«Marseille, tais-toi Marseille. Tu cries trop fort, je n'entend pas claquer les voiles dans le port!» Edith Piaf besang den Lärm Marseilles zu einer Zeit, als es der wichtigste Hafen Frankreichs war, der zweitwichtigste Europas, ein bedeutender Umschlagplatz für Waren, Menschen und Ideen aus dem ganzen Mittelmeerraum. In der Kolonialzeit schauten die Kinder in Marseille den Dampfern nach, die nach Afrika ausliefen, nach dem Orient und dem Fernen Osten; manche Stadtviertel haben die exotischen Gerüche bewahrt.
Im Lauf der Jahrhunderte sind hier, oft nach langen und entbehrungsreichen Wanderungen, Belgier angekommen, Polen, Schweizer, Kabylen, Armenier, Spanier, Chinesen, nicht zu reden von den Italienern, den Afrikanern und den Maghrebinern. Marseille hat sie aufgesogen, hat die Wellen der Einwanderer geschluckt, die vor dem Elend flohen oder vor politischer Verfolgung, die überzeugt waren, Arbeit zu finden, im Hafen, in den Werften, in den Öl- oder Seifenfabriken und auf den Baustellen dieser unablässig wachsenden Stadt. Die Einwanderer spielen in der Ökonomie der Region heute noch eine zentrale Rolle. Und wenn man auch manchmal sagt, der alte Hafen sei eine neapolitanische Enklave und das Zentrum ein Araberviertel, so halten sich doch alle hier stolz für Marseiller, und als Fremde betrachtet man nur jene, die aus dem Norden kommen, der in Lyon beginnt.
Aber heute blickt Marseille besorgt auf Europa und sieht, dass man Barcelona, dem ewigen Rivalen, den Vorzug gibt. Die Werften schliessen, und seit Waren mit Containern transportiert werden, gibt es weniger Verladearbeiten: Die Arbeitslosigkeit beträgt in Marseille 20 Prozent. Seiner lebendigen Kräfte beraubt, die in die Banlieue abgedrängt werden, wird das Zentrum für touristische Zwecke restauriert, was den Zorn der Alteingesessenen hervorruft. Die Cannebière, die Champs-Elysées von Marseilles, teilt nun die Stadt in zwei Hälften, ist vom Zentrum zur diskriminierenden Demarkationslinie zwischen Süden und Norden geworden, zwischen den schönen Wohnquartieren und jenen der Armen.
Diese quartiers nord, in denen sich zwei Drittel der Sozialwohnungen Marseilles befinden und deren Einwohner zu 70 Prozent Einwanderer sind, die Hälfte jünger als zwanzig Jahre - diese Quartiere werden von aussen als Ghettos betrachtet, als unsichere Gegenden, Stätten der Delinquenz und des Rassismus. Und doch ist Marseille, nach Paris die bevölkerungsreichste Stadt Frankreichs, eine der wenigen grossen Städte, in denen es in den vergangenen Monaten nicht zu Jugendkrawallen in der Banlieue kam.
Die Vorstädte wurden Ende der sechziger Jahre, während der französischen Dekolonisierung, hastig auf den Hügeln entlang der Küste Marseilles errichtet und entsprechend cités d'urgence oder cités provisoires genannt. La Castellane, Le Plan d'Aou, L'Estaque heissen die Orte, die das Meer überschauen.
Oder La Bricarde. Messerscharf zeichnet der Mistral die Horizontlinie, vor einem metallisch blauen Himmel heben sich die Blöcke der stufenförmig angelegten Vorstadt ab. Frauen kehren von ihren Besorgungen zurück und tauschen Neuigkeiten aus, die Alten haben sich mit ihren Klappstühlen an den Platz im Zentrum gesetzt, wo jedermann vorbeikommt, und kommentieren das Hin und Her. Und überall sind Kinder, auf den Treppenstufen, in den Winkeln, auf den Parkplätzen. Von den 3000 Einwohnern der Bricarde sind 16 Prozent zwischen 7 und 13 Jahre alt, 46 Prozent zwischen 14 und 20.
Ein Mittag im Sommerferienmonat August. Die Luft beginnt nach Olivenöl und Gewürzen zu riechen, Kinder, allein oder sich bei den Händen haltend, steuern auf ein Gebäude zu. «Resto-Repas-Repos» steht da auf einem Schild, das das Restaurant der Afdto (Association des femmes de toutes origines) bezeichnet. Das Restaurant, das ursprünglich als Begegnungsort für Frauen vor allem algerischer Herkunft gedacht war, hat sich als von jung und alt rege frequentierter Treffpunkt etabliert; es offeriert auch Kindermenus für 7 Francs.
Der zehnjährige Said kommt allein ins Resto. «Mir gefällt das Restaurant, man bedient uns gut. Vor allem mag ich Hackfleisch, Kartoffelstock, Bananen. Einmal kam sogar der Bürgermeister von Marseille hierher. Ich bin stolz, dass wir ein solches Restaurant in der Bricarde haben.» Saids Gesicht ist sonnengebräunt, sein Blick lebhaft, er spricht ungezwungen im Marseiller Dialekt, denn in Marseille ist er geboren worden, als jüngstes von sieben Kindern algerischer Eltern, die seit sechzehn Jahren in der Bricarde leben. «Meine Mutter arbeitet als Putzfrau; mein ältester Bruder ist 26jährig, er ist Ingenieur, und der zweitälteste hat den Führerausweis für Lastwagen gemacht.» Er sei Franzose algerischer Herkunft, sagt Said (jedes Kind, das auf französischem Territorium geboren wird, bekommt automatisch die französische Staatsbürgerschaft), er könne ein wenig Arabisch, aber nicht viel. Er möchte einmal Judo-Champion werden; das gefalle ihm. Seine Copains in der Schule haben ihn darauf gebracht; jetzt habe er schon einen Pokal und eine Silbermedaille gewonnen.
«Ich spiele auch Fussball und fahre Velo», erzählt Said weiter. Er spricht so flink, wie er seine Wünsche und Pläne ändert. «Ich möchte auch segeln und Motorrad fahren, mit den Polizisten.» Said meint damit eine Initiative der Polizei, die den Jugendproblemen begegnen will: Animatoren und Praktikanten der Polizei werden in die Vorstädte versetzt, wohnen dort, nehmen am Alltagsleben teil und begleiten Freizeitaktivitäten für Jugendliche. Abends spielt Said auf dem Computer seines Bruders oder schaut sich im Fernsehen den «Club Dorothée» an, die tägliche Kindersendung. «Ich mag auch Karatefilme und die Filme mit Arnold Schwarzenegger.» Diese Filme habe er in der Bricarde im Kino gesehen. Dann hätten Leute das behelfsmässige Gebäude kaputtgeschlagen. «Ich weiss nicht, warum sie das gemacht haben, einfach so, um uns zu ärgern.»
Seine Zukunft stellt sich Said so vor: «Vielleicht heirate ich später . . . Nein, hier möchte ich nicht leben. Ich möchte in einer Villa wohnen . . ., wenn ich Geld habe . . . in Spanien oder Italien» - Wünsche, die wie die Wünsche aller Kinder beeinflusst sein mögen von Geschichten, von Filmen, von flüchtigen Bildern. Aber auch wenn er vor Lebenslust platzt, kennt Said, wie alle Kinder hier, Ängste: «Vor den Drogen habe ich Angst, dass sie mich verletzen oder töten.» Es weiss um die Drogenrealität. Manchmal lägen hier Spritzen herum. Bevor er zurückgeht zu seinen Copains, frage ich Said, was Frankreich für ihn sei: «Was das ist? Für mich? Frankreich? Ich weiss nicht . . . Auf dem Geldstück steht Liberté, Egalité, Fraternité. Vielleicht ist es das . . . Das heisst, dass alle gleich sind, Schwarze, Weisse . . .»
Die Sonne brennt. Kamel, seine Schirmmütze über die blonden Haare gezogen, führt uns durch seine Stadt, an die ihm vertrauten Orte. Auch er ist in der Bricarde geboren worden. Seine Eltern stammen aus dem Maghreb, und er hat zahlreiche Brüder und Schwestern. Laut einer 1986 in der Bricarde durchgeführten Untersuchung machen Familien mit mehr als sechs Personen einen Viertel der Bevölkerung aus; mehrheitlich sind es Einwanderer. Kamel, der einmal Fussballer werden möchte, zeigt uns die Sportanlage: einen betonierten Spielplatz inmitten der Häuser. Dort treffen sich die Jungen, wer einen Ball hat, bringt ihn mit und spielt mit denen, die gerade da sind. «Bei uns, unter den Copains, gibt es keinen Rassismus, alle spielen zusammen; nur die Chinesen spielen nicht mit, ich weiss nicht, warum.» Kamel deutet auf ein asiatisches Kind, das allein dasteht und weint.
Auch Kamel ist ein Fan von «Club Dorothée», und abends trifft er sich mit seinen Kollegen bei den Läden, wo sie Glace schlecken. Wie in allen Vorstädten dienen die Läden als Treffpunkt. «In der Bricarde gefällt es mir», sagt Kamel, «wenn ich gross bin und heirate, werde ich hier in einem Haus wohnen. Hier kenne ich alle.» Tatsächlich spricht ihn auf Schritt und Tritt jemand an. Zum Beispiel Rabia und ihre drei Freundinnen - alle etwa zwölf Jahre alt -, die in der Ecke eines Hofes die selbsterfundene «dans française» tanzen.
Überall herrscht rege Aktivität. Lärmige Bauarbeiten sind im Gang, Gerüste werden montiert. Man restauriert und malt, dazu dröhnt Musik in voller Lautstärke: In einer alten Wohnung arbeiten etwa zehn Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren mit Hammer und Spachtel; auf Initiative des Sozialamts restaurieren sie Wohnraum, der ihnen nachher zur Verfügung gestellt wird. Andernorts sind junge Männer dabei, Autos zu reparieren. Kamel kennt sie, denn die «Grossen» schicken ihn manchmal zum Zigarettenholen. Einige arbeiten als Strassenkehrer, einer ist seit zwei Jahren arbeitslos. Alle um die zwanzig, sind sie die Erstgeborenen der Einwandererfamilien. Sie werden auch die «grossen Brüder» genannt; sich selber betrachten sie als «verlorene Generation». «Die Kleinen haben Glück», sagen sie, «um uns hat sich der Staat noch nicht gekümmert. 1970 gab es nichts.» Das grösste Problem für sie ist die Arbeitslosigkeit - in der Bricarde liegt sie bei 37 Prozent.
Oben auf dem Hügel stehen die Baracken der cité provisoire, noch bewohnt von Zigeunern. Sie leben völlig für sich, und darum wecken sie Misstrauen. Man macht sie verantwortlich für den Drogenhandel und alle möglichen Übel. «Wenn es hier Drogen gibt», sagt Kamel, «dann kommen sie von anderswo oder von den Zigeunern dort oben.» Drogen sind eines der grossen Probleme der Banlieue. Le Plan d'Aou, La Bricarde und La Castellane gelten als Drehscheibe der Drogenkriminalität; vor einigen Monaten wurden in diesem Dreieck 35 Kilo Heroin beschlagnahmt. Mindestens zwanzig Jugendliche seien in der Bricarde an einer Überdosis Drogen gestorben, erzählt ein Einwohner. «Alle kennen die Namen der Dealer, und man weiss, wie die Sache läuft: Die Bosse aus Marseille rekrutieren hier junge Arbeitslose, die dann den Stoff den noch jüngeren verkaufen.»
Vielfach sind die Dealer die «grossen Brüder». Der «grosse Bruder» spielt im Familienleben der Einwanderer aus dem Maghreb eine zentrale Rolle. Er ersetzt oft den Vater, der alt ist, Analphabet, nicht Französisch spricht und die Autorität über die (meist in Frankreich geborenen) Kinder an den ältesten Sohn abgibt. Wenn es in der Stadt Probleme mit einem schwierigen Kind gibt, versucht man sie über den grossen Bruder zu regeln. An ihn wenden sich in der Regel auch die Sozialarbeiter, obwohl er selbst nicht selten in Drogenhandel und Kleinkriminalität verstrickt ist. «Besser regeln wir solche Sachen unter uns», meint einer der grossen Brüder, «es ist so schon schwierig, und wenn erst die Polizei sich einmischt . . .» - «Ja, das ist wahr», kommentiert eine Frau bitter, «wir regeln das unter uns: abrechnen nennt man das. Und am Morgen findet man dann manchmal eine Leiche auf der Strasse, liegengelassen wir ein Hund.»
Die meisten Sozialarbeiter sind der Meinung, dass nur bei den ganz Jungen Hoffnung besteht, präventiv wirken zu können. Das Team des Centre Social in der Bricarde, das sich weitgehend aus Einwanderern zusammensetzt, versucht die Jugendlichen während der Zeit zu beschäftigen, in der sie nicht in der Schule, das heisst: auf der Strasse, sind. Ziel ist es, sie zu Teilnahme und Selbstverantwortung anzuspornen. «Wenn Sachen kaputtgehen, ersetzen wir sie nicht; wir lassen die Jungen sich selbst darum kümmern und ihre Einrichtungen instand halten.» Autonomie ist auch der zentrale Begriff für Marie-Rose, die Chefin des Restaurants Resto-Repas-Repos, die dafür eintritt, dass man die Fürsorgementalität überwindet. «Seit zwanzig Jahren macht man die Leute zu Fürsorgefällen. Wir aber wollen, dass sie selbständig sind.»
Selbständig sind Malika und Christelle zweifellos, zwei Freundinnen, 13jährig und von einer Reife, die es verbietet, sie noch Kinder zu nennen. Christelle wohnt erst seit zwei Monaten in der Bricarde, aber sie fühlt sich bereits heimisch. Nach einer Zeit im Heim kam sie hierher, wo ihre Mutter Arbeit im Restaurant gefunden hatte. Manchmal verhärtet sich Christelles Blick, als würden Erinnerungen an ihr vorbeiziehen, über die sie nicht reden will. Lieber trägt sie ein Lied vor. Mit Malika hat sie einen Wettbewerb gewonnen, bei dem sie mit Rap ausdrückten, was sich im Quartier, in der Banlieue abspielt. «Wir wollen etwas in Bewegung bringen, in der Bricarde läuft zuwenig. Die Burschen tun nichts, sie haben keine Arbeit, alle suchen nach irgend etwas. Man muss sich um unsere Stadt kümmern.»
Auch Malika - lange Rasta-Zöpfchen, ein wacher Blick, dunkle Haut, eine warme, ruhige Stimme - ist in Frankreich geboren worden; ihre Eltern sind aus Algerien. «Wir sind Marseiller und stolz darauf. Ich habe fünf Schwestern und fünf Brüder; meine Mutter hat nie gearbeitet, mein Vater ist arbeitslos. Er gibt sich zufrieden mit der Familienzulage. Das ist manchmal hart für uns, manchmal ist es auch gut. Später will ich einmal Sängerin werden. Das ist mein Traum, und ich werde es schaffen. Ich singe, und wenn ich zu Hause bin, schreibe ich auf, was mich beschäftigt.» Aber vorläufig gehen Christelle und Malika wie alle Kinder zur Schule. Und was sie, wie alle Mädchen in der Bricarde, am dringendsten wollen, ist arbeiten können, auf eigenen Füssen stehen. Die Familie kommt erst in zweiter Linie. Die meisten sind überzeugt, es sei besser, nur ein Kind zu haben und es dafür gut aufzuziehen. Woher kommt die Entschlossenheit dieser zwei jungen Mädchen? «Wir sehen, wie unsere Mütter leiden», sagt Malika.
«Jung zu sein ist keine schöne Zeit in unseren Tagen, / in unserer Gesellschaft, die sich nur darum kümmert, dass alles vorwärts geht, / ohne sich über die Wunden in den Herzen der Menschen Gedanken zu machen. / In dieser Gesellschaft haben Tausende von Jungen / keinen Stern, der über ihnen leuchtet, also warum / all dieser Hass, / das hat doch keinen Sinn. / Ich habe Kinder gekannt, die haben gestohlen, gelogen und sich geprügelt, / aber das Schlimmste von allem war, / sie haben Drogen genommen, / und sie werden keine Familie haben, / sie werden das Alter nicht kennen und nicht einmal den Tod, / all diese Kinder, die man auf der Strasse ausgesetzt hat . . .» Dies sind Ausschnitte aus dem Rap-Song von Christelle. Und so beginnt und endet in Marseille alles mit einem Lied.
Arlette Sennegon-Meister ist freie Journalistin in Paris.