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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt Inhaltsverzeichnis
Liebhaber -- Die Sehnsucht des Buchhalters
© Suzanne Schwiertz
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| Thomas P. Keller, 51, Auge in Auge mit dem Wal. Der Buchhalter bei einem Kabelnetzunternehmen in Zürich reist in seinen Ferien seit zehn Jahren nach Hawaii, um mit Delphinen zu schwimmen. Dabei entdeckte er nicht nur seine Liebe zu Land und Meeressäugetieren, sondern auch zur Fotografie. Seit ein paar Jahren gilt sein Interesse den Buckelwalen im Südpazifik. (www.i4dolphins.com) |
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Thomas P. Keller lebt und arbeitet in Zürich. Im Herzen aber ist er Hawaier. Wann immer Geld und Zeit es zulassen, reist er in den Pazifik, um Delphinen und Walen nah zu sein.
Von Anja Jardine
Thomas P. Keller kann den Tag genau benennen: «Am 14. September 2008», sagt er, «wurde mir das Glück zuteil, das Auge eines Wals aus nächster Nähe zu erwischen.» Welch grosses Glück es tatsächlich für ihn bedeutete, ahnt jeder, der ihn erzählen hört. Im bläulichen Schein seines Laptops sitzt er in einem Café in Zürich, dem kalten Wintertag vollkommen entrückt, und betrachtet die Fotografie auf dem Bildschirm – die grau glänzende Haut des Buckelwals, die weissen Falten am Unterkiefer, unter schwerem Lid das runde Walauge. Es schaut ihn an, sanft und gleichmütig, wie es scheint. «Der Wal allein bestimmt, was möglich ist», sagt Keller, und noch heute schüttelt er staunend den Kopf darüber, welch grosse Nähe er ihm an jenem Tag erlaubte.
Keller ist Buchhalter eines Kabelnetzunternehmens in Zürich, sein Alltag gehört den Zahlen: Budgets, Personalkosten, Lohnabrechnungen, Liquiditätsprüfungen, Prognosen, Jahresabschlüsse, präzis und nüchtern. Doch einmal im Jahr taucht er ab in eine Welt, in der Zahlen so wenig taugen wie Worte. Und ausgerechnet dort gelingt die denkbar beste Kommunikation. Wie geht das? Das ist die Frage, der Keller auf seinen Forschungsreisen nachgeht: Gibt es etwas Übergeordnetes, ein Datennetz spezieller Art, in dem wir mit anderen Lebewesen kommunizieren können?
Angefangen hat es mit Delphinen. Eine Freundin hatte ihm von Hawaii vorgeschwärmt und von den Spinnerdelphinen, die dort in freier Natur lebten. Beides lockte ihn: Hawaii und die Delphine. Keller, der Bergmensch, dem das Meer immer Angst eingeflösst hatte, flog also nach Honolulu. Und eines Tages schwamm er mit der Freundin zu einem Delphinschwarm hinaus, der gerade von der nächtlichen Futtersuche auf offenem Meer in die Bucht zurückgekehrt war. Dreissig, vielleicht fünfzig Spinner tummelten sich im Wasser. Ihre Klicklaute, ihr Schnattern und Quietschen klangen freundlich und einladend.
Keller näherte sich behutsam, immer parallel zu den Tieren und immer wieder Abstand wahrend. Die Spinner wichen nicht zurück, ganz im Gegenteil, sie forderten ihn auf mitzuspielen. Sie nahmen ihn in ihre Mitte, drosselten ihr Tempo auf seines und schwammen neben ihm her. Keller liess es geschehen, paddelte mit seinen Flossen, vermied jede ausholende Armbewegung, es wurde «ein meditatives Schwimmen».
Unbekümmert und freudvoll
Berührt hat Keller die Delphine nie, selbst dann nicht, wenn sie es darauf anzulegen schienen. Zu gross ist sein Respekt: «Es sind wilde, hochsensible Tiere. Ihre Haut ist sehr speziell. Wer weiss, ob ich ihnen mit Sonnencrème oder Fingernägeln nicht Schaden zufüge, mag er noch so klein sein. Zumal fraglich ist, ob eine solche Interaktion zwischen Mensch und Tier überhaupt gut ist.» Keller geht es um eine andere Ebene der Berührung.
Am zweiten Tag gab es bereits einen Spinner, den Keller an seiner Rückenflosse wiedererkannte und der immer wieder zu ihm kam. Am dritten Tag schwamm Keller wieder hinaus, hielt sich aber bewusst fern. Er sagte sich und den Delphinen: «Wenn ich willkommen bin, könnte ihr mich ja abholen.» Nach ein paar Minuten waren sie da.
Von nun an reiste Keller jedes Jahr nach Hawaii. «Es war wie ein Virus», sagt er. So aufregend, so beglückend, so rätselhaft. Was geschieht da? «Ich habe immer den Eindruck, die Delphine kapieren so viel mehr als wir. Sie spüren alles und leben vollkommen im Moment, unbekümmert und freudvoll.»
Und sie geben deutlich zu erkennen, wenn man sie stört. «Ich habe auch schon erlebt, dass die Delphine sagen: ‹Ist gut jetzt.›» Wenn sie schlafen wollen zum Beispiel. Delphine schlafen, indem eine Gehirnhälfte schläft und die andere wacht. Dadurch wird die Atmung aufrechterhalten, denn sie sind bewusste Atmer, sie verspüren im Wasser keinen Atemreflex. Gelingt es einem Delphin nicht, rechtzeitig an die Oberfläche zu kommen, ertrinkt er nicht, sondern er erstickt. In den Schlafphasen ist er eingeschränkt in der Bewegung, geht träge hoch und runter, ein Auge offen, das andere zu. «Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir es sind, die in ihren Lebensraum eindringen», sagt Keller. «Es ist ihr Wohnzimmer, ihr Schlafzimmer.»
Anfangs habe er andere Schwimmer am Fussgelenk festgehalten, wenn sie den Tieren nachgejagt seien, sich laut oder aggressiv benommen hätten, sagt Keller. Aber mittlerweile habe er festgestellt, dass die Delphine das sehr gut allein regelten. «Wenn die deine Nähe nicht wollen, siehst du nichts von ihnen.»
Einmal habe er sich mit der Freundin den Delphinen nähern wollen, als bereits eine schwangere Frau mit der Gruppe schwamm. Da kamen ihnen auf halbem Wege drei, vier Delphine frontal entgegen und signalisierten: Lasst die allein. «Das versteht man sofort», sagt Keller, «die hatten eine ganz andere Körperspannung als am Tag zuvor. Wir sollten nicht stören. Und das haben wir natürlich respektiert.» Es gibt die Vermutung, dass Delphine mittels Ultraschall Kontakt zu Ungeborenen aufnehmen können, wissenschaftlich bewiesen ist es nicht. Doch für Keller steht ausser Frage, dass sich zwischen der Frau, ihrem Baby und den Delphinen etwas Besonderes abgespielt hat.
Sanfte Riesen
«Es ist nicht leicht zu erklären», sagt Keller, «die Gefahr ist gross, dass die Leute denken, der hat ja einen Knall. Aber ich habe das Gefühl, dass man sich telepathisch mit den Delphinen verständigen kann. Ich gebe ihnen zum Beispiel durch: ‹Da bin ich wieder. Keine Sorge, ich will nur fotografieren.› Das verstehen sie.» Keller stellte fest, dass die Begegnungen noch intensiver wurden, wenn er die Kamera dabeihatte. Das Fotografieren verlangt von ihm, «hochkonzentriert zu sein und vollkommen im Moment».
Mehr noch: Keller spürte, dass er hier so etwas wie einen Auftrag hat. Vielleicht sollte er mit seinen Bildern erzählen von ihrer Existenz, ihrer Schönheit, ihrer Schutzbedürftigkeit. Und die Delphine waren es auch, die ihm eines Tages signalisierten, dass es an der Zeit war, weiterzuziehen. Der Zufall wollte es, dass Freunde gerade eine Walexpedition in den Südpazifik organisierten.
Drei Tage dauert allein die Anreise zu jener Inselgruppe; sie ist weiter weg und schwieriger zu erreichen als Neuseeland. Ihren Namen verrät Keller genauso wenig wie die der Buchten auf Hawaii. «Das Paradies darf man nicht verraten», sagt er, «sonst ist es vorbei damit.»
Ein Schiff brachte ihn und die anderen zu den Walen hinaus. Schon aus der Ferne konnten sie einen Blas sichten, jene Fontäne, die beim Ausatmen der Wale hoch in die Luft aufsteigt. Das Boot fuhr heran, doch die letzte Etappe galt es zu schwimmen. Keller suchte unter Wasser den Wal, als er plötzlich einen hellen Schatten erkannte, einen Umriss, etwas sehr Grosses. Langsam nahm der Fleck Konturen an, wurde riesig. Vier, fünf Meter lang. Doch das war nur das Kalb. Dahinter, kolossal, schwamm die Mutter. Wow, dachte Keller, mehr ein Gefühl als ein Gedanke. Fünfzehn, vielleicht sogar achtzehn Meter lang war dieses Tier, mit einem riesigen, von Hautknoten und Entenmuscheln übersäten Maul und langen, weit schwingenden Brustflossen – ein ungeheuerlicher Anblick. «Nein», sagt Keller, «ich hatte keinen Moment Angst. Ganz im Gegenteil: Ich fühlte mich zu Hause.»
Keller bewegte sich sehr ruhig, hielt sich auf Distanz, bis die Wale zu ihm kamen. Er zoomte auf das Kleine, als es unter der Mutter hervorkam und direkt auf ihn zuschwamm. Es drehte ab und erwischte Keller mit seiner Fluke, der imposanten Schwanzflosse, die – einem Propeller ähnlich – Buckelwale zu einem der schnellsten Meereswanderer macht. «Das können Sie sich nicht vorstellen», sagt Keller, «die Berührung war so sanft, dass man sie kaum spürte.» Vielleicht ist es das: diese Mischung aus Sanftmut und archaischer Kraft. Denn es braucht nur zwei Flossenschläge, und die 40 Tonnen sind weg.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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