KONSTANTIN BYTKA, CHISINAU (MD), ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat eine 13-jährige Tochter. In seiner spärlichen Freizeit fährt er sein Oldtimer-Motorrad K 750 M, Baujahr 1968, eine sowjetische BMW-Kopie, die in der Ukraine gebaut wird. Sein Taxi ist ein Skoda Octavia, Baujahr 2000, Zählerstand 120 000 Kilometer.
Chisinau, die Hauptstadt der Moldau, hat 662 000 Einwohner.
Bytka verdient monatlich etwa 200 Franken (2000 Lei). In der Republik Moldau ist das sehr viel. Seine Frau arbeitet beim gleichen Unternehmen in der Zentrale. Bytka hat sich ohne fremde Hilfe ein Haus in Chisinau gebaut. Von seinem Einkommen lebt seine Familie; an die Grosseltern gibt er hie und da etwas ab. Teuer ist vor allem die Privatschule seiner Tochter.
In der ganzen Moldau gibt es keinen funktionierenden Taxameter. Über den Fahrpreis wird verhandelt. Als Richtlinie gelten 4.20 Lei (gut 40 Rappen) pro Kilometer.
Konstantin Bytka, wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ich fahre jeden Tag, im Schnitt etwa 10 Stunden, also 70 Stunden die Woche. Seit zwei Monaten bin ich bei einer Firma angestellt, die einen Flughafen-Taxidienst betreibt. Sie hatte zehn Autos, drei wurden in dieser Zeit bereits gestohlen. Am Flughafen können auch private Taxis arbeiten, wenn sie sich lizenzieren. Private sind billiger als wir, aber sie haben schlechte Autos, sind unzuverlässig und versuchen oft üble Tricks.
Wie regeln Sie die Altersvorsorge?
Wir zahlen in eine Pensionskasse ein. Ich hoffe, dass ich dereinst davon profitieren werde, aber ich glaube es nicht. Das ist nicht seriös. Sparen kann ich nicht, alles Geld geht weg. Meine Altersvorsorge ist das Haus in Chisinau, an dem ich ständig baue, und die Ausbildung meiner Tochter Daniela, in die ich grosse Hoffnungen setze. Sie ist lieb und fleissig.
Wie wurden Sie Taxifahrer?
Bis vor kurzem habe ich bei einer Tabakfirma gearbeitet. Doch die muss sparen und hat mir keinen neuen Vertrag gegeben. So bin ich Taxifahrer geworden.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Im Jahr 2000 waren wir in der Ukraine, am Schwarzen Meer in der Nähe von Odessa. Die Krim ist uns zu teuer. In der Tabakfirma hatten wir jährlich zwei Wochen Ferien. Meist fuhren wir aufs Land.
Wie viele Kilometer legen Sie am Tag zurück?
Das variiert stark. In der Regel sind es etwa 100 Kilometer. Die Moldau ist klein, und die Strassen sind schlecht. Ich fahre häufig auch in die Transnistrische Republik und in den Süden des Landes, nach Gagausien. Staus gibt es hierzulande praktisch keine, wenn’s mal einen gibt, dann rauche ich eine Zigarette. Meine längste Fahrt ging mit einer netten Frau nach Odessa. Sie gab mir auch das höchste Trinkgeld: 20 Dollar.
Wer war Ihr schwierigster Fahrgast?
Am schwierigsten sind Betrunkene, die weise ich meist ab, ebenso wie Leute, deren Gesicht mir nicht gefällt. Einmal wollten sieben geizige Syrer aufs Mal einsteigen, die habe ich abgewiesen. Dass ich am Flughafen arbeite, ist günstig. Leute, die fliegen, haben ein gewisses Niveau.
Reden Sie mit den Fahrgästen?
Im Allgemeinen mache ich das. Aber etwa zehn Prozent der Fahrgäste sind Schweiger.
Wie hoch war Ihre höchste Strafe?
Fast 10 Franken, wegen Übertretung der Höchstgeschwindigkeit. Ich trinke nie Alkohol, also kann man mich auch nicht wegen Fahrens in betrunkenem Zustand verurteilen.
Wurden Sie schon attackiert?
Nein. Aber es geschieht häufig. Allerdings würde ich niemandem empfehlen, es bei mir zu versuchen. Ich weiss mir zu helfen. Bezahlt haben bisher noch alle Gäste.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Ein Tourist aus Moskau liess seine Videokamera liegen. Ich konnte sie ihm zurückgeben. Er war sehr überrascht und gab mir einen schönen Finderlohn. Ein Gast aus Aserbeidschan vergass seine Dokumente. Sie liegen noch immer bei uns auf der Zentrale, wie auch eine Menge Hüte.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Wie viel kostet die Fahrt vom Flughafen dorthin?
Der Botanische Garten. Da fahre ich gerne hin, weil es ruhig und grün und friedlich ist. Die Fahrt kostet etwa sechs Franken.
Werden Sie manchmal für andere Dienste herangezogen?
Nicht selten werde ich eingeladen, mit den Leuten, die ich gefahren habe, zu trinken. Ich sage immer ab. Manchmal soll ich Streit schlichten, das fällt mir schwer. Viele Leute streiten sich im Taxi, manchmal lautstark und ohne Rücksicht auf den Fahrer. Ich stelle dann einfach das Radio sehr laut ein und rauche eine Zigarette.
Was täten Sie, wenn Sie viel Geld hätten?
Das wird nie der Fall sein. Aber wenn ich’s doch hätte, würde ich es ins Haus investieren.
MOLDAU
Einwohner: 4 280 000
BIP pro Kopf: CHF 2800
Benzin: 1 l CHF 0.62
Milch: 1 l CHF 0.35
Coca-Cola: 1 l CHF 0.80
Brot: 1 kg CHF 0.55
Reis: 1 kg CHF 0.70
Kinobillett: CHF 2.50
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.50