NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Wunder oder Norm?

Von Daniel Weber

«Schönheit ist ein so vager, vieldeutiger Begriff, anscheinend ganz vom -Geschmack- abhängig, der -bekanntlich- individuell ist, so dass sich darüber -nicht streiten lässt?.» Die von Brecht spielerisch herbeizitierte Relativierung des Schönheitsbegriffs - sie steht in einem Text über Lyrik - verweist auf das Grundproblem jeder Auseinandersetzung mit der Schönheit: Wie lässt sie sich überhaupt fassen und bestimmen?

Die ästhetischen Theorien, die dies seit Platon in verschiedensten Ansätzen versuchen, füllen Bibliotheken - und kommen letztlich kaum über das hinaus, was Baudelaire festhielt: «Es gibt ebenso viele Schönheiten, wie es übliche Weisen gibt, das Glück zu suchen.»

Am Anfang dieses Hefts stand nicht der Vorsatz, Definitionsarbeit zu leisten, sondern ein Befund, der gleichzeitig die thematische Einschränkung diktierte: die körperliche Schönheit hat in unserer Gesellschaft einen kultischen Status erlangt, der Schönheitswahn ist zum Massenphänomen geworden.

Als Ausdruck des Ausserordentlichen, das sich wie ein Wunder vom Unvollkommenen abhebt, hat die Schönheit in jeder Zeit und in jeder Kultur eine bedeutsame Rolle gespielt. Ob im alten Ägypten (Nofretete heisst «Die Schöne ist gekommen»), ob in der Antike, in der sich das klassische Ideal ausprägte, ob im Alten Testament, wo Frauen (Esther, Judith) wie Männer (Saul, David, Josef) ihrer Schönheit wegen gerühmt werden: die Schönen sind die Erwählten.

Die Schönheit, die ihren Bewunderern immer entrückt bleibt, umgibt aber auch ein Hauch des Absoluten, das nicht frei ist von unterschwellig Bedrohlichem - «denn das Schöne», dichtete Rilke in seiner ersten Duineser Elegie, «ist nichts als des Schrecklichen Anfang».

Ist es das heute in einem ganz anderen Sinn? Was bedeutet es, wenn in der von den Medien inszenierten Wirklichkeit die Schönheit als Norm - und Normalfall - erscheint? Ist auch die Schönheit ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit eingetreten und hat dabei ihr Geheimnis verloren? Und was geschieht mit unserer Identität, wenn wir die Schönheit wählen können wie die Farbe unserer Haare?




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