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NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Sigmund Freud, «Ritter zwischen Tod und Teufel»

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
So hat Thomas Mann ihn genannt, und vom Tod wie vom Teufel, in der Tat, verstand er was. Warum, fragte Freud 1915, als der Weltkrieg schon ein Jahr gewütet hatte – warum sollten wir enttäuscht sein «wegen des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbürger? In Wirklichkeit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten – weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wir’s von ihnen glaubten.» Das war böse, präzise, elegant gesagt; und wer so schreibt, den zu lesen, lohnt sich auch dort, wo man Mühe hat, seine Meinungen zu teilen. Eine Heilwirkung der von Freud ersonnenen Psychoanalyse ist nie bewiesen worden, und nie hat er viel Beifall gefunden für seine These, dass Buben davon träumen, den Vater zu erschlagen und die Mutter zu heiraten.

Nur dass er uns durch sein schwingendes, glasklares Deutsch verführt, ihn in seinem kühnen Gedankengebäude zu besuchen – und so ist er einer der grössten Anreger und Aufreger des 20.?Jahrhunderts geworden, eine Leitfigur für Scharen von Literaten und surrealistischen Malern, ein Götze in Hollywood und für die Kirche der Gottseibeiuns.

«Es wäre ja sehr schön», hielt er ihr entgegen, «wenn es einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Leben; aber es ist doch sehr auffällig, dass dies alles so ist, wie wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonderbarer, dass unseren armen, unwissenden Vorvätern die Lösung all dieser Weltprobleme geglückt sein sollte?… Das Ganze ist so offenkundig infantil, dass es einer menschenfreundlichen Gesinnung schmerzlich wird, zu denken, die grosse Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens erheben können.»

Als Sohn eines ärmlichen jüdischen Kaufmanns wurde Sigismund Schlomo Freud 1856 in einer Kleinstadt im heutigen Tschechien geboren. Sigmund nannte er sich alsbald, in eine Synagoge ging er nie, koscheres Essen verbat er sich sein Leben lang. Doch leitete er eben aus der jüdischen Herkunft seine Fähigkeit ab, «das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen» – und so die Psychoanalyse gegen den Spott und die Verachtung der Fachwelt durchzusetzen.

Schulzeit in Wien, 1881 Doktor der Medizin; 1885, mit 29 Jahren, Dozent für Neuropathologie an der Wiener Universität. Im selben Jahr besuchte er eine Pariser Nervenklinik – und war fasziniert, wie der berühmte Jean Charcot Hysterien durch Hypnose heilte. Statt der Hypnose die freie Assoziation, das Plaudern auf dem Sofa über Träume, Ängste und ­verdrängte Kindheitserinnerungen – das wurde sein Rezept. 1886 riskierte er es, in Wien eine Privatpraxis zu eröffnen, und nach etlichen kargen Jahren fand er Patienten genug; ja unter den Damen der feinen Gesellschaft wurde es chic, sich bei dem berühmten Professor mit dem schwarzen Vollbart und dem Nimbus des Unheimlichen auf die Couch zu legen und sich guten Gewissens der übelsten sexuellen Phantasien zu bezichtigen.

Und Freud publizierte – immens fleissig und stets in jenem schönen Deutsch, das ihm 1930 den Goethepreis eintrug und ihn 1936 zum Kandidaten für den ­Literaturnobelpreis machte. 1899 das erste Grundsatzwerk, «Die Traumdeutung», 1901 die bis heute populäre «Psychopathologie des Alltagslebens» (nichts ist Zufall, immer spricht das Unbewusste mit – ob wir uns versprechen, etwas vergessen oder uns scheinbar willkürlich eine Zahl ausdenken). 1905, in den «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie», war der Skandal komplett: Schon kurz nach der Geburt, sagte Freud, setzt unser ­Sexualempfinden ein; daraus, dass Eltern und Erzieher es unterdrücken, folgen die Neurosen – freilich auch alle Kultur.

Seine grosse, heute unbestrittene Leistung war die Einsicht, dass uns Kräfte treiben, die wir nicht kennen; bewusst wird uns nur der unwichtigste Teil unseres Seelenlebens. Einen Blick in unsere Unterwelt, in der die Entscheidungen fallen, gestatten uns nur Träume, Mythen und Märchen. Damit hatte Freud der Menschheit, gemäss seiner eigenen Darstellung, die dritte «Kränkung der Eigenliebe» zugefügt, die psychologische – nach der kosmologischen Kränkung durch Kopernikus (die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt) und der biologischen durch Darwin (der Mensch ist nichts Besseres als die Tiere) nun die Einsicht, «dass das Ich nicht Herr in seinem eigenen Hause ist».

Die Nazis hassten ihn doppelt, als «zersetzenden» Denker und als Juden. 1938, nach dem «Anschluss» Österreichs, duldeten sie die Auswanderung des 81-Jährigen nach London. Dort schrieb er noch 15 Monate lang, bis wenige Tage vor seinem Tod – durch Morphium erlöst nach 23 Operationen gegen den Gaumenkrebs, der ihm schliesslich die Mundhöhle zerfressen hatte. Zuletzt verweigerte der Hund, an dem er hing, ihm den Besuch am Krankenbett, des Geruches wegen.

Der da starb, war ein Zauberer der Sprache, ein souveräner Erforscher des Unbekannten, ein furchtloser Kopf, dem kein Luftschloss unerreichbar schien. Ihn zu lesen, hebt den Geist und lohnt noch immer.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Sigmund Freud, «Ritter zwischen Tod und Teufel» - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)

Warum wurde die Gaumenkrebserkrankung am Lebensende von Freud mit solch abstossenden Details hervorgehoben? Sie hatte nichts mit seiner überragenden Lebensleistung, sondern vielmehr mit seinem Zigarrenrauchen zu tun. Informativer wäre es gewesen, auf die symbiotische Beziehung zu seiner Tochter Anna einzugehen; sie war auch die Einzige, die Freud noch an sein Kranken- und Sterbebett liess. Und die Darwinsche Feststellung - als eine der drei grossen Kränkungen der Menschheit - widerlegte den Glauben, der Mensch sei ein vollendetes Geschöpf Gottes, und belegte, dass er am Ende einer evolutionären Kette steht, verkürzt also "nichts Besseres als ein Tier" ist.
Gabriele Jöck, Heidelberg D



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