Er ist aus Gründen, die hier nicht von Belang sind, vor sieben Jahren die Verpflichtung eingegangen, einer Tageszeitung sechsmal wöchentlich je 190 Wörter zu liefern. Aneinandergereiht ergeben diese Wörter jeweils eine sogenannte Kolumne, füllen ein Textgefäss, das sich zurzeit im gedruckten Medium einer kleinen Renaissance erfreut. Seine wesentlichen Merkmale sind das regelmässige Erscheinen, der bei unveränderter Aufmachung gleichbleibende Autor sowie die Zeilenanzahl, die in Zusammenarbeit mit dem Layouter fixiert wird.
Wohlmeinende, denen er ab und zu begegnet, drücken ihm oft ihre Hochachtung vor seiner Tätigkeit aus. Dabei bezieht sich diese Hochachtung vorwiegend auf die dieser Tätigkeit unterstellte Schwierigkeit, jahraus, jahrein täglich ausgeübt zu werden. Der Beifall drückt Respekt vor Fliessbandarbeit aus, nicht ohne auch ein gewisses Mitleid mit dem Fliessbandarbeiter anzudeuten. Es wird in diesem Respekt die Auffassung kund, dass mit der Herstellung einer Kolumne, die an keinem Werktag ausfällt, Frondienst geleistet werde.
Vor allem wird die offensichtliche Mühewaltung, jeden Tag eine Idee zu haben, als bewundernswürdige Leidensüberwindung anerkannt. Es wird das Haben einer Idee als Ergebnis eines Prozesses vermutet, der anders nicht als mit einer Inspiration zum Abschluss zu bringen ist. Inspiration als Schmerzgeburt, Inspiration als Vergewaltigung durch einen Abschlusstermin. Wo doch gerade die Inspiration, von einer höheren Macht als Glücksfall gespendet, vollkommen ungeeignet ist, unter dem Kommando eines normierten Geschehnisablaufs einzutreten.
Es hat ihm einmal der von ihm geschätzte Münchner Schriftsteller Herbert Rosendorfer («Der Ruinenbaumeister») in einem Interview gesagt, jeden Samstag verfasse er genau fünf Buchseiten. Er komme so, Ferien und Störfälle abgerechnet, pro Jahr auf einen 200-Seiten-Roman. Im Wechsel mit zehn Kurzgeschichten zu 20 Seiten beziehungsweise vier Samstagen pro Kurzgeschichte. Hingegen am Sonntag spiele er, Rosendorfer, Cello.
Die Rosendorfersche Produktionsplanung hat ihn zutiefst beeindruckt. Er gedachte ihrer, als er sich mit seinem Chefredaktor über die Modalitäten seiner Kolumne einigte. Wenn Rosendorfer, der damals von Montag bis Freitag als Amtsrichter für Verkehrsdelikte vollberuflich tätig war, jeden Samstag fünf Buchseiten zustande bringt, werde er an sechs Tagen, die durch keine weitere Zwangsbeschäftigung behelligt sind, eventuell doch je eine halbe solche schaffen.
Und er ging daran, sich seine eigene «Fabrik» einzurichten. Um 7 Uhr steht er auf. Den Rasierspiegel hat er seiner klassischen Aufgabe, die berühmten «besten Einfälle» zu vermitteln, ausdrücklich enthoben. Um halb 9 Uhr ist er im Büro und liest eine Stunde lang Tageszeitungen. Insoweit selektiv und auftragsbezogen, als er das Wichtigste zugunsten des Interessanten überspringt. Vielleicht bleibt er da an einer Schlagzeile oder einem Satz hängen. Wenn nicht, ist er noch keineswegs beunruhigt. Im Gegenteil, seine Spannung wächst. Jeden Tag ist er ein leeres Blatt, das ihn auffordert, sich auf diesem selber zu überraschen.
Um 9 Uhr 30 hakt sich sein Themensuchapparat in die Redaktionssitzung ein. Ein Vierteljahrhundert lang hat er selber Sitzungen geleitet, jetzt geben sich endlich andere für ihn aus. Er tastet mit dem Ohr die Vorfälle ab, die zur Sprache kommen, hört sich in den Tag hinein. Wenn bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts Stichhaltiges an ihm hängengeblieben ist, schaltet er in den zweiten Gang. Er bricht zum Quartierrundgang auf. Der Rundgang hat den Zweck, Gedankentätigkeit durch Frischluft und Bewegung anzuregen. Irgendwo, vermutet er, hat sich der Keimling seines heutigen Pensums festgesetzt. Er muss nur noch herausfinden, an welcher Stelle. Um 11 Uhr ist er seiner habhaft. Nicht immer, aber unter den Segnungen der Routine immer öfter.
Er begibt sich an seinen Eckplatz im Personalrestaurant und faltet sein kariertes Notizheft auf. Drei Blatt plus 15 Zeilen später sind seine 190 Wörter mit dem Kugelschreiber nebeneinander gesetzt. Sind es einige zu viel oder zuwenig, wird er sie am Computer opfern oder nachschieben. Die grösste Mühe auferlegt er sich mit dem Titel. Er hat zweimal maximal elf Anschläge zur Verfügung und leistet sich die Selbsterschwernis, niemals ein Frage- oder Ausrufe zeichen zu verwenden. Ein letztes Hindernis hat er sich da aufgerichtet, damit er nicht in Versuchung gerät, seinen Job womöglich total zu unterschätzen.
Jetzt ist er mit seinem Programm durch und mag eben einem jener Unbeteiligten begegnen, die seine Früchte für die Beharrlichkeit loben, mit der er sie hervorbringt. Genau dafür erntet er das Kompliment, was ihm sein Kolumnisten- dasein am meisten erleichtert. Er fühlt sich für die Organisation seiner Zeit gewürdigt, die für ihn gar kein Zwang ist, sondern gerade die Befreiung von Zwang. Mit Unbehagen denkt er an die Tage, an denen ihm irgendein Vorkommnis im Wege steht, seinen eigenen Tagesbefehl aufs Gehorsamste zu befolgen. Und bei dem Gedanken, seine Kolumne etwa schreiben zu dürfen, wo und wann ihm gerade ein Wesen begegnet, das sich als Muse zu erkennen gibt – bei diesem Gedanken befällt ihn ein nervöses, um nicht zu sagen panisches Schaudern.
Jürg Ramspeck , langjähriger «Weltwoche»-Chefredaktor und heute «Blick»-Kolumnist, lebt in Zürich.