ENDE DER ACHTZIGER JAHRE begann Al Gore, Senator aus Tennessee, den Information Superhighway zu beschwören. Es war ihm selbst nicht ganz klar, wovon er eigentlich sprach, aber er hatte bemerkt, dass viele der Wissenschafter, die zu ihm kamen, um mehr staatliche Forschungsgelder zu beantragen, beeindruckende Dinge auf ihren Computern anstellten. Zum Beispiel simulierten sie das Erdklima. Und was noch beeindruckender war: Distanzen spielten für sie keine Rolle. Sie verbanden ganz einfach den Computer auf ihrem Bürotisch mit Tausende von Kilometern entfernten Grossrechnern - über ein damals noch unbekanntes Forschungsnetzwerk namens Internet.
Das inspirierte Gore: Wenn Wissenschafter so arbeiten konnten, warum nicht alle Leute? Schliesslich hatte sich sein Vater, ebenfalls ein Politiker, in den vierziger und fünfziger Jahren auch für die Ausweitung eines Netzes eingesetzt, des amerikanischen Autobahnnetzes. Darin sah er die Möglichkeit, geographische Nachteile aufzuwiegen und eine bessere Ausgangslage für abgelegene Regionen (dazu gehörte natürlich auch Tennessee) zu schaffen. Wer weit von den traditionellen Handels- und Machtzentren entfernt war, erhielt durch die Autobahnverbindungen Zugang zu den Märkten. Die von den Wissenschaftern benutzten digitalen Netzwerke konnten dasselbe bewirken. Gore junior hatte dies zwar nicht als erster realisiert, aber seine Stimme war die deutlichste und mächtigste.
Al Gore wurde auf seinem Weg ins Weisse Haus immer prominenter, und seine Vision war bald nicht mehr vom Tisch zu wischen. Für den Vizepräsidenten war der Information Superhighway eine Idee, kein technischer Bauplan. Er sah darin eine neue Lebens- und Arbeitsweise; wie die gigantische Datenautobahn konkret zustande kommen würde, spielte keine Rolle. Aber nicht alle stellten sich das neue Netz so umfassend vor. Anfang der neunziger Jahre wurde die Metapher vom Information Superhighway tausendmal umgedeutet. Viele Unternehmen sahen darin den verlängerten Arm ihrer selbst: Die Telefongesellschaften betrachteten die Datenautobahn als Telefonnetz, die Computerfirmen als Bürocomputer-Netzwerk und die Kabelfernsehunternehmen als das Netz für interaktives Fernsehen. Und alle behaupteten, ihre Version würde bald Wirklichkeit. Heute wirken fast alle diese Visionen ziemlich unsinnig. Ihre Realisierung ist zu teuer und bietet zu wenig. Die Mehrzahl der ambitiöseren Projekte wurde abgeblasen oder aufs Eis gelegt. Etwas bedeutend Potenteres hat sie weitgehend ersetzt: das Internet.
Das Internet entwickelte sich sozusagen über Nacht - die Gründe dafür werden gewiss noch Gegenstand mancher Historikerdissertation sein - von einem kleinen Netzwerk für Forscher zu einem globalen Kommunikationssystem. Bereits heute benutzen es weltweit schätzungsweise vierzig Millionen Menschen, und diese Zahl verdoppelt sich jährlich. Je umfassender das Internet wird, desto weniger brauchen wir auf Metaphern wie jene von Al Gore zurückzugreifen. Niemand weiss im Grunde, was Information Superhighway heisst (ist damit das heutige Internet gemeint, ein besseres oder etwas ganz anderes?). Ebensowenig lässt sich allerdings bestreiten, dass Gore wohl richtig lag mit seiner Vision einer Technologie mit bedeutenden sozialen und ökonomischen Folgen. Die Welt verzeiht dem Vizepräsidenten vielleicht nie, dass er diesen grossspurigen Begriff geprägt hat. Sie wird aber auch nie vergessen, wie viel von seiner Prophezeiung eingetroffen ist - wenn auch auf andere Weise, als die meisten erwartet haben.
UM DIE MÖGLICHEN FOLGEN der künftigen Entwicklung darzustellen, gehen wir von einer ziemlich hochgesteckten Erwartung aus: Das Internet wird eines Tages so allgegenwärtig sein wie das Telefon. Manche sind überzeugt davon - Bill Gates von Microsoft vergleicht das Internet mit einem Naturgesetz. Andere glauben, das Internet werde den reichsten Ländern vorbehalten bleiben und darum von begrenzter Wirkung sein. Doch lassen wir uns einmal auf die Sichtweise der eingefleischten Gläubigen ein und gehen davon aus, die Auswirkungen des Internet seien tiefgreifender als jene des Fernsehens, das ja noch stärker ist als die Schwerkraft.
Die gesellschaftlichen Folgen wären zweifellos mindestens so einschneidend wie im Fall des Telefons. Mit der E-Mail wurde im Internet bereits die Kunst des Briefeschreibens neu erfunden. Ein allgegenwärtiges Hochleistungs-Internet könnte einem zudem die Welt dank Video und Audio ins eigene Heim bringen. Orte, von denen wir heute nur lesen, kämen dadurch sozusagen in greifbare Nähe. Politiker wie Al Gore träumen davon (vielleicht sind es Albträume), wie sich die Demokratie entwickeln könnte, wenn alle Bürger dank den umfassenden Informationsmöglichkeiten am politischen Prozess so teilhaben können wie die gewieftesten Lobbyisten. Lehrer sind begeistert von der Aussicht, dass jeder Schüler in der Library of Congress stöbern kann und dass Geographiestunden oder Sprachlektionen direkt aus ihrem Ursprungsland eingespeist werden.
ABER WIE TIEFGREIFEND das Internet die Gesellschaft eines Tages auch verändern mag, noch gewaltiger sind seine Auswirkungen auf die Wirtschaft - und vor allem werden sie rascher aktuell. Neue Unternehmen, neue Produkte, neue Dienstleistungen, neue Märkte entstehen. Dafür sind bestehende Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen in zahlreichen Wirtschaftszweigen bedroht. Sollten die Unternehmen die Wirkung des Internet unterschätzen, verpassen sie vielleicht nicht nur eine Gelegenheit, sondern setzen unter Umständen ihre Existenz aufs Spiel.
Die Liste der betroffenen Industriezweige wird vermutlich so lang sein wie die Liste derer, die Elektrizität benutzen. Aber das Internet am deutlichsten zu spüren bekommen werden fünf Branchen - nämlich Telefongesellschaften, Software-Unternehmen, Verlagshäuser, Detailhandel und Dienstleistungsbetriebe.
BEI DEN TELECOM wird die Internet-Bombe zuallererst einschlagen. Was immer geschieht, wenn das Internet sich weiter ausbreitet, die Telefongesellschaften werden es besonders schnell merken. Über ihre Leitungen läuft schliesslich der Internet-Verkehr. Ob das nun Boom oder Pleite bedeutet, darüber sind sich nicht einmal die Experten einig. Wenn Millionen von Computern miteinander in Verbindung treten - was im Internet der Fall ist -, bringt das eine Menge zusätzlichen Verkehr in die Telefonleitungen. Das spricht für den Boom. Werden im Internet Video und Audio eingeführt, schrumpft aber das Volumen des herkömmlichen Telefonverkehrs. MCI, Amerikas zweitgrösste Ferngesprächs-Telefongesellschaft, geht davon aus, dass in fünf Jahren mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte aus der Datenübermittlung stammen werden.
MCI gehört zu den fortschrittlicheren Telefongesellschaften. Sie betrachtet das Internet als Gelegenheit, die es rasch zu ergreifen gilt. Neben neuen Netzwerken plant MCI Dienstleistungen wie Online-Shopping, die eine Telefongesellschaft noch vor wenigen Jahren nicht ernsthaft in Betracht gezogen hätte (abgesehen von Minitel, Frankreichs einmaligem Experiment in sozialistischer Technologie).
Aber nicht alle Telefongesellschaften blicken so zuversichtlich in die Internet-Zukunft. Die meisten begreifen das Netz entweder nicht (irgendwie ist vor ihrer Nase die grösste Revolution in der Geschichte der modernen Telekommunikation ausgebrochen, praktisch ohne dass sie es bemerkten) oder betrachten es als Bedrohung: als Parasiten, der ihre Leitungen benutzt und dabei alle Tarifvereinbarungen umgeht, laut denen Distanz und Dauer eines Gesprächs die entscheidenden Kostenfaktoren sind. Die Telefongesellschaften haben zudem realisiert, dass ihr Kerngeschäft leiden könnte, wenn das Internet weiter wächst. Unter all den wunderbaren Dingen, die das Netz möglich macht, figuriert nämlich die praktisch kostenlose Übermittlung von Telefonanrufen - unabhängig von der Distanz. Eine Verbindung von New York nach Tokio ist dabei nicht teurer als eine von New York nach Newark. Aus zahlreichen technischen Gründe tätigen heute erst wenig Leute ihre Anrufe übers Internet. Aber schon morgen könnten es viele sein.
Wenn es wirklich so weit kommt, wird das Geschäft mit den Ferngesprächen nicht länger der Goldesel sein, der es gegenwärtig noch ist. Bereits fallen die Preise dank dem Wettbewerb, aber Null ist ein schwer zu schlagender Betrag. Werden der zusätzliche Verkehr und andere Dienstleistungen der Telefongesellschaften den Verlust im traditionellen Telefongeschäft wettmachen? Niemand weiss es; aber Unternehmen, die die Bedeutung der Internet-Explosion begreifen, werden sicher besser wegkommen als solche, die die Augen davor verschliessen.
AM 7. DEZEMBER 1995 machte die weltweit grösste unabhängige Softwarefirma Microsoft etwas, das sie zuvor kaum je getan hatte: Sie gestand einen Fehler ein. Den Fehler, das Internet unterschätzt zu haben. Nun, verkündete das Unternehmen, werde das wieder gutgemacht, und zwar gleich mit Beträgen in Milliardenhöhe, wie es sich für Microsoft gehört. Geplant sind eine Fülle von Produkten für das Internet - von direkt ins Windows-Betriebssystem eingebauten Browsers bis zu Programmen, mit denen man Internet-Inhalte kreieren kann. Zudem will die Firma ihr eigenes Computernetz aufgeben, dessen Lancierung sie erst vier Monate zuvor lautstark proklamiert hatte, um es als Dienstleistung im Internet anzubieten.
Für ein in der Softwareindustrie mehr als ein Jahrzehnt lang führendes Unternehmen kommt diese Ankündigung einem Erdbeben gleich. Wie die Telefongesellschaften hat Microsoft begriffen, dass die Firma zum erstenmal seit Jahren Gefahr läuft, überholt zu werden - von etwas, das sie nicht selbst kontrolliert. Ob Microsoft mit dieser Kehrtwende die führende Stellung retten kann, bleibt abzuwarten. Die anderen Unternehmen der Branche werden jedenfalls - nachdem sie jahrelang unter ihrem Schattendasein gelitten haben - alles daran setzen, dass Microsoft seine Alleinherrschaft nicht auch noch auf das Internet ausdehnen kann.
Insgesamt ist das Internet für die Softwarebranche viel eher eine Chance als eine Bedrohung. Schliesslich verkörpert es den Trend, mehr von der realen Welt - etwa die Post oder Bestellungen - in die digitale Welt der Computer zu verlagern. Bill Gates von Microsoft weiss nur allzugut, dass dabei nicht unbedingt die Softwarekönige von heute am meisten profitieren werden. Lotus Notes, zum Beispiel, steht hoch im Kurs, weil es alle Mitarbeiter eines Unternehmens vernetzt, die damit untereinander Dokumente austauschen und teilen können. Aber das Internet kann dasselbe, und sehr viel billiger. Das bringt IBM, die letztes Jahr mehr als 3 Milliarden Dollar für Lotus bezahlte, zurzeit ins Schwitzen. Ein Senkrechtstarter wie Netscape Communications, vor weniger als zwei Jahren gegründet und gegenwärtig dominierend auf dem Browser-Markt für Internet, ist mehr wert als eine Computerlegende wie Apple. Was gegenwärtig in der Softwareindustrie passiert, ist nicht neu: Mit Internet wiederholt sich, was 1981 mit dem Auftauchen des ersten PC ausgelöst wurde - eine Revolution, die ebenso leicht aus einem Giganten einen Zwerg machen kann wie umgekehrt.
VIELE HABEN BEMERKT, wie leicht es ist, im Internet zu publizieren. Es ist gleichzeitig Druckmaschine, Verteilernetz und Zeitung. Herkömmliche Zeitungen, Magazine und Zeitschriften könnten unter einer Flut von kleinen, flinken Konkurrenten begraben werden, die auf der Welle dieses billigen neuen Mediums reiten.
In der Tat wird das Internet zahlreichen neuen Stimmen Gehör verschaffen. Die interessantesten unter ihnen werden viele Leser für sich gewinnen. Und den Lesern wird vermutlich das Geld folgen. In den nächsten paar Jahren könnte die elektronische Werbung boomen - auf Kosten der Zeitungsinserate und Fernsehspots. Das bedeutet aber nicht das Ende der traditionellen Verlagshäuser, auch wenn ihren Produkten harte Zeiten bevorstehen. Ein Verlag tut mehr, als Tinte auf Papier zu bringen und es unter die Leser zu verteilen. Journalismus setzt Recherche und harte Gedankenarbeit voraus. Das Internet bietet zwar eine unlimitierte Zahl von nahezu kostenlosen Verteilkanälen, aber es liefert der Welt nicht unbedingt gute Ideen. Jemand, dem ein Netz zur Verfügung steht, kann publizieren; ob seine Sachen die Veröffentlichung wert sind, ist eine andere Frage. Deshalb werden die besten Zeitungen und Zeitschriften auch im Internet erfolgreich sein: Gute Schreiber können ihr Handwerk genausogut an einem Bildschirm wie auf einem Blatt Papier ausüben.
THEORETISCH könnte das Internet bewirken, dass man nie mehr ein Softwaregeschäft, ein Musikgeschäft oder einen Supermarkt aufsuchen muss. Warum Auto fahren, wenn man surfen kann? Weshalb sich mit der Auswahl eines einzigen Ladens zufrieden geben, wenn einem das Angebot der ganzen Welt zur Verfügung steht? In der Praxis haben sich die traditionellen Geschäfte jedoch als erstaunlich resistent erwiesen, nicht nur gegenüber der Konkurrenz im Internet (die im Moment noch vernachlässigbar ist), sondern auch gegenüber anderen Formen des Homeshoppings, wie sie Versandhäuser und einige Kabelfernsehstationen anbieten.
Die neuen Formen des Einkaufens haben ihre Vor-, aber auch ihre Nachteile. Im Internet ist das Hauptproblem die Geschwindigkeit der Kommunikation. Die meisten Benutzer kaufen nicht am Arbeitsplatz ein, und zu Hause verfügen sie in der Regel nur über ein Modem, mit dem das Schmökern im System zur harten Geduldsprobe werden kann. Doch früher oder später wird die Kommunikation auch in Privathaushalten schneller laufen, und der Verkauf übers Internet wird zunehmen. Eine reife Melone via Internet zu erstehen wird wohl nie sehr sinnvoll sein; aber der Verkauf von Software, Büchern, Musik und anderen Produkten, die am Bildschirm leicht getestet oder zumindest gut beschrieben werden können, sollte noch in diesem Jahr anziehen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis genug Leute das Internet benutzen und der Detailhandel die Konkurrenz zu spüren bekommt.
IN SEINEM NEUEN BUCH «Der Weg nach vorn» beschreibt Bill Gates das Internet als Vorboten eines reibungslosen Kapitalismus, weil das Netz Käufer und Verkäufer direkt zusammenbringen wird - ohne Mittelsmänner, die die Marktbedingungen verzerren. Es zeichnet sich immer klarer ab, welche Zwischenhändler zuerst verschwinden werden: Ein Reiseberater könnte bald ein Softwareprogramm sein. Immobilienverkäufer liessen sich leicht durch Angebotslisten und Reservationsmöglichkeiten auf dem Bildschirm ersetzen. Banken werden merken, dass das Internet auch eine Art Geldautomat sein kann. Sobald es leichter ist, ein Kredit- oder ein Hypothekargeschäft im Netz abzuwickeln, als sich von einer Zweigstelle zur andern durchzukämpfen, wird der persönliche Bankverkehr ein Anachronismus.
Dasselbe gilt für andere Finanzgeschäfte, vom Aktienkauf oder -verkauf bis hin zur Versicherung. Im Internet wird es einfacher sein, das günstigste Angebot auszuwählen. Dienstleister können nicht mehr einfach ihre Preise hochschrauben, weil sie davon ausgehen, dass die Konsumenten auf dem Markt nicht so leicht an günstigere Alternativen herankommen. DAS WAREN nur einige wenige Beispiele. Nahezu jede Branche wird vom Internet betroffen sein. Seine Auswirkungen könnte man mit den Umwälzungen vergleichen, die durch die Industrialisierung, durch die Globalisierung des Handels oder, in geringerem Masse, durch die ersten Computer verursacht wurden. In jedem Fall verlöschten einige alte Sterne und neue stiegen auf. Es wäre schliesslich keine Revolution, wenn nicht ein Teil der alten Garde abtreten müsste. In jedem boomenden Markt bleiben jene zurück, die sich verrechnet haben oder zaudern. Erinnern wird man sich an den Triumph der anderen.
Christopher Anderson ist Redaktor des «Economist»; er lebt in London.