NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Anna Göldin schreiben gelernt hätte

Von Eveline Hasler
Im Februar 1782 erschien in einer der ersten Nummern der «Zürcher Zeitung» ein «Avertissement», ein Steckbrief der Magd Anna Göldin, die unter dem Verdacht stand, das Kind ihrer Herrschaft verderbt, das heisst verhext zu haben: «Löblicher Stand Glarus, evangelischer Religion, anerbietet sich hiermit demjenigen, welcher nachgeschriebene Anna Göldin entdecken und der Justiz einbringen wird, einhundert Kronenthaler Belohnung…»

Wie alle Vögte waren auch die zürcherischen blutsaugerisch. In ihrer Herrschaft Sax-Forstegg, wo Anna Göldin 1734 in Sennwald geboren wurde, führten sie wenigstens als Gegengabe zum Zehnten der armen Bauern das Schulsystem ein. Achtzig Kinder aller Altersstufen drückten in demselben dumpfen Klassenzimmer die Bänke, alles ging im Schneckentempo vorwärts, in den ersten vier Jahren lernte Anna bloss aus einem Psalmenbuch Buchstaben abmalen und Wörter buchstabieren.

Nach dem Tod ihres Vaters musste sie die Schule verlassen, schreiben hat sie nie gelernt. Trotzdem galt sie als klug und tüchtig, diente später «zur Zufriedenheit» in angesehenen Häusern. Bis eines Tages in Glarus das Töchterchen des Fünferrichters Tschudi anfing, wirre Reden zu führen und Stecknadeln zu spucken…

Der Hexerei verdächtigt, wurde Anna Göldin im Hochwinter aus dem Haus gejagt. Im Toggenburg ging sie unter falschem Namen bei einem Wirt in Stellung. Im Frühling wollte sie sich von ihrer Cousine in Werdenberg, einer Hebamme, den Koffer mit den leichteren Kleidern nachschicken lassen. Der alte Schulmeister Züblin von Degerschen war bereit, ihr für einen halben Veltliner den Brief zu schreiben. Als sie die Unterschrift verweigerte, um ihren richtigen Namen nicht preiszugeben, erinnerte sich der Schulmeister an das «Avertissement» in der «Zürcher Zeitung» und schöpfte Verdacht. Anna Göldin wurde verraten, nach Glarus gebracht, gefoltert und am 18. Juni 1782 mit dem Schwert hingerichtet.

Die Glarner hatten bisher nie mit einer Hexe zu tun gehabt, und nun blieb ausgerechnet der letzte europäische Hexenprozess an ihnen kleben…

Es hätte auch alles anders kommen können:

Anna Göldin hatte bei Zwickys in Mollis nachträglich schreiben gelernt und konnte den Brief an ihre Cousine ­eigenhändig verfassen. Im Frühling wurde der Toggenburger Wirt krank, Anna übernahm mit Erfolg die Küche des «Schäfli» in Degerschen. Ein vorbeireisender Glarner lobte die exzellente Schafkeule und schlug vor, Anna möge doch zurück nach Glarus kommen. Die Gufenkomödie? Über die sei doch inzwischen Gras gewachsen! Man suche im Ort für einen heruntergekommenen Gasthof dringend einen Wirt oder eine Wirtin.

So übernahm Anna in Glarus das schäbig gewordene «Gemsli». Im Frühling machte ihr Gitzibraten Furore, auch der herbstliche Gemspfeffer fand zahlreiche Liebhaber. Die Wirtin, bereits eine gestandene Frau, war immer noch ein erfreulicher Anblick. Die Glarner kehrten gerne bei ihr ein, sie sonnten sich in ihrer Freundlichkeit und genossen ihren Witz, und weil sie keinen von ihnen nahe heranliess, fühlte sich jeder von ihrer Aufmerksamkeit speziell gemeint. Auch Rat und Trost konnten sich Frau und Mann bei der klugen Frau holen.

Einige der jungen Mädchen nahmen sich die tüchtige, adrette Wirtin zum Vorbild, und bald hiess es, im Glarnerland gebe es ganz besondere Mädchen, schöne, eigenwillige junge Hexchen! Es lohne sich sogar, aus Zürich an die Glarner Chilbi zu fahren! Auch bei den Glarnern war es in Mode gekommen, Frauen, die nicht zu allem Ja und Amen sagten, zu heiraten. Wer eine kleine Hexe eheliche, habe genug Zeitvertreib, hiess es, und brauche abends nicht dauernd in der Wirtschaft zu sitzen!

«Ach ja, besser von den Hexenkünsten zu profitieren, als die Hexen umzubringen», sagte der Ratsherr Marti im «Gemsli» und schob den Teller mit den akkurat abgenagten Gitziknochen weg. Der junge Stadtschreiber Kubli, der ihm gegenübersass und seinen Wein trank, stimmte zu: «Wenig hat gefehlt, und wir wären in die Hexenfalle getappt! Das haben uns Dr. Tschudi und seine eifersüchtige Frau eingebrockt!»

Darauf Marti: «Die Konsequenzen wären uns teuer zu stehen gekommen. Man hätte uns Parteiblindheit vorgeworfen, Justizmord, Frauenfeindlichkeit! Und vielleicht hätten noch in 225 Jahren Schulkinder Briefe geschrieben, die Glarner Regierung möge sich endlich aufraffen und diese Anna Göldin rehabilitieren.

Kubli drehte das leere Glas in den Fingern, lächelte versonnen: «Zum Glück ist es uns Glarnern rechtzeitig gelungen, das Hexische in den Weibern zu schätzen. Wer weiss, unsere Kindeskinder werden sie dereinst noch in die Regierung wählen! Und jetzt noch einen Viertel Roten bitte, Frau Göldin!»

Eveline Hasler ist Schriftstellerin; sie lebt in Ronco TI. Zu ihren Werken gehört das 1982 erschienene Buch «Anna Göldin. Letzte Hexe» (Benziger).

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