NZZ Folio 10/92 - Thema: Die EG - Modell und Wirklichkeit   Inhaltsverzeichnis

Portrait -- Stephan Eicher, Reisender

Von Roger Köppel

Für den soliden Schweizer Stadtmenschen ist es schwierig, Stephan Eicher zu fassen zu kriegen. Der Mann ist in ständiger Bewegung. Wenn er sich nicht gerade im Engelbergischen von den Strapazen seiner monatelangen Tourneen erholt, lebt er das Leben eines Rastlosen. Brüssel, Paris, Bologna, Rennes, Zürich oder eben das Urlauber-Réduit mit dem kreislauffreundlichen Panorama sind nur ein paar Etappen seiner Streifzüge. «Normalerweise sind wir zehn Monate pro Jahr unterwegs», sagt sein Manager Martin Hess.

Der Zufall will es, dass Eichers 44jähriger Mentor und Freund aus einer Hotelierdynastie stammt, die am Fuss der Engelberger Bergwelt eine in Ehren gealterte Herberge unterhält. Dort kommt der Songschreiber gelegentlich zur Ruhe, obschon er die Salons über dem «Tudor-Stübli» des Kurhotels nach Bedarf für Studiosessions zweckentfremdet. «Engelberg» heisst nebenbei auch sein jüngstes Album, das in Frankreich, Belgien und der Schweiz soeben die Platin-Schwelle überschritten hat. Auf dem Cover posiert Eicher vor den Obwaldner Felshängen - ein bezeichnendes Bild: Provinzielle Nestwärme und Weltläufigkeit bestimmen Leben und Wirken des 32jährigen Grenzgängers.

Stephan Eicher ist, und das bestätigt er während des Gesprächs auf der nur lückenhaft bevölkerten Sonnenterrasse des «Hess» ohne Zögern, ein Europäer. Der Kontinent bedeutet für ihn Lebensraum, ein geographisches und schöpferisches Biotop. In einem Europa der offenen Grenzen wäre er fraglos der «Repräsentativmensch», wie ihn Egon Friedell in seiner «Kulturgeschichte der Neuzeit» beschrieb; der Mensch, der kaum empirisch erscheint, aber doch das Diagramm darstellt, das allen wirklichen Menschen zugrunde liegt.

Eicher, den Friedells Buch auf Reisen begleitet, ist ein europäischer Modellfall; sein Kulturbewusstsein geht so weit, dass er weder in den Vereinigten Staaten noch in England Tourneen veranstaltet, weil seine Musik dort bestenfalls neben Vogelzirpen und feuerländischer Folklore als geschmähter «Ethnosound» in den Regalen verschwindet. Ausflüge nach Kanada und Japan mögen stattgefunden haben, doch die entsprangen genausowenig kalkulierter Absicht wie die Tatsache, dass sich seine Platten bisweilen in den Südpazifik oder nach Israel verirren. Stephan Eicher produziert für überschaubare Märkte oder, wie er es ausdrückt, für ein Publikum, dessen kulturelle Nische ihm bekannt vorkommt.

Die Selbstbegrenzung zeitigt Erfolge. Eichers letzte Tour de France geriet zum kolossalen Heimspiel. Im legendären Pariser «Olympia» waren die Tickets bereits Wochen vor der Premiere verkauft, die Fans huldigten ihrem Idol hordenweise, und unlängst wurde der Schweizer Star von Frankreichs Kulturminister Jack Lang im Palais royal zu Paris sogar mit dem «Chevalier des beaux arts et des lettres» ausgezeichnet. Dem zurückhaltenden Berner, der auch im Gespräch eine gewisse Schüchternheit nie ablegt, verhalf der Akt zu einer ungeliebten Etikette: «Europabotschafter eidgenössischer Musikkost» ist ein Begriff, der Stephan Eicher Verdauungsbeschwerden bereitet. Er sieht sich nicht als Exportartikel einer hausgemachten Szene, dazu sind die Bindungen an seine Heimat viel zu lose, auch wenn sie immer deutlicher hervortreten.

Lieber umgibt er sich mit der Aura des rätselhaften Weltbürgers. Seine Sprache ist mit der Zeit vielsprachig geworden, ein Esperanto aus verwittertem Berndeutsch, Zürcher Slang, französischen Obertönen und bruchstückhaftem Englisch. Zyniker behaupten, er spreche keine Sprache mehr. Doch wenn Eicher spricht, spricht er deutlich, langsam und eher leise. Für einen Star, dem bei Auftritten mitunter die Unterwäsche weiblicher Fans entgegensegelt, wirkt er bescheiden in seinen schwarzen Jeans und der formlosen Jacke, die er sich nicht von einem italienischen Designer zu Werbezwecken schneidern liess. Mit einem ernsthaft verklärten Blick nimmt er sich Zeit für Fragen, auch wenn sie ihm nicht zum erstenmal gestellt werden. Dabei bleibt die Distanz, die ihn an Konzerten vor der Vereinnahmung durch das Publikum bewahrt, auch über einen Meter Luftlinie immer spürbar. Stephan Eicher und sein Image gehen nahtlos ineinander über. Die esoterische Besinnlichkeit ist mehr als eine Pose, sie muss zu seinem Wesen gehören. Seit je betrachtet sich der Berner Barde als Aussenseiter im eigenen Land.

Mit der Schweiz verbindet ihn wie mit allen politischen Körperschaften ein gespaltenes Verhältnis. «Sie ist ein Ausnahmefall, eine Insel, und sie wird als Insel verteidigt», argumentiert Eicher. «Man ist daran, eine Festung aufzubauen, eine lächerliche Wohlstandsbastion, die dort aufhört, wo die Armut beginnt.» Er habe den Eindruck, sagt der Sänger, dass der Mensch an den Realitäten vorbeilebe. «Wir sehen die Erde nicht als die geniale Kugel, die sie ist, sondern als Kuchen. Jeder versucht, das Stück mit den Mandeln zu kriegen.»

Stephan Eicher hat sein Stück bekommen, obschon der Weg dazu über Durststrecken führte. Seine Karriere ist das Ergebnis von Widersprüchen und Ausbrüchen, das Resultat haargenauer Planung und purer Zufälle. Aufgewachsen in einem mittelständischen Reihenhaus im bernischen Münchenbuchsee, kam Eicher, ein Deutschschweizer ohne französische Wurzeln, frühzeitig mit dem in Berührung, was er heute provinzielle Enge nennt. Musik spielte nicht zufällig eine dominierende Rolle. Sein Grossvater war Violinist. Sein Vater, ein Geschäftsmann, hat eine Tanzkapellenkarriere auf dem Gewissen, und Eicher selbst brachte mit zwölf Jahren bereits Banjos, Gitarren, Geigen und Klaviere zum Klingen. Seine formale musikalische Ausbildung dauerte präzis ein Jahr - mit der Handorgel -, doch Noten lesen kann er bis heute nicht.

Woher sein früh entwickelter Bewegungsdrang kommt, kann der heute in einem Stadtzürcher Arbeiterquartier offiziell (aber selten) wohnhafte Berner höchstens vermuten. Ein wichtiges Intermezzo war eine anderthalbjährige Visite an der «Ecole d'Humanité» im Berner Oberland. Seine Eltern hatten ihn mit der Absicht dorthin gebracht, dass er sich im Umfeld eines internationalen Internats allmählich beruhigen werde. Das Gegenteil war der Fall: Die Schule wurde zu einer Inspirationsquelle, zu einem multikulturellen Begegnungsort, der in Eicher die Bereitschaft zum endgültigen Tapetenwechsel wach werden liess. Der kurzen Internierung folgte ein letzter Versuch der Eltern, den Sohn auf gutschweizerische Tugenden zu trimmen. Sie suchten ihm eine Lehrstelle. Doch der Plan musste scheitern. Nach zwei Stunden am neuen Arbeitsplatz bestieg der damals 16jährige den Zug nach Hamburg und blieb dort, bis er unter Polizeibegleitung wieder nach Hause verfrachtet wurde. In jenen bewegten Tagen gewöhnte sich der Ausreisser an, Grenzen zu überschreiten, als Pendler zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz.

Eichers heutiger Erfolg übersteigt die Summe eigener Anstrengungen. Er ist ein Gemeinschaftsprodukt, an dem sich vorab sein Manager Martin Hess massgeblich beteiligt hat. Die beiden Aussteigernaturen lernten sich zu Beginn der achtziger Jahre kennen, als die Schweizer Musikszene, nachdem sie den Punk überlebt hatte, von der «Neuen deutschen Welle» überschwemmt wurde. Eicher war damals als Kofferträger der Zürcher Frauenband «Liliput» unterwegs, Hess war deren Manager.

Martin Hess ist ein Urgewächs der Schweizer Hippieszene: Seine Selbsterfahrungstour hatte ihn unter anderem in die Vereinigten Staaten geführt, wo er sich mit vielerlei Jobs über Wasser hielt, darunter als Chauffeur von Charles Bronson oder als entfernter Assistent des verstorbenen Hollywood-Regisseurs John Houston. Ehe er seine Tätigkeit zurück ins Schweizer Mittelland verlegte, hatte er drei Jahre auf einer Alp zugebracht. Heute residiert er wieder exklusiver, weil sich einer seiner Ratschläge als Volltreffer erwies: Zu der Zeit, als die Zürcher Punkt-Szene im Wolfenschiessener Hotel «Eintracht» Pogo tanzte, reifte in ihm der Entschluss, den Multiinstrumentalisten, Zeichner und Gelegenheitsschauspieler Stephan Eicher zu einer Solokarriere zu ermuntern. 1983 wurde die Symbiose Tatsache.

In Hess, einem lächelnden Weltmann, der bei Bedarf die Zähne zeigt, fand Eicher einen Manager, der ihm in allen Lagen den Rücken freihält. Die europaweit ausgerichtete Langzeitstrategie von Hess und Eicher ist ein Masterplan, der kommerzielle und künstlerische Interessen unter einen Hut bringt, ohne das eine dem andern zu opfern. Absolute Kontrolle und absolute Offenheit sind die beiden Pole, die Eicher in seiner Arbeit zu versöhnen sucht. Seine Musik war dabei immer Spiegel persönlicher Erfahrungen und Entwicklungen, ihr Grundprinzip ist die Einfachheit. «Wenn ich ein Lied komponiere mit mehr als vier, fünf Griffen, beginnt meine innere Zensur zu walten», sagt Eicher, der nach eigener Einschätzung «schlechter» Gitarre spielt als seine Roadies. Je beschränkter der Ansatz, desto breiter werden die Einflüsse. In einem seiner letzten Konzerte trat Eicher mit der amerikanischen Kultfigur Moondog auf, einem verschrobenen Komponisten, der das Credo seines Schweizer Bewunderers verkörpert: Er setzt sich und seiner Musik Grenzen, um Freiräume erst zu schaffen.

Der Prozess ist bei Eicher im Gang. Als nächstes plant er ein Album, das sich unter Beihilfe verschiedenster Musiker quer durch die Regionen Europas schlängelt, von Dublin über Palermo bis hin nach Bukarest. Um das «Essentielle» anzustreben, wie es Eicher nennt, bedarf es ausserordentlicher Anstrengungen. Das paneuropäische Werk wird nicht in irgendeinem Aufnahmestudio zusammengemischt, sondern nach Möglichkeit in der französischen Festungsstadt Carcassonne in Stein gemeisselt. Dem Weitblick des dynamischen Duos Eicher/Hess ist die Ortswahl zu verdanken. Der mittelalterliche Bischofssitz verhilft zur Legendenbildung, denn dort, wo der Berner (Zeit-)Reisende dereinst musizieren wird, wandelten die Grossen der Geschichte. Der Manager legt Wert auf Namen: Ludwig der Heilige, Ludwig XIV. und Walt Disney.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.