um Luxusängste, die man sich auch abgewöhnen könnte?

Wenn sie einen Angstkranken heilen wollen, müssen sie ihn nur an die Front schicken. Das klingt zynisch, ist aber eine alte Beobachtung. Es gehört zur menschlichen Natur, dass Angst und Kränkung kulturabhängig sind und sich auf der jeweiligen Stufe von Sicherheit und Status neu formulieren. Wir wundern uns heute, dass sich trotz hoher Arbeitslosigkeit niemand findet, der Spargel sticht. Aber dem arbeitslosen Ingenieur ist es nicht möglich, diese Arbeit zu tun, ohne das als Zurückstufung zu empfinden.

Sind wir in unserem Selbstwertgefühl dermassen abhängig vom gesellschaftlichen Umfeld?

Es geht um die Stimulation eines primitiven narzisstischen Musters, das besagt, dass das Leben aufwärtsgeht. Ein Kind hat das Gefühl: Mit jedem Jahr werde ich grösser, stärker, klüger und habe mehr Rechte. Dieses Muster wirkt im Unbewussten fort. Und es wird zudem noch von unserem herrschenden Wirtschaftssystem gestärkt, weil auch das ewiges Wachstum verlangt. Es ist also für den Einzelnen kaum auszuhalten, wenn er nicht mit jedem Jahr wichtiger und anerkannter wird. Ein Karriereknick führt nicht selten in Depression. Und schon vorher regiert die Angst vor der potentiellen Erniedrigung.

Ein Leiden auf hohem Niveau.

Ja. Aber was diese Ängste so quälend macht, ist die inszenierte Gefahr, die an die Stelle der realen Gefahr von Hunger und Raubtier getreten ist. Diese Angst schärft den Geist und steigert die Wachsamkeit so, dass keine Ruhe mehr möglich ist. Ich nenne es das «Hai-Syndrom»: Der Hai ist der einzige Fisch, der mangels Schwimmblase im Wasser nicht stehenbleiben kann, sondern immer in Bewegung sein muss. Wie wir. Es ist wie ständiges Lampenfieber ohne Auftritt. Jedes der unendlich vielen Übel, die den Menschen befallen können, muss erkannt und abgewendet werden.

Wie verhält sich ein Mensch mit Hai-Syndrom genau?

Ein Beispiel: Ein Kind kommt aus der Schule, die Mutter fragt: «Wie wars denn?» – «Wie soll es schon gewesen sein?» gibt das Kind trotzig zurück. – «Warum bist du nur so unfreundlich!» sagt die Mutter. «Es interessiert mich eben, vielleicht kann ich helfen.» Das ist eine typische Geste des Perfektionismus: Die Mutter versucht, etwas, was an sich in Ordnung ist, noch zu verbessern, statt einfach die Grenzen zu akzeptieren, die ihr Kind setzt. Sie erträgt den freien Raum nicht, in dem niemand Kontrolle hat. So verhalten wir uns, wenn wir uns nicht genug bestätigt fühlen.

Aber dieses Bedürfnis nach Bestätigung hatte der Mensch doch auch in früheren Zeiten?

In traditionellen Gesellschaften wurde man in ein Umfeld hineingeboren, das die Rahmenbedingungen der eigenen Existenz weitgehend vorbestimmte. Es war klar, dass man das Familiengeschäft übernahm, heiratete, Kinder bekam. Angst hatte man vor Autoritäten wie dem Pfarrer oder der Polizei. In unserer individualisierten Gesellschaft fürchten wir vor allem Fehlentscheidungen: Ist das die richtige Frau? Ist es gut, jetzt schwanger zu werden? Ist das der Job, in dem ich alt werden kann? Soll ich ins Ausland gehen? Unsere Angstquellen liegen in der Option der Wahl und der Verantwortung für den eigenen Lebenslauf, die man nicht mehr delegieren kann. In meiner Praxis erlebe ich immer mehr junge Männer, die noch nie eine sexuelle Beziehung hatten. Sie sind geplagt von Ängsten vor Bindungen, Nähe, Entscheidungen.

Wie kommt das?

Gerade unter den Kindern der 68er gibt es viele Angststörungen. Die Idee «Macht den Kindern keine Angst, dann werden sie angstfreie Erwachsene» hat nicht funktioniert. Sie haben zu wenig haltgebende Strukturen vorgefunden. Ausserdem ist die Welt sehr viel komplexer geworden, Globalisierung und Technisierung verlangen ein hohes Mass an Flexibilität und Mobilität, das birgt viele Angstquellen. Oft durchschauen wir nicht einmal die Dinge, mit denen wir tagtäglich umgehen. Allein die Verzweiflungszustände, die in die Welt gekommen sind, seit es Computer gibt! Abhängigkeit und Ohnmacht treiben uns in kindliche Angstsituationen zurück. Wenn heute etwas funktioniert, neigen wir zu Grössenwahn. Wenn es zusammenbricht, folgen Verzweiflung, Angst, Depression.

Macht uns die Konsumgesellschaft hilflos?

Wir wissen einfach noch nicht, inwieweit wir geeignet sind, die Konsumgesellschaft zu verkraften. Wir neigen dazu, Spannungen auf ein Konsumgut zu projizieren, und glauben, indem wir es uns anschaffen, könnten wir Ängste mildern oder überwinden. Hinzu kommt, dass die Konsumgesellschaft uns ermöglicht, einen Kokon zu schaffen, der auch ohne emotionale Bedrohungen gute Lebensumstände ermöglicht. Noch im 18. Jahrhundert erkannte man einen Junggesellen am hageren Aussehen und am schlechten Geruch. Heute kann man sich als Single hervorragend pflegen und versorgen, man kann ganz nach seinen eignen Vorstellungen von Ästhetik und Ordnung leben, hat seine kleine Welt unter Kontrolle. Diese Sicherheit sind viele nicht mehr bereit aufzugeben.

Woher rührt die Angst vor intimer Nähe?

Jede sexuelle Beziehung birgt das Risiko, schlummernde kindliche Ängste und Abhängigkeiten zu wecken. Menschen, die sich sonst als souverän erleben, merken plötzlich, dass sie das Leben ohne den Partner kaum aushalten oder plötzlich Aggressionen gegen den Partner hegen – Gefühle, die sie mit ihrem Selbstbild nicht zusammenbringen. Und anders als früher gibt es heute weder ökonomische noch gesellschaftliche Zwänge zur Zweisamkeit.

Lindert diese Vermeidung von Nähe die Angst?

Im Gegenteil. Je länger ein Single intime Nähe vermeidet, desto ängstlicher wird er. Denn jede intime Beziehung ist ein ständiges Training in Angstverarbeitung. Man muss lernen, mit seinen Aggressionen umzugehen, seine Triebwünsche durchzusetzen, sich mit dem Fremden, das sich im eigenen Nahraum herrumtreibt, auseinanderzusetzen, muss Verlustängste aushalten, eigene Eigentümlichkeiten in Frage stellen, Kompromisse aushandeln.

Ein eigenes Kind wirkt da besonders bedrohlich, nicht?

Ja, gerade die Verbindlichkeit, die damit einhergeht. Auch diese Frage hat neuerdings eine narzisstische Qualität, weil man sich entscheiden kann und soll. In der traditionellen Beziehung festigte das Kind die Partnerschaft, in der individualisierten stellt es sie schwer auf die Probe. Viele wachsen daran.

Nimmt die Angst der Männer vor Vaterschaft zu?

Ja, es ist auch hier vor allem die Angst vor der Entscheidung! Sie glauben, dann sei das Leben vorbei, sie seien der Frau, die dann immense Anforderungen an sie richte, ausgeliefert. Mit dem realen Kind konfrontiert, finden die meisten Männer viel besser in die Vaterrolle als zuvor angenommen. Ein Kind ist eine unglaubliche Entwicklungsmöglichkeit für den Menschen. Auch hier ist es eher die Angst vor Eventualitäten als vor Realitäten.

Welche Rolle spielen Bedrohungen wie Kriminalität, Terrorismus und Naturkatastrophen für den Einzelnen?

Die in den Medien dargestellten Gefahren tragen zum allgemeinen Angstklima bei, werden von den meisten Menschen aber nicht als reale Bedrohung empfunden. Angst hat ja auch ein lustvolles Element, von dem nicht nur die Medien leben. Auch Politiker schüren Ängste vor Gefahren, gegen die sie dann vermeintlich vorgehen. Und eine ganze Industrie produziert kontrollierte Todesängste: Achterbahnen, Bungee-Jumping, Tattoos und Piercing – all das sind Versuche, das Selbstwertgefühl zu steigern, indem man seine Angst besiegt. Eine Illusion, die zumindest für den Moment aufbauend ist.

Sind wir mental eine besonders fragile Gesellschaft?

Ja, das ist mein Eindruck. Der Mensch ist nicht für ein so hohes Mass an Angstbewältigung konzipiert, wie er in unserem Alltag aushalten muss. Anders als der steinzeitliche Mensch, der sich seiner Affekte entäussern konnte, indem er bei Gefahr weglief oder zuschlug, müssen wir Ängste aushalten, bis der Zeitpunkt für eine angemessene Reaktion gekommen ist. Dieser Aufschub steigert die Angst. Wir sind in unserer Affektkonstitution nicht für den Rechtsstaat geeignet. Gleichzeitig gibt es natürlich keine Alternative.

Können wir aus unserem aufgeblähten Ego nicht etwas Luft ablassen?

Das ist schwer. Wenn Sie in unserer anspruchsvollen Gesellschaft einen anspruchsvollen Job haben, können Sie sich nicht einfach kleiner machen. Die Angst ist systemimmanent: Wenn die Heizkosten steigen, kann ich nicht einfach in den Wald gehen und wieder Holz hacken.

Keine Chance also, narzisstische Ängste in den Griff zu kriegen?

Es gibt Studien darüber, wie Menschen Kränkungen verarbeiten. Jemand, der im Moment der Kränkung auch das Gute im Blick behält, kann sie viel besser verkraften. Es kommt darauf an, Ambivalenz zu ertragen, um Situationen herumzugehen, das Unangenehme wahrzunehmen, aber deswegen nicht alles in Frage zu stellen. Im Fall des schlaflosen Professors würde das bedeuten, zu denken: «Lass gut sein. Shit happens. Eigentlich läuft doch alles ganz gut.»

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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