NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Barfuss zum Weltrekord

© Jost Wildbolz, Zürich
«Ich vertanze im Monat mindestens zwei Paar Spitzenschuhe»: Stefanie Ringler, 15, Schülerin und Balletttänzerin. Linktext
Petr Hlavácek aus Tschechien ist Europas ­führender Schuhwissenschafter. In seiner Freizeit baut er historische Schuhe nach, zum Beispiel die des Ötzis.

Von Ulrich Schmid

Petr Hlavácek (57) ist Professor für Schuhwissenschaft und Dekan an ­­der Technischen Fakultät der Tomas-Bata-Universität in der tschechischen Stadt Zlín. Der Sohn eines Schusters lehrt seinen Studenten alles, was es über den menschlichen Fuss und seine Bekleidung zu wissen gibt. In seiner Freizeit testet Petr Hlavácek mit Kollegen bevorzugt ausgefallenes Schuhwerk, zum Beispiel den Schuh des Ötzis (Bild) oder in den Karpaten Nachbildungen von Sandalen aus der Vorgeschichte. Petr Hlavácek ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder; er lebt in Zlín. Zurzeit beschäftigt er sich mit dem Schuhwerk der Terracotta-Armee des 1. Kaisers von China, Qin Shi Huang Di.


Macht gutes Schuhwerk glücklich? Einem so enthusiastischen, sonnigen Menschen wie Petr Hlavácek, Dekan der Technischen Fakultät der Tomas-Bata-Universität in Zlín, bin ich schon lange nicht mehr begegnet. Wenn er von ­guten Schuhen spricht, strahlt er wie ein stolzer Vater; wenn er über schlechte reden muss – und er muss, denn «ge­­­sund­­­heitsschädigende Billigprodukte aus Asien überschwemmen unsere Märkte» –, verzieht sich sein stets dem nächsten Lachen entgegenlächelndes Gesicht zur schmerzlichen Grimasse. Hlavácek ist der führende Schuhexperte Europas, ein Mann, der stolz die Bürde trägt, die grosse Tradition des Hauses Bata weiterzuführen.

In Zlín, wo Tomas Bata 1894 das kleine Schuhgeschäft eröffnete, aus dem einmal das weltweit grösste Schuh­unternehmen werden sollte, widmet sich der Professor für Schuhwissenschaft primär der Forschung. Bekannt geworden aber ist er mit dem, was er als sein Hobby bezeichnet: mit der Analyse und dem Nachbau historischer Fussbekleidung. Seine Analysen der Gletschermumie aus der ausgehenden Jungsteinzeit, die unter dem Namen Ötzi bekannt geworden ist, gelten als bahnbrechend. Der Professor spricht ein farbiges Englisch, und er erlaubt sich bei jeder Frage lange, faszinierend unsystematische Ausflüge durch Raum und Zeit. An diesem warmen Tag trägt er sichtlich komfortable, braunweiss gestreifte Schuhe mit Gummisohle und weichem Oberleder. Nicht das, was ihn in der Disco zum Star machen würde, aber – er schaut mich an wie einer, den eben eine lange Qual verlassen hat – «extraordinarily, wonderfully comfortable. This is what matters.»

Herr Professor, schauen Sie sich meine Schuhe an. Sind sie zufrieden?

Ja. Das ist eine gute Wahl. Bequemes, schönes Oberleder. Sie beweisen Geschmack, Sie sind ein praktischer Mensch. Und nicht allzu modisch.

Halt, den Schuh zieh ich mir nicht an! Meine Schuhe sind ausgesprochen modisch, meine Tochter hat sie geprüft und gutgeheissen.

Sicher. Aber sie sind auch bequem. Viele Schuhe, die als modisch gelten, sind unbequem und gesundheitsschädlich.

Was sollen denn Schuhe überhaupt?

Das kommt ganz auf die Epoche an. Sehen Sie, die Frage ist doch: Was ist ein Schuh? Für Hrabanus Maurus, der im 9. Jahrhundert als Abt des Klosters Fulda und Erzbischof von Mainz eine der ersten europäischen Enzyklopädien verfasste, waren Schuhe ganz einfach eine «Fussbedeckung». Auch später, bei Diderot in der Aufklärung, fehlt noch jeder Hinweis auf die Rolle der Schuhe: Dort sind sie «ein von Menschen hergestelltes Produkt aus Leder». Der Hinweis auf die Schutzfunktion taucht erst im 20. Jahrhundert auf, und von der Überzeugung, dass Schuhe gesund sein sollten, lesen wir erstmals in den 1950er Jahren.

Gehen wir tatsächlich erst seit den 1950ern in gesundem Schuhwerk?

Nein. Die Frage ist: Was ist ein gesunder Schuh? Damals wusste man noch sehr wenig über ergonometrische Anforderungen. Heute sind wir unendlich viel weiter. Wir messen an 280 verschiedenen Stellen 1000 Daten pro Sekunde und können mit diesem Wissen natürlich viele alte Hüte beseitigen. Einiges von dem, was im letzten Jahrhundert als gesund galt, ist gesundheitsschädlich.

Hat man nicht dennoch auch früher schon gute Schuhe getragen?

Sicher. Die Fussbekleidung von Ötzi, der Gletschermumie, die ich analysiert habe, ist sehr bequem – auf weichem Waldboden getragen. Zwischen zwei Ledersohlen befand sich ein Netz aus geflochtener Lindenrinde, auf dem eine dicke Füllung aus Heu lag. Das sorgte für erstaunlichen Komfort, und ich habe in Tests festgestellt, dass man in solchem Schuhwerk eiskalte Bäche durchqueren kann und danach in kürzester Zeit wieder warme Füsse hat. Versuchen Sie das einmal in modernen Schuhen! Die Ötzi-Schuhe schneiden, sowohl, was den Wärme- und Feuchtigkeitskomfort, als auch, was die mechanische Qualität angeht, besser ab als viele moderne Schuhe. Allerdings gibt es da auch etwas Seltsames. Bei den Schuhen Ötzis wurden drei Lederarten verwendet. Das Oberleder lieferte der Hirsch, die Verbindungsstücke das Kalb. Die Untersohle hingegen ist aus Bärenleder, und das ist nun doch sehr erstaunlich!

Wieso?

Weil Bärenhaut schlecht ist und nur sehr schwer haltbar gemacht werden kann. Dass Ötzi eine Untersohle aus Bärenleder trug, muss andere Gründe haben. Ich denke an eine Totemfunktion: Vielleicht dachten die Menschen vor 5000 Jahren, der Geist des Tieres gehe so auf den Träger über. Bären waren damals die mächtigsten Tiere Europas. Sie sind es noch heute. Ötzi trug auch eine Bärenfellkappe.

Also gab es schon damals andere Kriterien als die des Schutzes, der Praktikabilität oder der Bequemlichkeit?

Aber ja! Die Totemfunktion spielt heute sicher kaum noch eine Rolle – wir tragen nicht Rind auf dem Rist, weil wir das Rindvieh verehren und seine Qualitäten verinnerlichen möchten. Stattdessen ist die Mode massgebend und der Status. Der Schuh ist ein Modeobjekt geworden und eine nonverbale Visitenkarte. An den Schuhen kann ich ablesen, welche Ziele ihr Träger hat, was er sein will und was nicht. In Mexiko hat man mir gesagt, dass ich keine Sandalen tragen sollte, da dies angeblich nur Homosexuelle tun. Der Schuh ist das soziale Statement schlechthin, denken Sie an Joschka Fischers rebellische Turnschuhe, die übrigens heute zu einem Objekt musealer Betrachtung geworden sind: Sie sind im Deutschen Leder- und Schuhmuseum in Offenbach ausgestellt – kann das im Sinne des einstigen Trägers sein? Anderseits steckt alles voller Widersprüche, es ist schrecklich!

Wieso?

Nehmen Sie noch einmal den Gesundheitsaspekt. Wenn Sie die Leute befragen, sagen 90 Prozent, sie wollten bequeme Schuhe. Doch die Hälfte aller Frauen quetscht ihre Füsse in zu kleine Schuhe – grosse Füsse gelten als unweiblich. Und gesunde Schuhe waren lange mit dem Stigma behaftet, das Gegenteil des Modischen zu sein – sozialer Selbstmord sozusagen. Im Grunde gilt das noch heute. In China hat man Schuhe sogar dazu benützt, die Form des Fusses den geltenden Schönheitskriterien anzupassen – wie dumm ist unsere Vorstellung von Schönheit!

Ich kann mich an eine alte Frau mit verkrüppelten Füssen erinnern, die sehr elegant ein Joch mit zwei Wassereimern trug.

Die Lotos-Füsse, ja. Aber Sie haben eine Ausnahme ge­sehen, die die Regel bestätigt. Die Regel ist, dass viele Mode­gebote unseren Füssen extrem schaden und dass viele chinesische Frauen, die derartige Schuhe tragen mussten, nachher nicht mehr gehen konnten. Bei uns ist das ja manchmal nicht viel anders. Mit jedem Zentimeter Absatzhöhe steigt der Druck auf die Ballen um 15 Prozent. Das ist ungesund und unnatürlich. Es gibt keinen orthopädischen Grund, Highheels zu tragen. Wer es tut, macht es, um schöner oder modischer zu sein – um das zu tragen, was alle tragen.

Wann kamen denn diese hohen Absätze auf?

Ludwig XVI. orderte 100 Paar Schuhe mit hohen Absätzen, weil er dachte, dass sich darin leichter tanzen lasse. Versailles war damals in einem gewissen Sinne der Nabel der Welt: Die Mode verbreitete sich wie ein Lauffeuer in ganz Europa, und zunächst machten auch die Männer mit. Dann, zwanzig Jahre später, hörten die Männer abrupt auf, hohe Absätze zu tragen, und daran hat sich bis heute nichts geändert, wenn wir von den Plateausohlen absehen, die in den 1970ern getragen wurden und die noch heute – oft getarnt – kleinen Männern zu mehr Imposanz verhelfen.

Suchen wir dennoch nach anderen Funktionen des Schuhs. Denke ich an Sibirien, würde ich ganz unoriginell sagen: Man trägt Schuhe, weil sie Schutz bieten vor Nässe, Kälte und hartem Untergrund. Eine brauchbare Definition?

Um Himmels willen, nein! Sehen Sie, die Frage ist doch: Wie sieht es mit unseren Gewohnheiten aus? Abebe Bikila, der Äthiopier, rannte bei den Olympischen Sommerspielen 1960 in Rom barfuss zu Sieg und Weltrekord – er war es eben so gewohnt. Oder nehmen Sie die Sherpas, die die Westler auf den Gipfel des Mount Everest bringen und dabei gewaltige Lasten schleppen. Sie gingen lange Zeit barfuss, sie waren es so gewohnt, und als man sie vertraglich zum Schuhetragen verpflichten wollte, trugen sie sie an den Schnürsenkeln um den Hals. Noch vor wenigen Dutzend Jahren gingen die Kinder in Mitteleuropa von St. Joseph (19. März) bis St. Martin (11. November) barfuss. Auf alten Fotos sehen Sie, dass die Kinder ­keine Schuhe trugen. Schuhe waren zudem recht teuer. Vielen Menschen sind Schuhe auch heute noch lästig, sie spüren gerne den Untergrund. Tatsache ist: Der grösste Teil der Menschheit ging den grössten Teil der Zeit ohne Schuhe. Übertragen Sie die Menschheitsgeschichte auf einen Tag, und Sie stellen fest, dass wir nur die letzten 40 Minuten Schuhe trugen.

Gut, versuchen wir etwas anderes: Sind Schuhe dazu da, einen hässlichen Teil des Körpers zu verhüllen?

Vermutlich auch. Füsse galten nie als besonders schön. Es gibt im europäischen Raum keine bildlichen Darstellungen, auf denen Füsse das beherrschende Thema wären. Der Fuss ist etwas Archaisches, Seltsames, Befremdliches, er ist der erste Teil des Körpers, der aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln. Schon vor drei bis vier Millionen Jahren fand unser Fuss seine heutige Form. Der Vormensch, dem wir den Namen Lucy gegeben haben und der vor über drei Millionen Jahren im Nordosten Afrikas lebte, hatte im wesentlichen unsere Füsse. Nicht aber unser Gehirn: Das hat sich in dieser Zeit gewaltig weiterent­wickelt! Aber Widersprüche gibt es auch hier. Denken Sie an den Fussfetischismus. Gewissen Menschen sind nackte Füsse Objekte der Anbetung und des Lustgewinns, die durchaus nicht verhüllt zu werden brauchen. Und natürlich kann auch der Schuh selber zum Fetisch werden.

Und der Schuh als Geruchsfresser? Ich hatte im Flugzeug mal einen Sitznachbarn, der seine Schuhe auszog…

Reden Sie nicht weiter, das kenne ich! In solchen Situationen helfen Schuhe wirklich. Aber natürlich haben sie auch ­ihren Eigengeruch. Bedenken Sie: Schuhe sind, Gummistiefel ausgenommen, das einzige menschliche Kleidungsstück, das nie gewaschen wird. In jedem Schuh leben Bakterien, die den charakteristischen – in den meisten Fällen gar nicht einmal so unangenehmen – Schuhgeruch produzieren. Die Schuhe junger Menschen stinken übrigens mehr. Ältere Menschen produzieren kaum noch Schweiss. Frauen wechseln ihre Schuhe zudem viel häufiger als Männer, die oft jeden Wochentag das gleiche Paar tragen.

Aber Sie wollen doch nicht bestreiten, dass Schuhe manchmal ganz praktisch und angenehm sein können?

Lebenswichtig können sie sein! Ich konstruiere zum Beispiel seit Jahren Schuhe für Diabetiker, die unter einer mangelnden Durchblutung der Füsse leiden und deshalb anfällig sind für Infektionen. Sie verlieren das Gefühl, spüren kaum noch Druck. Das kann lebensgefährlich sein, denn kleine ­Steine etwa können schwerste Verletzungen hervorrufen. Die Hälfte aller Diabetiker, an denen eine Amputation vorgenommen werden muss, lebt danach nicht länger als drei Jahre. Gute Schuhe können lebensverlängernd sein.

Können sie auch siegbringend sein? Gute Armeen, sagt man, tragen gute Stiefel.

Aber ja! Die griechische Armee ging barfuss, die Perser trugen Schuhe. Napoleons Armeen trugen die besten Stiefel, die es damals gab, und sie feierten lange Zeit Triumphe. Die Sohlen aber, auf denen die Ägypter 1967 in den Sechstagekrieg gegen Israel zogen, waren mit Bostitchklammern ans Oberleder geheftet, und diese Klammern müssen sich in der Hitze des ­Sinai in glühende Nägel verwandelt haben. Auch dies ist eine direkte Folge der Kunst der Schuhherstellung. Elf Jahre zuvor, 1956, hatte Nasser die französischen und britischen Schuster aus dem Land geworfen. Die Sandalen, welche die römischen Soldaten trugen, waren hingegen von guter Qualität, besser jedenfalls als vieles, was wir heute tragen. Gegen die Barbaren haben sie ihnen letztlich aber doch nichts genützt. Ebenso wenig wie die guten Schuhe, die die Argentinier im Falklandkrieg trugen, als sie gegen die Briten verloren, die weit schlechter ausgerüstet waren. Die amerikanischen Soldaten trugen in Vietnam Schuhe mit dicken Sohlen, die sie gegen in den Boden gerammte Speere schützen sollten. Aber diese Schuhe waren zu schwer und schränkten die Beweglichkeit ein. Hundert Gramm an den Sohlen entsprechen einem Kilogramm auf dem Rücken.

Gehen Sie hier nicht etwas weit? Der Schuh als Motor der Weltgeschichte, als alles erklärende, letzte Causa?

Natürlich ist das übertrieben. Aber es gibt interessante Phänomene. Menschen, die gegen etwas protestieren, tragen in der Regel Schuhe, die nicht der etablierten Mode entsprechen. Denken Sie wieder an Fischers Turnschuhe, denken Sie an die nüchternen Schuhe, die Luther forderte, weil ihm die bis zu 35 Zentimeter langen Spitzen, die man in der gotischen Periode trug und die an den Knien festgemacht werden mussten, so unschicklich und lächerlich vorkamen. Überhaupt, das Lachen! Tragen Männer Frauenschuhe und umgekehrt, hat das einen parodistischen Effekt. «Some Like It Hot» lieben wir alle! Ungeschickt auf hohen Absätzen balancierende Männer haben stets belustigend gewirkt, in allen Kulturen.

Werden wir ernst. Woraus sind gute Schuhe?

Aus Leder. Leder ist weich, aber robust, anpassungsfähig, hat eine gute Adhäsion, atmet und absorbiert Feuchtigkeit. Hervorragende Eigenschaften, die fast alle Kulturen ausgenützt haben. Leder ist ein phantastisches Material. Ich habe Schuhe aus ungefärbtem Rindsleder nachgebaut und getestet, indem ich wie ein Pilger in sogenannten Kuhmaulschuhen aus dem 16. Jahrhundert von Berlin aus gute 70 Kilometer nach Wilsnack gewandert bin. Sie waren ausgesprochen bequem – solange ich mich auf natürlichem Boden bewegte. Auf asphaltierten Strassen hingegen taugen sie nichts. Da spürt man durch die dünnen Ledersohlen, die keine Absätze haben, jeden Stein.

Also sind dickere Sohlen von Vorteil.

Auf heutigem Untergrund sicher, solange man nicht Ballett tanzt. Aus Leder oder Gummi sollten sie sein. Die Gummisohle kam zwischen den Weltkriegen auf, und sie ist gut, besser jedenfalls als Plastic. Entscheidend ist die Frage, ob sie gut vulkanisiert, also gegen atmosphärische und chemische Beanspruchung widerstandsfähig gemacht wird. PVC (Polyvinylchlorid) schätze ich nicht, es enthält Chrom und ist gefährlich. Wenn Plastic gewünscht wird, dann empfehle ich Materialien, die hart und spröde, aber auch weich und elastisch sein können, PU (Polyurethan) oder Evac (Ethylenvinylacetat).
Sind Schuhe heute eigentlich teurer als früher?

Das ist schwer zu sagen, da muss man die Einkommen vergleichen. Früher kaufte man weniger Schuhe, dafür hielten sie länger. Man reparierte sie. Und es gab keinen offenen Markt. Schuhe, die in Prag hergestellt wurden, durften im Mittelalter nicht in Pilsen verkauft werden – wie sollen Sie bei solchem Protektionismus einen Preis festlegen? Wir im Westen leben im Luxus, das ist klar. Amerikanische Frauen kaufen heute im Schnitt sechs Paar Turnschuhe jährlich – die brauchen sie nicht, die benützen sie nicht, da geht es nur ums Prestige oder ums Lebensgefühl. Generell aber kann man sagen: Lederschuhe sind teuer. Es gibt zu wenig Leder. Viele Tierhäute werden heute für anderes, etwa für Autositze, verwendet. Am teuersten aber ist die Sohlenherstellung. Es ist heute kaum noch rentabel, ein Sohlenmodell herzustellen. Es gibt meines Wissen nur noch einen Produzenten, der selber Sohlen herstellt. Alle übrigen werden gekauft, manchmal allerdings im Rahmen eines Exklusivvertrags.

Und was ist mit den Schuhen, die in Asien hergestellt werden? Die sind doch recht billig.

Oh, es ist schrecklich! Heute werden 56 Prozent aller Schuhe weltweit in China produziert. Die, die nicht in Lizenz hergestellt werden, sind oft optisch gute Kopien. Sie sehen aus wie europäische Schuhe, aber sie passen sich nicht der Fussform an und bestehen aus schlechtem, manchmal sogar gefährlichem Material. Es ist ein Paradox: In China, dem Land mit der grössten Produktion, gibt es kaum traditionelle Kenntnisse über die moderne Schuhherstellung. Man imitiert und man improvisiert mit Formen und Materialien. Das in China verwendete PVC ­enthält manchmal Stoffe, die eine raschere Produktion ermöglichen, die aber auch kanzerogene Eigenschaften haben.

Gibt es ihn denn, den idealen Schuh?

Nein. An sich gibt es schon etwas Ideales: die informierte Wahl. Doch die Informationen über die Schuhe kommen uns immer mehr abhanden, da in der globalisierten Weltkultur das europäische Gewerbe des Schuhmachers stirbt. Wir haben es bis jetzt nicht fertiggebracht, uns auf ein weltweit gültiges, einheitliches Messsystem für Schuhgrössen zu einigen. Es gibt noch immer fünf Messsysteme. Aber während wir über Messsysteme sprechen, gehen bei uns die Schuhmacher zugrunde. Das ist die Tragödie unserer Zeit.

Ulrich Schmid ist Autor und Korrespondent der NZZ; er lebt in Prag. Zuletzt erschien von ihm der Roman «Aschemenschen» im Eichborn-Verlag (2006).

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