NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Der Saughaken

Von Wolfgang Bürger

Man nennt sie Saughaken, die praktischen Aufhänger, die ohne Klebstoff und Nagel an fettfreien Kacheln und Kunststoffflächen haften. Ihre meist runden, anschmiegsamen Gummimanschetten heissen Saugnäpfe- dabei werden sie nicht an die Wand gesaugt, im Gegenteil: Die Luft der Atmosphre drückt sie an die Wand mit einer Kraft von etwa 10 Newton pro Quadratzentimeter, das Gewicht von einem Kilogramm. So gross ist der Druck der auf uns lastenden Luftsule. Auf dem Mond, der keine Atmosphäre hat, sind Saugnäpfe nicht zu gebrauchen. Den Luftdruck erzeugen die Moleküle des Stickstoffs, aus denen sich die Luft etwa im Verhältnis 4 zu 1 zusammensetzt (wenn man von dem 1 Prozent an Edelgasen absieht), indem sie mit hoher Geschwindigkeit von durchschnittlich fast 500 Metern pro Sekunde oder 1800 Kilometern pro Stunde auf die Oberfläche prasseln. In dem Zwischenraum zwischen Wand und Gummimanschette (die ich, dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, weiterhin Saugnapf nenne) befindet sich nur wenig Luft, und entsprechend klein ist die Gegenkraft, die den Hafthaken von der Wand abzudrücken sucht. Sie kann ausser Betracht bleiben.

Ein grosser Saugnapf mit einem Durchmesser von sechs Zentimetern berührt die Wand auf einer Fläche von etwa 28 Quadratzentimetern und wird daher mit 28 Kilopond gegen sie gedrückt. Diese Kraft, das Gewicht eines schweren Koffers, muss aufwenden, wer den Saugnapf im rechten Winkel von der Wand abziehen will. Normalerweise wird ein Hafthaken aber parallel zur Wand beansprucht, will man doch, zum Beispiel, an einer senkrechten Wand ein Handtuch aufhängen. Längs der Wand lassen sich die Haken nur bis zu einer Grenze belasten, die Haftgrenze genannt wird. Bei höherer Last rutschen sie ab. An sauberen, trockenen Oberflächen verhält sich die Haftgrenze erfahrungsgemäss proportional zur Anpresskraft und wächst daher mit der Fläche des Saugnapfes. Sie hängt empfindlich von der Beschaffenheit der beiden Oberflächen ab. Weicher Gummi haftet fest an glatten Flächen. Hat die Oberfläche der Wand Rillen, durch die Luft einfliesst, können Hafthaken nicht halten. Dazu genügt schon eine einzige haarfeine durchgehende Rille. Kleine Unebenheiten lassen sich vorbergehend mit etwas Wasser abdichten. Ein fliessfähiger Flüssigkeitsfilm oder ein Fettfilm zwischen Saugnapf und Unterlage senkt jedoch drastisch die Belastbarkeit des Hakens. Das System wird zum Gleitlager, das den Hafthaken parallel zur Wand leicht verschiebbar macht, so schwer er auch senkrecht von der Wand abzuziehen ist. Das kann bei Aufhängern nicht erwünscht sein.


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