NZZ Folio 08/03 - Thema: Wir Affen   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Stuart Pigott, Entdeckungsreisender

© Caspar Martig
Engländer in Berlin: der Weinkritiker und Geschichtenerzähler Stuart Pigott.
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Von Peter Rüedi

DER MENSCH IST ein Säugetier, also beginnt er seine nutritive Karriere als Milchtrinker. Seinem Naturzustand, meint zumindest der freudlose Rousseau, entfremde ihn die Kultur. Weil zu der auch der Weinbau gehört und weil er ein Buch geschrieben hat mit dem Untertitel «Über die schwierige Liebe zum Wein», frage ich Stuart Pigott: Wie wird einer zum Weintrinker? Jedenfalls nicht durch den Weinkritiker, sagt er, der einer der weltweit angesehensten ist.

Ihm selbst schmetterte eine paulinische Erleuchtung das Milchglas aus der Hand. Wie er 1981 als gerade zwanzigjähriger Kunststudent im Restaurant der Tate Gallery jobbte, lud ihn ein Gast zu einem Cheval-Blanc 1971 ein, und der berauschte ihn, als er nur daran roch. «Für diesen Lernprozess braucht man keine Lehrer», weiss Pigott. «Der Weinkritiker ist an sich überflüssig. Die Menschen finden zum Wein oder nicht, manche schlagartig, manche nie.» Was hat der Kritiker anzubieten? «Die übliche Antwort darauf ist: Information, Statistik, Zahlen. Und die numerischen Bewertungen, die offensichtlich einem Bedürfnis entsprechen.»

Diesem Wunsch verweigert sich auch der 190 schlaksige Zentimeter lange, in Berlin lebende Engländer nicht. Aber sein Wohnort ist nicht seine einzige Exzentrik. Neben aller knallharten Fach- und Faktenkenntnis hat Pigott auch Humor, was ihn in seiner Branche zum schrägen Vogel macht. Ungewöhnlich ist auch eine andere Abweichung vom önokritischen Normalfall: Pigott, der einmal Schauspieler werden wollte und Malerei und Kulturgeschichte studierte (die Malerei ist noch heute sein zweiter Beruf), ist ein unverschämt guter Erzähler. Er führt dem Leser die Geschichten hinter dem Wein vor Augen: die Menschen, ihre Temperamente, Macken, Obsessionen.

In seinem jüngsten Buch, «Schöne neue Weinwelt» (Argon), entwickelt Pigott seine Idee vom «Planet Wein». Seine erste Einsicht ist dabei, dass – abgesehen von Extremzonen, wo gar keine Reben gedeihen – kein Ort auf der Erdoberfläche besser als ein anderer geeignet sei, grosse Weine hervorzubringen, vorausgesetzt, die Kombination von Rebsorte und Terroir stimme. Die zweite ist die, dass es auf den Menschen ankomme. So war die Kombination des Orts und der Rebsorte Pinot noir im Burgund stets nahezu perfekt, aber die wenigen grossen Weine verschwanden bis vor kurzem in einem Meer von Mittelmass. Dass sich das geändert hat, liegt vor allem am human factor.

Den verficht Pigott auch in anderer Hinsicht. Er lässt Widersprüche zu. Er mag Besessene, die alles daransetzen, eine Vision zu verwirklichen, aber auch noch etwas anderes wahrnehmen als sich und den Wein. Er ist ein Vertreter der «Originalität des Ortes», und er lacht, wenn er in einem Semillon aus Nordthailand (so was gibt es) einen Franzosen vermutet. Er zuckt zusammen, wenn einer in einer Gesellschaft erklärt, alles, was im Supermarkt angeboten werde, sei nicht einmal Wein. «Da dachte ich für mich, das ist ja schon halb faschistisch. Was ich bei einem grossen Wein empfinde, ist nicht notwendig besser als die Emotionen, die einem andern der ums Eck gekaufte Billigwein verschafft.»

Während der Recherchen für sein Buch verschlug es den Entdeckungsreisenden im westaustralischen Busch an einen Punkt, der bislang ein weisser Fleck auf seiner Weinweltkarte war. Dort hatten der ehemalige Steuerberater Barrie Smith und die ausgestiegene Radiologin Judith Cullam 1973 eine Schafzucht und 1988 mit dem Anbau von Reben begonnen. Der Betrieb widerspricht allem, was wir uns unter australischer Weinherstellung denken: kleinteilige Parzellen, viel Handarbeit statt Maschinenparks. Das Gut heisst Frankland Estate, einer der Weinberge «Isolation Ridge». Der nächste Bancomat liegt eineinhalb Autostunden entfernt, der nächste Ort heisst Rocky Gully: ein Laden, eine Tankstelle mit Lebensmitteln, die auch als Post funktioniert, ein Pub, das auch eine Bank ist. Das Ende der Welt.

Der Shiraz «Isolation Ridge» 1999 steht an diesem heissen Sommerabend im Berliner «Weinstein» im Glas – anders als alles, was ich an australischem Shiraz kenne. «Welche Lebendigkeit!», sagt der, der’s wissen muss.

«Frisch eingeschenkt, erinnerte er mich etwas an einen Côte Rôtie. Der Wein duftete nach Rauch und Leder, war aber zart und fein im Abgang. Nach einer halben Stunde kam dann diese süsse, duftige Fruchtnote heraus. Und jetzt zieht er wieder in eine andere Richtung, die Frucht wird diskreter, der Wein ist jetzt herber, eleganter. Aber noch immer ist er ein warmer Wein. Die starke Sonne ist ihm anzumerken. Umso erstaunlicher die Frische, die Eleganz, die schöne Säure auch, und zwar ohne Zusatz. Das war mir ein Rätsel. Dabei liegt’s einfach am Ort, am Zusammenspiel von heftiger Wärme und grosser Kühle nach Sonnenuntergang.»

Nur ironisch, nach Aldous Huxleys Roman, meint Pigott den Titel seines Buchs nicht. Manchmal ist die neue Welt wirklich schön. 




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