«Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüss mich nicht Unter den Linden», heisst es in Heines berühmtem Gedicht - vom Satzbau her ein Grund zu stutzen. Blamier mich nicht, indem du, dadurch, dass du mich Unter den Linden grüsst: Wäre das nicht der korrekte Ausdruck des Kausalzusammenhangs? Heine zog die Reihung zweier Hauptsätze vor, durch ein und verbunden, das, rein logisch betrachtet, nichts begründet. Warum ist ein Satz wie «Sei doch so nett, mir das Buch zu geben» im mündlichen Deutsch kaum je zu hören? Weil wir lieber auf die Begründung der Nettigkeit verzichten und statt dessen sagen: «Sei doch so nett und gib mir . . .»
Das kann nur heissen: Wir lieben die Hauptsätze. Sie sind die natürlichste und zugleich die poetischste Form, uns mitzuteilen. Sie dominieren bei Homer, in den isländischen Sagas, in den Grimmschen Märchen und in der Bibel. Hiob sprach eben nicht: Der Herr, der's gegeben hat, hat's auch genommen, so dass sein Name gelobt sei - sondern: «Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!» Der Nebensatz hat einen Beigeschmack von Schriftlichkeit, Literatur, Abstraktion. Er ist ein Produkt des Schulunterrichts. Er hat Meriten, auf die zu verzichten unsinnig wäre. Aber zugleich stellt er schlimme Versuchungen bereit.
Erste Versuchung: Wir schieben den Nebensatz mitten in den Hauptsatz hinein und zerreissen damit alle Vernunft. «Er hatte das Buch, das er seinem Freund leihen wollte, leider verloren» - korrekt und dabei ziemlich töricht. «Er hatte das Buch» (wie schön), «das er seinem Freund leihen wollte» (ja doch, aber was war nun mit dem Buch?) «leider verloren». Aha, er hatte es also nicht. Der Autor entschied sich, die Information A auf halbem Weg zu unterbrechen, uns mit der Information B zu bedienen und dann die Information A zu komplettieren. Sollte es wirklich keine unverkrampftere Form der Mitteilung geben? «Leider hatte er das Buch verloren, das er seinem Freund leihen wollte» - nun steht der Nebensatz da, wo er hingehört: am Schluss, und aus der Abfolge A?B?A ist die allein vernünftige Abfolge A?B geworden. Nicht gerechnet, dass man sich für zwei Hauptsätze entscheiden könnte: «Er wollte seinem Freund das Buch leihen, aber er hatte es verloren.»
Zweite Versuchung: Der eingeschobene Nebensatz enthält gar keine erläuternde Nebensache (was allein ihn allenfalls rechtfertigen könnte), sondern eine gleichrangige Hauptsache. In einem Artikel über junge Unternehmer war zu lesen: «Heute sind die beiden, die eine Million in das Geschäft investiert hatten, zerstritten.» Der Autor erzählt also zunächst die halbe Gegenwart (zwei sind, was auch immer), dann springt er in die Vergangenheit, dann beschenkt er uns mit dem Rest der Gegenwart. Gründlicher kann man es nicht zertrümmern, jenes Drama in zwei Akten, das nach zwei Hauptsätzen schreit: «Erst haben sie eine Million investiert - und nun sind sie zerstritten.»
Die dritte Versuchung: Man schachtelt in den einen Nebensatz einen zweiten und vielleicht einen dritten - völlig korrekt natürlich, aber die Pest für Ausländer und ein Ärgernis für alle Leser. In der Karikatur: «Derjenige, der denjenigen, der den Pfahl, der an der Brücke, über die der Weg, der nach Wien führt, steht, umgeworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung.» Und ernst gemeint (in einem NZZ-Artikel): «Grundsätzlich nimmt die Altertümlichkeit der Dialekte nach Süden zu, wie etwa bei der Hiatusdiphthongierung normalschweizerdeutsches schneije gegen alpines schnije steht, sich vor allem aber nach Südwesten verstärkt, so dass eine Kombination der beiden Gegensätze teilweise eine Dreiteilung der deutschen Schweiz in einen neuerungsfreundlicheren Nordosten, einen halbaltertümlichen Westen und einen sehr archaischen Südwesten (Berner Oberland und Wallis oder auch Wallis allein, ergänzt um Relikte in den von dort stammenden Walsermundarten in Graubünden) erkennen lässt.»
Da wird es Zeit, etwas zur Ehrenrettung des Nebensatzes vorzubringen. Er kann, an den Hauptsatz angehängt, der Befreiungsschlag gegen andere Formen der Verschachtelung sein: nicht «Dies ist das Ihnen von der Direktion für die nächsten drei Wochen zugewiesene Zimmer», sondern: «Dies ist das Zimmer, das die Direktion Ihnen . . .». Nicht: «Er forderte von X die Widerrufung aller gegen ihn vorgebrachten Verleumdungen», sondern: «Er forderte X auf, die Verleumdung zu widerrufen, die X gegen ihn vorgebracht hatte.» Und der Nebensatz kann den Gipfel der Eleganz erklimmen - wenn er meisterlich gehandhabt wird. «Es gibt jetzt der Vorschriften, was man sein soll, so mancherlei Arten, dass es kein Wunder wäre, wenn die Menge auf den Gedanken geriete, zu bleiben, was sie ist» (Lichtenberg). Oder: «Haben wir bisher gestaunt, dass solche Bauwerke nur so weit gediehen, so werden wir mit der grössten Bewunderung erfahren, was eigentlich zu leisten die Absicht war» (Goethe über den Kölner Dom). Oder: «Die Juden, wenn sie gut, sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer als die Christen» (Heine). Oder Dürrenmatts Spott auf die Intellektuellen: «Von der Welt, wie sie ist, leben sie; von der Welt, wie sie sein sollte, nehmen sie die Massstäbe, die Welt zu verurteilen, von der sie leben.»
Wer sich aber solchen Satzmodellen nicht gewachsen fühlt, der tut gut daran, es mit Tucholsky drei «Ratschlägen für einen guten Redner» zu halten: Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.