NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Was ist gleicher als «gleich»?

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Von Wolf Schneider

IN UNSEREM WORTSCHATZ rumoren ein paar Terroristen, die Kampfbegriffe. «Gleichheit» heisst der explosivste unter ihnen. Wer bei ihr dem Rat von Karl Kraus folgt, öfter mal «vor dem Sprachgebrauch den Kopf zu schütteln», der muss auf Widerstand, ja auf allerlei Verunglimpfung gefasst sein. Schütteln wir ihn also.

Thomas Jefferson schrieb 1776 in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, «that all men are created equal», dass alle Menschen gleich geschaffen sind, und Robespierre versprach 1792, «auf den Trümmern des Thrones die heilige Gleichheit zu errichten» – wobei das Heilige zugleich das Vieldeutige und oft Missverstandene war. Populär heisst Gleichheit ja: totale Übereinstimmung, Austauschbarkeit – und die gibt es durchaus, bei Büroklammern zum Beispiel oder bei Zahnpastatuben, solange sie fabrikneu sind. Wenn aber alle Menschen «gleich» wären, «würde einer im Prinzip genügen», schrieb der polnische Satiriker Stanislaw Jerzy Lec zu Recht.

So kann Jefferson es nicht gemeint haben. Sondern vermutlich hat er Nutzen aus den Abstufungen gezogen, die den Kampfbegriff politisch so nützlich machen. Die Wörterbuchdefinition bleibt ja weit hinter dem Laienverständnis zurück: «Übereinstimmung in bestimmten Merkmalen», lautet sie, «grosse Ähnlichkeit.» Die Gleichheit – eine Ähnlichkeit! Das, in der Tat, kann beim Menschen nicht falsch sein. Nur dass für die schwammige Grundbedeutung ein besseres Wort zur Verfügung stünde: Wenn mehr als Ähnlichkeit, dann Äquivalenz, «equivalence», Gleichwertigkeit, Gleichrangigkeit, Übereinstimmung in den wichtigen Eigenschaften. «Equivalent», das offensichtlich meinte Jefferson. Dass er stattdessen «equal» geschrieben hat, war entweder unbedacht, oder es entsprach dem richtigen Instinkt, dass nur «equal» Sprengkraft besitzt – eben weil die meisten es als die vollständig abgehobelte Gleichheit missverstehen.

Auch in der Mathematik wird das Wort so definiert, dass uns «Verwandtschaft» als passender erschiene: Körper heissen «gleich», wenn sie bei verschiedener Form dasselbe Volumen haben, und Dreiecke, wenn sie bei verschiedenen Winkeln die gleiche Fläche bedecken; Dreiecke von gleicher Grösse und gleichen Winkeln sind kongruent, englisch «perfectly equal» oder «equal in all respects». Das hat Jefferson wohlweislich nicht geschrieben; schon weil es zu deutlich die Sklavenhaltung geohrfeigt hätte, die Amerikas Gründerväter ja unverdrossen beibehielten.

Nun, das ist lange her. Aber in zwei Varianten erweist sich die Gleichheit als politisch virulent. Die eine ist die Gleichstellung, nämlich der Frauen mit den Männern – korrekt und sogar unmissverständlich benannt, denn aus dem Wort hören wir die Äquivalenz heraus, die Herstellung gleicher Rechte der Geschlechter.

Doch alle Schlagkraft der alten Wortkeule wird in der Chancengleich-heit lebendig. Die wurde 1969 populär mit dem Myrdal-Report der schwedischen Sozialdemokraten und wird heute definiert als «gleiche Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für alle, ohne Rücksicht auf Herkunft und soziale Verhältnisse». Gleiche – also bloss ähnliche? Oder solche, die «perfectly equal» sind? Darüber wird gar nicht erst debattiert; vermutlich, weil mehr als eine Annäherung der Bildungschancen nicht erreichbar ist, unsere Politiker es so genau aber lieber nicht sagen wollen.

Heute, im Zeitalter der Gen-Besessenheit, hält ja niemand mehr an der Behauptung von Marxisten und Behavioristen fest, dass der Mensch allein das Produkt seiner Umwelt sei. Natürlich gibt es Talente, die dem einen angeboren sind und dem anderen nicht, und selbst unter den Umwelteinflüssen kann der liebevolle Umgang gescheiter Eltern mit ihren Kindern diesen einen Startvorteil verschaffen, der sich durch keine staatliche Bildungsmassnahme egalisieren lässt.

Vielen Utopisten und Sozialdemokraten war das immer ein Dorn im Auge. Wenn sie schon an der Erbmasse nichts verändern können – sollten dann nicht wenigstens die Eltern entmachtet werden? Entreisst ihnen die Kinder und erzieht sie in Gemeinschaftshäusern! Das forderte Platon in seiner grässlichen «Politeia», ebenso Tommaso Campanella in seinem widerlichen «Sonnenstaat» von 1602, und durch die Kinderzimmer Deutschlands streicht ein Eishauch, seit der Generalsekretär der SPD im Herbst 2002 für seine Partei «die Lufthoheit über den Kinderbetten» beansprucht hat.

Gleiche Umwelt für alle! Dann kommt uns nur noch das Erbgut in die Quere, schlimm genug. Also: «Die Ungerechtigkeit der Natur korrigieren!», fordern die schwedischen Sozialdemokraten – die Gleichheit der Chancen genügt nicht, für die Gleichheit des Erfolgs müssen wir sorgen! Wenigstens keine Zensuren mehr, kein Sitzenbleiben! Und das Wort «Gleichheit» ist geduldig und gibt sich für jeden Unsinn her.

Indessen wird es von einem anderen modischen Kampfbegriff bedrängt: der Selbstverwirklichung. Da die Menschen nicht «perfectly equal», sondern bloss «equal» sind, kann Selbstverwirklichung nur die Ungleichheit auf Erden mehren. So wird beim nächsten Mal sie auf dem Seziertisch liegen.




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