Rudolf Schenda, 1930 in Essen geboren, war bis vor vier Jahren in Zürich Professor für Europäische Volksliteratur. Nach dem Studium von Romanistik und Anglistik in Deutschland, Frankreich und Massachusetts, USA, begann er seine Universitätslaufbahn in Palermo als Lektor für deutsche Sprache und Literatur. Schon in seiner Habilitationsschrift «Volk ohne Buch», die er in Tübingen einreichte, zeigte sich sein Interesse an der Geschichte der Kommunikation. Von da an untersuchte Schenda mündlich Erzähltes, Sagen, Märchen und forderte immer wieder, die Literatur der kleinen Leute in den Kanon der Universitäten aufzunehmen. Der Körper und seine Krankheiten interessierten ihn dabei in den Erzählungen besonders, und er hat sich lange mit Volksmedizin beschäftigt. Vor kurzem hat er «Gut bei Leibe - hundert wahre Geschichten vom menschlichen Körper» zusammengetragen und veröffentlicht, eine Innen- und Aussenansicht des Körpers von den Haaren bis zu den Zehen.
Das Gespräch mit Rudolf Schenda führte Jacqueline Schärli.
Herr Schenda, wie geht es Ihnen in Ihrem Körper heute?
Heute geht es mir gut. Das liegt am Wetter. Ich bin grundsätzlich ein ängstlicher Mensch, der Furcht hat vor allen möglichen Dingen, und dazu gehören auch Tiefdruckgebiete. Alles, was zwischen Regen und Sonne liegt, strengt mich an. Das liegt wohl hauptsächlich an meinem Alter.
Sie haben Geschichten vom Körper zusammengetragen.
Als Volkskundler habe ich beobachtet, dass die Rede immer wieder auf den Körper, vor allem seine Krankheiten kommt, sei es in Kaffeerunden, im Wirtshaus oder in der Eisenbahn. Frage ich den anderen «Wie geht es dir?», möchte ich eigentlich erzählen, wie es mir selber geht. Die meisten Menschen erzählen dann häufig, wie sie krank geworden sind und wie sie damit fertig wurden.
Gibt es da bestimmte Erzählmuster?
Wenn die Ratschläge von Freunden nichts nützen, geht man zum Arzt, der oft auch nicht helfen kann. Die Geschichten gehen dann so aus, dass erst ein Heiler hilft. Das ist eine Erzählstruktur, die sich auch in Sagen oder Märchen wiederfindet. Sie widerspricht kurioserweise den Berichten der Ärzte früherer Jahrhunderte.
Wie das?
Es gibt im 17. und 18. Jahrhundert einen internationalen Briefwechsel zwischen Ärzten, die «Observationes». Die Ärzte erzählten darin die gleichen Geschichten umgekehrt: Ich habe eine Patientin, die ist zu einem Heiler gegangen. Der hat nicht helfen können, dann kam ich, der grosse Physikus, der studiert hat, und habe sie geheilt.
Welche Körperkonzepte gibt es heute?
Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit wird der Körper als ein Durchgangsstadium betrachtet. Es war nicht wichtig, Anatomie zu betreiben, denn der Mensch war ein geistig-seelisches Wesen, ausgerichtet auf den Endzweck, selig zu werden. Krankheiten waren Strafen Gottes. Unsere Gegenwart hingegen ist geradezu krankhaft auf den Körper ausgerichtet. Wir leben in einer physiomanischen Zeit.
Was erwarten wir von unserem Körper?
Er muss gesund, schön und gepflegt sein und soll mit seinen Bakterien niemanden anstecken. Ein Kranker, der unter Gesunden herumläuft, gilt fast als gefährlich. Dieser Druck erzeugt Stress und macht krank.
Heute gibt es das Postulat der Ganzheitlichkeit.
Schon die Benediktinermönche hatten das «ora et labora», die Aufforderung, zu beten und zu arbeiten, und dieses Gleichgewicht zwischen Körper und Geist herzustellen ist nach wie vor ein Problem.
Was könnte man dafür tun?
Also, mir persönlich ist es lästig, Sport zu treiben, spazierenzugehen. Ich weiss, dass es notwendig ist, besonders in meinem Alter, deshalb zwinge ich mich dazu. Aber es wird zuviel Wert auf Sport gelegt! Mich als Intellektuellen stört doch sehr, dass der Körper so im Vordergrund steht. Da wünsche ich mich in spätmittelalterliche Zeiten der Mystik, der Kontemplation zurück. Ohne das kann man nicht leben.
Trotzdem beschäftigen Sie sich mit dem Körper.
Ja, und ich scheue mich auch nicht vor dem sogenannt anrüchigen Teil. Anrüchig ist ein schönes Wort: es riecht, es stinkt. Ich wollte ein Lob des Analbereiches schreiben. Der hat für mich nichts mit Schmutz und Stinken zu tun, sondern ist ein wunderbar funktionierendes Organ des menschlichen Körpers mit einem doppelten Verschlussmuskel, dem Sphinkter - eine sehr sinnvolle, stabile Einrichtung. Solange man den Anus nur sauber hält, hat er mit Schmutz und Pfui nichts zu tun. Das gleiche kann man von den Genitalien sagen. Mir tut es leid, dass es für diesen Bereich so ungeheuer hässliche Worte gibt. Er ist zwar tabu, aber nicht schmutzig und sollte nicht beschimpft werden. Ich meine, wir sollten mehr Hochachtung vor unserem Körper haben, um zu mehr Achtung vor der weiblichen oder der männlichen Persönlichkeit zu kommen.
Die Naturwissenschafter beschäftigen sich mit den biologischen Gegebenheiten des Körpers. Was machen Sie?
Die Geschichte des Körpers ist Kulturgeschichte. Wir Kulturhistoriker sind daran interessiert zu wissen, wie das Bewusstsein den Körper verändert. Wenn man den heutigen Körper und seine Reaktionen erkennen will, muss man sich fragen: ist das nun eine biologische Reaktion, oder ist sie gesellschaftlich bedingt? Wenn in der Vergangenheit andere Körpergefühle und Körperreaktionen existiert haben, kann ich von meinem Körper fordern, dass er anders reagiere und sich anders verhalte. Ich bin zwar gezwungen, eines Tages zu sterben, ich bin aber nicht gezwungen, diese oder jene Schmerzen zu haben, wenn sie gesellschaftlich produziert sind.
Was meinen Sie damit?
Ich war einmal auf einer medizinhistorischen Tagung, wo ein Arzt erklärte, Krebs sei die heutige Modekrankheit. Ich bin damals aus der Haut gefahren, weil jemand aus meiner Verwandtschaft gerade wegen Krebs operiert worden war. Aber er hat gemeint, dass zu bestimmten Zeiten bestimmte Krankheiten so ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden, dass man sie plötzlich überall diagnostiziert.
Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen Sie die französischen Leberschmerzen, «le mal de foi»: Viele Franzosen klagten eine Zeitlang nach einem reichlichen Mittagessen, sie hätten Leberschmerzen, in der Nacht hatten sie Leberschmerzen, einfach immer hatten sie Leberschmerzen. In Wirklichkeit haben die Franzosen nie und nimmer mehr Leberkrankheiten gehabt als andere Nationen. Es war eine gesellschaftlich produzierte und eingebildete Krankheit.
Zurück zum gesunden Körper.
Auch der bereitet im Alter Beschwerden: die Wirbelsäule wird unbeweglich, die Knie werden arthritisch. Bei einem Kind kann man noch von Körperfreude sprechen: dieses Hüpfende, diese Möglichkeiten, einfach in die Luft zu springen, diese Fröhlichkeit im Körper, das ist etwas wahnsinnig Schönes. Und da zeigt sich die Vorfreude auf die grosse Aufgabe des Menschen, die Reproduktion der Spezies. Eines Tages ist diese Funktion erfüllt, und dann geht es bergab. Das ist schrecklich für Menschen, die das hinnehmen müssen, aber für die Natur ist das selbstverständlich.
Wir haben doch noch andere Aufgaben und Ziele als nur die Reproduktion. Es reproduzieren sich ja auch nicht alle.
Habe ich doch auch nicht gesagt. Natürlich kann man pessimistisch und biologistisch sagen: Du hast gelebt, um die Menschheit am Leben zu erhalten. Aber das ist natürlich Unsinn, da wäre man ja mit 60 erledigt. Der Mensch kann viel mehr. Ich zumindest habe gelebt, um zu einem intelligenten Menschen zu werden, mich am Leben zu freuen und mitzuwirken, dass die Welt besser wird.
Und?
Warum singen die Dichter nicht Elegien auf den Arm zum Beispiel oder auf die Hände? Die Hände, das Organ der Organe, wie Aristoteles gesagt hat, sind etwas ungeheuer Wunderbares. Hände sind Welteroberer. Der Körper hat die Aufgabe, mit der Umwelt Kontakt aufzunehmen. Das versucht das Baby, indem es mit den Füssen strampelt, die Hände in die Luft streckt und ständig in Bewegung ist und etwas sucht. Warum schreibt keiner eine Ode an den Kopf? Die Dichter sind bis ins 20. Jahrhundert hinein gescheitert, wenn sie die menschliche Körperlandschaft in ihrer Schönheit besingen wollten. Die Berichte der Medizin und Biologie über Fasern, Zellen, Teile des Körpers kommen nicht annähernd an dessen Schönheit heran.
Um Körper zu beschreiben, braucht es Geist. Nun zeigt die Hirnforschung, dass auch Geist Körper ist, materiell, Neuronenblitze, Hormone.
Eines Tages werden wir vielleicht von der Vorstellung eines göttlichen Geistes Abschied nehmen. Ich hänge aber noch ein bisschen daran. Man braucht etwas Unerklärtes, um existieren zu können. Wenn wir alles wüssten, wären wir nicht mehr lebensfähig. Wenn der Geist sich nicht auf ein Ziel richtet, wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet, dann ist Schluss. Oder?