NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Da war ich doch schon mal!

© Jan Souman/Google Earth, Quell...
Satellitenbild eines Strands: Die gekringelte Linie ist die Spur einer Versuchsperson, die mit verbundenen Augen geradeaus gehen sollte (Experiment 2007). Linktext
Geht wirklich im Kreis, wer sich verirrt hat? Und wenn ja: warum? 1926 ­verband Asa A. Schaeffer ­Versuchspersonen die Augen und schickte sie in die Wüste.

Von Reto U. Schneider

Wenn je ein wissenschaftliches Experiment einem Kind ein unvergessliches Erlebnis bereitete, dann dieses: Im Frühling 1926 setzte der Zoologe Asa A.?Schaeffer einen Neunjährigen, den er in seiner Studie U nennt, hinter das Steuerrad eines Ford Coupé und liess ihn im Hinterland von Westkansas in die Prärie hinausfahren. Dass der Blick des Knaben kaum über die Motorhaube reichte, spielte dabei keine Rolle: U waren die Augen verbunden.

Nachdem der Amöbenspezialist Asa Schaeffer neun Jahre zuvor beobachtet hatte, wie sich sein Lieblingstierchen Mayorella bigemma durchs Wasser schraubte, fragte er sich, ob sich Menschen geradeaus bewegen könnten, wenn sie nichts sähen. Die Volksmeinung dazu war längst gemacht: Wer im Sandsturm in der Wüste wandert oder bei Schneetreiben auf dem Eis, geht im Kreis. Das ist so selbstverständlich, dass das Kreiswandern zu einem eigenen literarischen Motiv geworden ist: Mark Twain tut es in «Roughing it» ebenso wie Frodo in «Lord of the Rings».

Doch stimmt es wirklich, dass sich unweigerlich im Kreis dreht, wer sich an keinem Orientierungspunkt halten kann? Kann der Mensch geradeaus gehen? – Er kann es nicht – und er kann auch nicht geradeaus schwimmen oder geradeaus Auto fahren, wie Schaeffer feststellte.

Keine einzige seiner 37 Versuchspersonen schaffte es mit verbundenen Augen, sich auch nur eingermassen geradeaus zu bewegen. Die Routen führten oft in eine Spirale und konnten in Kreisen von nur 5 Metern Durchmesser enden. Warum Kreise? Auch dazu hatte das Volk eine Meinung: Zweifellos musste es daran liegen, dass die Beine unterschiedlich lang oder stark waren. Also liess Schaeffer seine Versuchspersonen rückwärts gehen. Das längere oder stärkere Bein kam auf die andere Seite zu liegen und hätte so auch zu einer Kurve in die andere Richtung führen sollen, was aber nicht geschah.

Als nächstes wollte Schaeffer den Einfluss der Körperachsen prüfen: Spielt es eine Rolle, ob sich die Versuchspersonen aufrecht oder liegend vorwärts bewegten? Da er sie schlecht dazu zwingen konnte, durch die Prärie zu kriechen, liess er sie mit einer über die Augen gezogenen Badekappe schwimmen – mit demselben Resultat: Auch die Schwimmer drehten sich im Kreis.

Schliesslich setzte Schaeffer einige seiner Versuchspersonen – darunter den neunjährigen U – blind in ein Auto, auf dem Beifahrersitz ein Begleiter. Dabei entdeckte er, dass Menschen auch dann in einer Spirale enden, wenn sie sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen. Asymmetrien der Beine konnten also keine Rolle spielen.

Schaeffers Arbeit «Spiral Movement in Man» aus dem Jahr 1928 enthält auf 105 Seiten die Aufzeichnungen aller Routen – sie sehen aus wie Telefonkritzeleien eines Wahnsinningen. Ein Mathematiker hatte Schaeffer gewarnt: «Die meisten, die sich in der Vergangenheit mit Spiralen beschäftigten, sind verrückt geworden.»

Verrückt ist Schaeffer zwar nicht geworden, aber viel gescheiter auch nicht. Systematisches konnte er aus den Daten kaum ableiten, doch er liess sich davon nicht beirren und erklärte die Spiralbewegung kurzerhand zur «universellen Eigenschaft bewegter lebender Materie».

Zwei Jahre später veröffentlichte der Psychologe Frederick H.?Lund eine Arbeit, in der er behauptete, es seien doch Körper­asymmetrien, die das Phänomen des Kreiswanderns hervorriefen und nicht das diffuse Naturprinzip «aus dem Bereich des Unbeobachtbaren», das Schaeffer postulierte. Danach war es lange ruhig um die Kreiswanderungsforschung, bis vor zwei Jahren das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen von der Wissenschaftssendung «Kopfball» des WDR auf das Problem aufmerksam gemacht wurde.

Die Wissenschafter vermassen Länge und Kraft der Beine ihrer Versuchspersonen und konnten zeigen, dass ihre Unterschiedlichkeit tatsächlich nicht der Grund für das Phänomen ist, denn auch als sie den einen Schuhabsatz der Probanden um 12 Millimeter erhöhten, kam es zu keiner systematischen Veränderung der Routen.

Der Grund, warum die Leute nicht geradeaus gehen können, sagt Jan L.?Souman, einer der beteiligten Forscher, liege in profanen zufälligen Störungen, die sich mit der Zeit zu einer grossen Abweichung addierten (siehe Bild).

Schaeffer hätte diese Antwort enttäuscht. Er hatte Grösseres vor: «Es wäre äusserst interessant, ähnliche Experimente mit einem Flugzeug durchzuführen, aber bis jetzt hat sich keine Gelegenheit dazu ergeben.» Sonst wäre seine ­Versuchsperson U vielleicht der erste Neunjährige gewesen, der blind ein Flugzeug steuert.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.

Kürzlich erschien bei Bertelsmann «Das neue Buch der verrückten Experimente» mit gesammelten Texten dieser Kolumne. Mehr Informationen gibt es unter http://www.verrueckte-experimente.de/.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.


bild

Das neue Buch der verrückten Experimente

Der zweite Band der Sammlung verrückter Experimente von Reto U. Schneider enthält nicht nur die im NZZ Folio erschienen Kolumnen, sondern zahlreiche unpublizierte Skurrilitäten aus dem Reich der Wissenschaft.
Buch kaufen

Cover-Englisch

Verrückte Experimente: jetzt auch in Englisch

Unter dem Titel "The Mad Science Book" ist das "Buch der verrückten Experimente" von Folio-Redaktor Reto U. Schneider soeben in Englisch erschienen.

"Mad Science Book" kaufen