NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Schichtarbeit am Ticker

Nachrichtenselektion bei Associated Press.

Von Peter M. Gehrig

EIN DÜSENJÄGERPILOT, so sagt man, muss alle 30 Sekunden eine Entscheidung treffen. Nach drei Fehlern hintereinander ist er ein für allemal der Notwendigkeit weiterer Entscheidungen enthoben.

Verantwortliche Redaktoren und Redaktorinnen bei Nachrichtenagenturen stehen unter einem ähnlichen Entscheidungsdruck, wenngleich Fehleinschätzungen für sie nicht dieselben endgültigen Folgen haben wie für den Düsenjägerpiloten. Und meist fehlt der Adrenalinkick, den man dem Vernehmen nach beim Fliegen eines Düsenjägers bekommt.

Im amerikanisch geprägten Agenturslang sind die «Slotter» diejenigen, die entscheiden müssen, welche Nachricht weitergegeben und welche unter den Tisch gekehrt wird. Der Begriff Slotter stammt aus der Zeit vor der Computerzeitrechnung, als jede vom Journalisten verfasste Meldung von einer Dame (oder auch von einem Herrn) in der Fernschreibabteilung von Hand auf Lochstreifen übertragen und dann gesendet wurde. Zwischen Redaktion und Fernschreibzentrale stand als Lärmschutz eine Trennwand. Ein Schlitz (Slot) mit einer Schiebeklappe zum Durchreichen des Papiers war die Verbindung zwischen beiden Welten. Wer den Schlitz bediente, war ein geschlechtsneutraler Slotter. Der Schlitz ist weg, der Name blieb. Er haftet denjenigen an, die den Sendebefehl für die fertige Meldung geben, die Schleuse für die Nachricht öffnen.

Das Senden der Meldung markiert das Ende eines Bearbeitungsprozesses. Ganz am Anfang steht die Entscheidung für oder wider einen Beitrag. Bei Associated Press (AP), der gemessen an Mitarbeitern, Budget, Meldungsaufkommen und letztlich auch Bezügern grössten Nachrichtenagentur der Welt, laufen auf den verschiedenen Drähten (die längst keine mehr sind, sondern von Satelliten abgelöst wurden) täglich grob geschätzt etwa 20 Millionen Wörter in sechs Sprachen (Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Niederländisch und Schwedisch).

Der in Frankfurt erstellte deutsche Dienst, der als Auslandsangebot zum grössten Teil auch in den deutschsprachigen Schweizer Dienst Eingang findet, umfasst derzeit täglich rund 230 Meldungen mit insgesamt etwa 60 000 Wörtern. Er ist also nur ein Bruchteil des weltweiten Angebots der AP. Dennoch ist AP im deutschsprachigen Raum hinter der Deutschen Presseagentur DPA der zweitgrösste Anbieter.

Rund 40 Prozent dieser deutschen Nachrichten kommen aus dem nichtdeutschen Sprachraum - in Englisch, der Verkehrssprache der Agentur. Sie werden entweder von den Korrespondentinnen und Korrespondenten (AP unterhält weltweit 229 Büros mit etwa 2000 Journalisten) direkt per Computercodierung an jene internen und externen Abnehmer gesendet, die ein Interesse daran haben könnten. Interne Abnehmer sind die AP-Büros mit eigenen Landesdiensten und die Partneragenturen, zum Beispiel Press Association in Grossbritannien, AGI in Italien, AAP in Australien; externe Abnehmer sind die Medien. Die Originalmeldung kann aber auch an das International Desk in New York übermittelt werden. Dort wird sie dann auf ihre Tauglichkeit für den Weltdienst geprüft und nach regionaler Bedeutung weitergeleitet. Bei dieser Prüfung wird der Besuch des japanischen Aussenministers in Neuseeland auf asiatischen Drähten mehr Gewicht erhalten als auf europäischen. Umgekehrt interessiert die jüngste Budapester Konferenz über Zuwanderung in Europa oder der Besuch des deutschen Aussenministers in der Ukraine die Kunden in Japan und Singapur wohl kaum im Detail.

Das International Desk schlägt auch alle Meldungen aus den beiden Amerika um, Clintons Rede zu den Steuerplänen genauso wie die Berichte über die jüngste Flüchtlingswelle aus Haiti oder die Meldungen über den Kampf der kolumbischen Regierung gegen den Drogenkönig Pablo Escobar. Dabei wird beachtet, dass die Innenpolitik eines südamerikanischen Staates, so sie nicht auf einen Staatsstreich hinauszulaufen droht oder - wie im Falle des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Collor de Mello - grundsätzliche Missstände eines Landes aufzeigt, in Europa nicht allzuviel Interesse wecken wird.

Aus diesem auf Europa zugeschnittenen internationalen Angebot von rund 1200 Meldungen mit durchschnittlich je 400 Wörtern suchen die Auslandsredaktoren in Frankfurt jene rund zehn Prozent aus, die Eingang in den deutschen Dienst finden. Die, wie es einmal tatsächlich im AP-Dienst hiess, «mit Spannung erwartete» Gebietsreform in Burkina Faso, die mit der Aufteilung in neun administrativ weitgehend autonome Provinzen «nach mehrmonatigem Tauziehen jetzt abgeschlossen ist», gehört dabei sicher zu den Exoten. Burkina Faso hat weder politisch noch wirtschaftlich für den deutschen Sprachraum jene Bedeutung, die ein Eingehen auf eine Gebietsreform rechtfertigen würde. Der Platz bei den Zeitungskunden ist zu kostbar, als dass er dort - Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel - für eine solche Meldung geopfert würde.

Bei 1200 Meldungen täglich kommen also etwa 50 pro Stunde über den Ticker. Jede einzelne gilt es anzulesen, inhaltlich auch in Feinheiten zu verstehen (wo liegt der Unterschied, wenn George Bush am Ende des Golfkriegs von einem «retreat» der Iraker spricht und Saddam Hussein von «withdrawal» und beide Begriffe im Dictionnaire als «Rückzug» wiedergegeben werden?) und auf ihren Nachrichtengehalt und die Notwendigkeit der Weitergabe zu prüfen.

Dann folgt die Bearbeitung eigenhändig oder von einem der - jedem Slotter beigeordneten - zwei bis drei Schreiber in jeder Achtstundenschicht während des Tages. Die dritte Möglichkeit ist die Ablage, ein für allemal, mit dem Risiko, gerade dieses Thema am nächsten Tag, von einer der Konkurrenzagenturen verbreitet, in allen Blättern wiederzufinden. So war es, als die Pariser Polizei letztes Jahr im Bois-de-Boulogne gegen Prostituierte beiderlei Geschlechts vorging. Das Pariser Büro lieferte dem deutschen Dienst reichlich Material, was aber am Desk als «lokale Kiste» eingeordnet und folglich abgelegt wurde. Die Konkurrenzagenturen stiegen breit auf das Thema ein und sicherten sich den Abdruck. Die gerunzelte Stirn des Chefredaktors gab es zu dieser Fehlentscheidung gratis, denn dessen Aufgabe ist es auch, bei der täglichen - nicht immer ganz schmerzfreien - Durchsicht eines repräsentativen Querschnitts der Kunden des deutschen Dienstes den Abdruckerfolg zu werten. Aus dem Überblick, was wie auf dem Nachrichtenmarkt gehandelt wird, ergehen Rückmeldungen an die Redaktion, Themen breiter anzulegen oder aus anderen Themen auszusteigen. Was nicht mehr interessiert, lohnt keinen Arbeitsaufwand, was sich aber als kommendes Thema abzeichnet, wird zum Muss.

Rein rechnerisch ergibt sich aus der in Frankfurt eingehenden Nachrichtenmenge etwa jede Minute der Zwang zu einer Entscheidung. Dies ist jedoch relativ, da sich nachrichtenarme Zeiten während der mit nur einer Person besetzten Nacht mit absoluten Spitzenzeiten zwischen 12 Uhr und 19 Uhr abwechseln. Die 30 Sekunden Entscheidungszeit des Düsenjägerpiloten werden in diesen sieben Stunden leicht erreicht, der Adrenalinspiegel manchmal auch.

Wie wird entschieden? Ad hoc. Was ist eine Nachricht? Heute dies und morgen das. - Das sind ebenso schwammige wie zutreffende Antworten. Es gibt mehr als einen Versuch, den Begriff Nachricht zu erläutern. Keine Umschreibung ist unumstritten. Radio DRS hat einmal definiert: «Die Nachricht ist die knappe Mitteilung eines aktuellen, allgemein interessierenden Sachverhalts.» Und Werner Holzer, ehemals Chefredaktor der «Frankfurter Rundschau», hat postuliert: «Die reine Nachricht ist die denkbar kürzeste Fassung der Information.»

Bei beiden Definitionen ist noch nichts über die Relevanz einer Information gesagt, denn diese ist letztlich entscheidend, wenn auch sehr variabel. Als Beispiel: Wenn an einem beliebigen Tag die Sonne aufgeht, wird dies keinen Nachrichtenwert haben, weil das trotz Smog und Klimaveränderung an sich nicht ungewöhnlich ist. Wird es aber eines Morgens aus irgendwelchen Gründen nicht hell, ist dies (skandinavische Länder im Winter ausgenommen) eine Sensation und muss unbedingt gemeldet werden. Auch am zweiten und dritten Tag der Dunkelheit wird die Tatsache noch meldenswert sein. Danach flaut das Interesse sicher etwas ab, ein Gewöhnungseffekt tritt ein. Kommt die Sonne nach zehn Tagen ihren Pflichten unerwartet wieder nach, wird auf einmal der Umstand, dass es hell geworden ist, zu einer interessanten Nachricht, ein Faktum, das bis vor elf Tagen keinerlei Nachrichtenwert hatte.

Die wichtigsten Voraussetzungen für den Schleusenwärter sind also zum einen Erfahrung und ein (möglichst) untrügliches Gespür für die Nachricht - im Slang gerne «News Sense» geheissen. Zum anderen bedarf es der genauen Kenntnisse, was derzeit als Thema gehandelt wird. Die bestgeschriebene Story über den Nordatlantik-Containerverkehr wird keine Abdruckchance haben, wenn vor Shetland ein Ölfrachter seine zerstörerische Ladung verliert. Informationen über die Bauvarianten von Öltankern in den letzten 25 Jahren, an sich allenfalls für Fachleute von Belang, werden im Zusammenhang mit dem Shetland-Desaster plötzlich für eine grosse Öffentlichkeit interessant. Vor allem gehören zum Amt des Schleusenwärters eine gehörige Portion Entscheidungsfreude, der Wille und die Bereitschaft zur Verantwortung. Denn wenn für Zeitungen gilt, dass nichts so alt ist wie die Nachricht von gestern, so gilt zugespitzt für Agenturen um 12 Uhr: Nichts ist so alt wie die Nachricht von 11 Uhr.

Ist die Konkurrenz mit den News schon seit Stunden am Markt, sieht ein «Nachzieher» ohne neue Inhalte meist unbeholfen aus. Dann sollte man sich, wenn das Thema keine überragende Bedeutung hat, im Zweifel lieber in Ehren geschlagen geben und ein anderes Sujet aufgreifen, eine Lücke füllen, immer in der Hoffnung, die Kunden bei Radio und Printmedien von der eigenen Ansicht der Bedeutung einer Information zu überzeugen.

Zum «News Sense» gehört das Erkennen, dass in einer Zeit der Katastrophen und Kriege der sogenannte Lesestoff, wie wir ihn in der Agentur nennen, immer wichtiger wird. Die Reise eines afghanischen Politikers nach Pakistan kann trotz aller Bedeutung für den Kenner des Mittleren Ostens für den «Normalverbraucher» nicht so anziehend sein wie eine «Schmonzette» über den Mann, der Anfang Februar in einem TGV zwischen Paris und Bordeaux nach seiner in die Toilettenschüssel gefallenen Geldbörse griff. Dabei klemmte er sich die Hand ein und konnte sich nicht mehr allein befreien. Die Feuerwehr erlöste ihn samt Becken mit Schweissbrennern aus seiner misslichen Lage, und der Ärmste stand mit anhängender Leichtmetallschüssel schliesslich auf dem Bahnsteig von Saint-Pierre-des-Corps bei Tours, neben dem Schaden auch des Spotts der Mitreisenden sicher. Diese hatten aber dann selbst das Nachsehen, denn der TGV kam nicht wieder in Fahrt, und alle Passagiere mussten auf einen anderen Zug umsteigen.

Nachrichten sind für Agenturen, und für die Medien wohl generell, eine Ware, die produziert, transportiert und schliesslich konsumiert wird. Dies muss die Person an der Schaltstelle zumindest wissen, wenn nicht gar verinnerlichen. Dabei darf sie allerdings nie in einen zynischen Opportunismus verfallen, der die nackte Frauenleiche vor der Haustür dem Elend im Kriegsgebiet auf dem Balkan bedingungslos «vorzieht». Umgekehrt darf der Slotter auch nicht elitär abgehoben sein und der Devise folgen: Was könnten wir für schöne Nachrichten anbieten, wenn es bloss die Leser und Hörer nicht gäbe.

Um jene zehn Prozent aus 1200 eingehenden Meldungen herauszufiltern, die überhaupt eine Abdruckchance haben, braucht es eiserne Nerven. Denn neben alles Abwägen, alles Entscheiden haben die Götter die Technik gesetzt. Jeder Slotter weiss, dass der in einer Badewanne in Genf entdeckte tote deutsche Politiker an Dringlichkeit nur schwer zu überbieten ist. Und wenn gerade dann der Computer, der das Büro in Genf angeblich so sicher mit dem in Frankfurt verbindet, alle Viere von sich streckt, werden Haare schnell grau. Man hat die Nachricht, wird sie aber nicht los, was allein schon sehr frustrierend ist. Zu allem Überfluss springt am Redaktionstisch das auf jede volle Stunde programmierte Radio an, und die Funknachrichten melden plärrend den Fund.

Eiserne Nerven sind auch notwendig, wenn vom Verfasser der englischen Basisnachricht ein Fehler gemacht wird, der vom Slotter nicht erkannt werden kann und aus dieser Unkenntnis heraus nahtlos in den deutschen Dienst übernommen wird. Als beim gescheiterten Putsch in Moskau ein Sprecher bei einer turbulenten Pressekonferenz auf die Frage nach dem Verbleib Michail Gorbatschews auf russisch antwortete: «Gorbatschew w Krymu» - Gorbatschew ist auf der Krim -, verstand der Korrespondent, vom Lärm gestört (und möglicherweise vom Wunschdenken beflügelt): «Gorbatschew w Kremlje» - Gorbatschew ist im Kreml - und gab dies per Eilmeldung weiter. Der phonetisch hauchdünne Unterschied hätte politisch möglicherweise den gravierenden Unterschied zwischen Bürgerkrieg und Putschende bedeuten können. Fünf Minuten später war der Irrtum aufgeklärt, die Falschmeldung aber war uneinholbar in alle Winde verstreut.

Peter M. Gehrig ist Chefredaktor von AP Frankfurt. Fotos: Karsten Thielker, Frankfurt.


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