Die letzten Töne eines gregorianischen Chorals verklingen in der frischen Morgenluft. Mit geübter Geste stülpt der Pater das Metallhütchen am Ende seines Löschhorns über die Flammen der drei Kerzen auf dem Altar. Es ist bald neun Uhr, der Gottesdienst zu Ende. Wie meistens, wenn der Einsiedler frühmorgens die Messe feiert, sind die Gebetsstühle des Barockkirchleins im Onsernone-Talgrund leer. Doch das ist dem Mann in der grauen Kutte einerlei: «Ich lebe allein», sagt der Mönch, «deshalb ist mir alles gegenwärtig. Auch die Gläubigen.»
Wenn der Pater, der seinen Namen nicht genannt haben möchte, um viertel nach acht am Strick der Glocke zieht und einen dünnen Schlag zum Zeichen des Messebeginns in den halbverlassenen Weiler schickt, hat er eine lange Nacht hinter sich. Kurz vor drei ist er aufgestanden, die nächsten zwei Stunden hat er betend verbracht. Nach dem Frühstück um fünf hat er sich der Meditation und dem theologischen Studium gewidmet, dessen Gegenstand in dieser Nacht ein Urtext des Alten Testaments in hebräischer Sprache war; die Schriften des Neuen Testaments liest er auf griechisch.
Die «Betrachtung» eines Textes ist für den Mönch ein Schritt auf dem Weg ans Ziel. «Die Beschäftigung mit der Satzstellung bei der Übersetzung ins Deutsche, die Entschlüsselung der sprachlichen Bilder weben sich zu einem Ganzen - und in diesem Ganzen erschliessen sich die Heilswege des Herrn.» Um sieben Uhr schlug - wie jeden Morgen - die Stunde der Lobpreisung Gottes mit dem Gesang eines Psalmes. Dann hatte sich der Priestermönch auf die Messe vorzubereiten. Dazu gehört auch für einen Einsiedler die Körperpflege, das Zähneputzen, Waschen und Rasieren.
Nach der Messe ist der Eremit in seiner Klause - ein schmales Steinhaus inmitten der Häusergruppe nahe der Kirche -verschwunden. Und nach kurzer Zeit erscheint er in neuem Outfit. Aus der majestätischen Gestalt vor dem Altar ist ein bescheidener kleiner Mann geworden: dunkelblaue Jeans und ein weinroter Pullover gucken unter einer kurzen beigen Leinenkutte hervor; in der Hand hält der Einsiedler eine Plastictüte. Das freundliche Lächeln bei der Begrüssung signalisiert Gesprächsbereitschaft: «Ich steige mit Ihnen hinauf. Ich muss ins Pfarrhaus zum Fotokopieren.»
Ein Postauto kurvt hornend durch die Onsernonestrasse über unseren Köpfen. Der Weg führt in steilem Zickzack bergan durch bunten Herbstwald. Taufeuchte Stachelhülsen rollen unter den Schuhen weg. Der Eremit hält sich an seinem Stock. Ab und zu bückt er sich, ohne den Redefluss zu unterbrechen, nach einer besonders fetten Kastanie und versenkt sie im Plasticsack. Er redet und redet und setzt in sportlichem Eilschritt Fuss vor Fuss.
Ein Einsiedler, Eremit oder Anachoret ist nach kanonischem Recht ein Mönch, der allein ausserhalb der klösterlichen Gemeinschaft lebt und sich selber versorgt. Auch der 52jährige Onsernone-Eremit hat viele Jahre seines Lebens hinter den Mauern eines Klosters, eines deutschen, verbracht. Dass sein von Kölner Dialekt gefärbtes Deutsch heute durch den südlichen Herbstwald hallt, verdankt er dem Tessiner Bischof Eugenio Corecco und dessen Liebe zu den Eremiten. Doch davon später.
Der Besuch im Pfarrhaus ist zu Ende, die Fotokopien sind im Plasticsack verstaut. Freundlich grüsst der Eremit die Hausfrauen und die alten Männer, die uns auf der Strasse begegnen. Hie und da wechselt er mit ihnen in holprigem Italienisch ein paar Worte. Man kennt ihn, denn wenn der Talpfarrer verhindert ist, liest er manchmal die Messe in der Dorfkirche oder eilt ans Bett eines Sterbenden im Altersheim. Den Vorschlag, unser Gespräch im Ristorante fortzusetzen, schlägt er aus. Lieber will er mich ins Haus einer Bekannten am Dorfrand führen.
Die Hausherrin grüsst erfreut, setzt Teewasser auf und lässt uns diskret allein. Der Eremit lehnt sich im bequemen Sofa zurück und gibt sich sichtlich Mühe, mir keine einzige Antwort schuldig zu bleiben. Dienstfertig schildert er den Ablauf seines vom Rhythmus der vorgeschriebenen Stundengebete diktierten Alltags. Die Rede fliesst - ein Wasserfall, der jede aufkeimende Gefühlsregung zu ertränken droht.
Wie ist Bischof Coreccos Zuneigung zum Eremitentum zu erklären? möchte die Besucherin nun von ihm wissen. Doch diese Frage scheint dem Pater weniger zu behagen. Ausweichend sucht er nach einer Antwort, die kirchenpolitische Erwägungen umschifft. Über den Zwist, der seit dem Amtsantritt des polnischen Papstes Johannes Paul des Zweiten die katholische Kirche in zwei Lager spaltet, mag der Eremit nicht reden.
Als Klammerbemerkung deshalb: Bischof Corecco gehört - wie sein Churer Kollege Joseph Haas - zu den ergebensten Dienern seines Oberhirten. Und wie sein Amtsbruder Haas teilt er des Papstes tiefes Misstrauen gegen jene Strömungen in seiner Kirche, die der Befreiungstheologie nahestehen. Dazu rechnet Bischof Corecco auch die im Tessin angesiedelten Franziskaner und Kapuziner. Denn die Bettelmönche der «minderen» Orden sehen die Verwirklichung des Evangeliums nicht nur in der frommen Askese, sondern auch in der Arbeit «draussen», in den Slums der grossen Metropolen Lateinamerikas oder in den Gassen und Hinterhöfen unserer Städte. Soziales Engagement erscheint dem polnischen Papst und seinem Tessiner Stellvertreter mitunter suspekt, wird doch dabei nicht immer die vom Oberhaupt verordnete Distanz zum weltlichen Geschehen gewahrt. Als im vergangenen Frühling die kurdischen Asylbewerber im Kanton Obwalden untertauchten, um sich der Ausweisung in die Türkei zu entziehen, bekannte sich der populäre Locarneser Franziskaner Padre Callisto in einer Sendung des Tessiner Radios zum zivilen Ungehorsam. «Als Christ bin ich meinem Gewissen verpflichtet und nicht einer politischen Instanz», erklärte er. Und geriet sogleich in den Verdacht, die untergetauchten Asylbewerber in seinem Kloster versteckt zu haben.
Da stehen dem Tessiner Bischof die frommen Eremiten, die ihr Heil einzig in der mystischen Verschmelzung mit ihrem Gott suchen, näher. Ihre Klausen in den abgelegenen Tälern, deren Pfarrämter mangels Priesternachwuchses zusehends verwaisen, stärken dort die Präsenz der Kirche. Sie können gar zu Pilgerstätten mit beträchtlicher Ausstrahlungskraft werden. So betreibt Bischof Corecco, zu dessen zeitgemässem Rüstzeug ein gut entwickeltes Bewusstsein für kirchliche Public Relations gehört, eine konsequente Politik der Besiedelung verlassener Eremitagen.
Nicht immer ohne Hindernisse. Die Bemühungen, in Santa Maria d'Ongero bei Carona einen Einsiedler zu installieren, hat dort zu Konflikten mit der Kirchgemeinde geführt. Für 141 000 Franken will der Bischof zwei Räume des barocken Kirchenkomplexes zur Klause für einen vorläufig noch im Wallis lebenden Eremiten umbauen - sehr zum Ärger des Kirchgemeindepräsidenten von Carona. Denn Santa Maria d'Ongero, in den Tessiner Kunstführern als ein «Juwel der barocken Baukunst» beschrieben, bedarf dringend der Renovation. Doch vergeblich setzte sich der Kirchgemeindepräsident dafür ein, das Geld für diesen Zweck zu verwenden. Als der Bischof an seinem Plan festhielt, hier eine Eremitage einzurichten, quittierte er sein Amt mit dem zornigen Ausspruch: «Einen Eremiten brauchen wir nicht - der kann zu Hause beten.»
Auch im tessinischen Roveredo ist eine Eremitage im Aufbau: Dem deutschen Klausner Gabriel Bunge, der dort seit Jahren in der Kapelle von Santa Croce lebt, hat Corecco kürzlich einen jungen Mitbruder aus Chiasso beigesellt. Des Tessiner Würdenträgers positive Einstellung zum Anachoretentum kam auch unserem Eremiten zu Gehör. Schon lange, erzählt er, hatte er die innere Berufung zur Einsiedelei verspürt. Doch die deutschen Bischöfe verschlossen sich seinem Wunsch. Auf seiner vergeblichen Suche nach einem geeigneten Ort wandte er sich deshalb an das Bistum Lugano und stiess auf offene Ohren. Im Onsernonetal war eine Einsiedelei verwaist; der Kölner Bruder konnte die Nachfolge des Zürcher Paters Carlo Hofstetter antreten, der während vieler Jahre im Weiler auf dem Onsernone-Talboden gehaust hatte.
Wie kommt ein Mensch dazu, auf all das zu verzichten, was das Leben lebenswert macht - auf sexuelle Erfüllung, auf Freizügigkeit und Besitz? Schon früh, erzählt der Eremit, nun wieder redselig, habe er sich zum klösterlichen Leben hingezogen gefühlt. Sein religiöses Elternhaus, der intensive Umgang mit dem Priester seines Wohnorts legten den Grundstein. Den Anstoss zum Rückzug aus dem weltlichen Getriebe aber gab die Lektüre. Als 19jähriger stiess er auf einen Text über den heiligen Berg Athos. Die Mönchsrepublik auf der griechischen Halbinsel Alchidike beflügelte seine Phantasie und liess ihn nicht mehr los. Ein seliges Lächeln huscht über sein Gesicht, wie er von Athos spricht: ein Gebiet, viel grösser als das ganze Onsernonetal, mit 20 Klöstern, mit immensen Büchereien, bevölkert von asketisch lebenden Mönchen, von denen sich viele als Gelehrte und Künstler betätigen. Mit der Konzentration eines Künstlers bei der Arbeit vergleicht er auch die eigene Befindlichkeit beim Studium der biblischen Texte: «Die Eigenart des Mönchtums ist der Rückzug in die Abgeschiedenheit. Der Verzicht», so erklärt er, «gehört zum Weg.»
Statt nach dem erträumten Athos führte der Lebensweg den Novizen vorerst ins Kloster Mariawald bei Heimbach in der Eifel, einer Abtei der «Zisterzienser von der strengen Observanz». Dort leben etwa 30 Mönche nach den benediktinischen Regeln - schweigend, betend, arbeitend. Auch er fühlte sich berufen, den Weg in die Askese zu gehen. So legte er das Gelübde ab. Der Benediktinerorden, sagt der Pater, sei die Übersetzung des östlichen Mönchstums - des Gedankenguts des Athos-Gründers Athanasius - ins Westliche; es fordert Armut, Keuschheit und Gehorsam. Soziale Kontakte sind ihm zwar nicht verboten; enge Grenzen hingegen schon gesetzt: «Auch wenn ich es gerne hätte, dass die Kontakte sich vertiefen - es könnte zu Spannungen führen.» So entzieht sich der Einsiedler den Konflikten, die menschlichen Beziehungen innewohnen. Seinen Raum in der Welt müsse er verteidigen, insistiert er: Er habe sich nicht von der Welt verabschiedet - nur von ihrer Betriebsamkeit.
Was nicht heissen soll, dass der Einsiedler sich nicht gelegentlich in die Stadt verirrt. Mit dem Auto - es ist auf den Namen seiner Mutter eingetragen - fährt er einmal in der Woche ins nahe Locarno, um Einkäufe zu tätigen. Der Eremit kauft dann beispielsweise Material für die Haus- und Gartenarbeit, die er jeden Morgen nach dem Gebet der Terz um 9 Uhr bis mittags verrichtet. Auch eine Zeitung gehört zum wöchentlichen Shopping, wobei er lieber als frische Nachrichten die Kommentare der «Welt» liest. Immerhin: Einmal in der Woche informiert er sich mittels Lektüre einer Tessiner Tageszeitung über seine Umgebung. Das Weltgeschehen aber, behauptet er, begleite einen Mönch durch sein Gebet unmittelbarer, als wenn er es aus dem Radio oder dem Fernsehen zur Kenntnis nehmen. Somit bleibt auch das Radiogerät, das in seiner Einsiedelei steht, meistens stumm. Dafür legt sich der Frühaufsteher, bevor er seine zweite und letzte Mahlzeit einnimmt, eine Zeitlang aufs Ohr (ein Anschlag an der Tür seiner Einsiedelei warnt allfällige Besucher, dass er von 12 Uhr 15 bis 15 Uhr 15 nicht gestört sein möchte). Am Nachmittag widmet er sich dann erneut der Haus- und Gartenarbeit, hackt Holz oder werkelt im Gemüsegarten. Ist das Wetter unfreundlich, zieht er sich in seine Klause zurück, liest oder schreibt Briefe. Nach 18 Uhr betet er das Vesper. Und dann, sagt er, sei für ihn «Sendeschluss».
Ein Auto, ein Telefon, ein Radio und Gespräche mit Journalisten und Ratsuchenden - ist das moderne Einsiedlerleben nicht mehr das, was es einmal war? «Eremitismo soft» titelte eine Tessiner Lokalzeitung ihre Reportage über die einheimischen Eremiten. Doch vielleicht steckt hinter der verbreiteten Vorstellung über die Weltabgeschiedenheit früherer Einsiedler bloss die eigene Sehnsucht nach einem weniger hektischen Leben.
Schon der schweizerische Nationaleremit Niklaus von der Flüe, der nach einer Vision im Jahr 1467 seine Frau und seine zehn Kinder verliess, um die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in der Ranftschlucht in völliger Askese zu verbringen, blieb nicht lange einsam. Er genoss im Gegenteil das besondere Vertrauen der Luzerner Staatsführung, deren Mitglieder häufig im Ranft auftauchten, um ihn dort um seinen Rat zu bitten. Allmählich - so der Kirchenhistoriker Fritz Büsser - kam der Waldbruder sogar in den Ruf eines begnadeten Ratgebers, zu dem nicht nur die Eidgenossen, sondern auch Abgesandte der Republik Venedig, der Stadt Konstanz, des Duca Lodovico Sforza von Mailand und des österreichischen Herzogs Sigmund pilgerten.
Der Einsiedler im Onsernonetal hat es ebenfalls nicht immer leicht, seine Einsamkeit zu verteidigen. Oft klopfen Neugierige an seine Tür oder Leute aus der Umgebung, die seinen Rat suchen. Und manchmal, räumt er ein, verspüre er den unwiderstehlichen Wunsch nach mitmenschlicher Kommunikation. Dann setzt er sich in sein Auto und fährt zum Gedankenaustausch zu Bruder Gabriel nach Roveredo.
Auch mit so banalen Dingen wie Eigentumsrechten und Zukunftsplänen für seine Einsiedelei muss er sich beschäftigen. Und schliesslich braucht auch ein Einsiedler Schuhe und Kleider. Die kurze Leinenkutte, die er zum Aufstieg ins Dorf trägt, hat ihm - wie er stolz erwähnt - seine Mutter nach seinen Anweisungen genäht. Um die Jeans und Stiefel muss er sich auf seinen wöchentlichen Ausflügen in die Stadt hingegen selber kümmern. Ob da nicht gelegentlich in ihm der Wunsch nach den sich darbietenden Konsumfreuden hochsteigt? «Kaum», sagt der enthaltsame Pater: «Mir geht nichts ab - meine Zeit ist mir zu kostbar, um mich mit diesen Dingen zu beschäftigen.»
Denn drei wesentliche Entsagungen - auf diese Feststellung legt er Wert - zeichnen auch heute noch das Eremitenleben aus: der Verzicht auf weltlichen Besitz, der Gehorsam und die Ehelosigkeit. Zwar sorgt der Tessiner Förderverein «Associazione Eremo Santissima Trinità» als Eigentumsträger der Einsiedelei dafür, dass seine Klause nicht über seinen Kopf hinweg den Besitzer wechselt. Seinen Lebensunterhalt bestreitet die Kurie. Und den Regeln, denen sich seine Mitbrüder im Kloster bedingungslos beugen müssen, kann er sich gelegentlich entziehen.
Das Zölibat aber - oder wie er es lieber ausdrückt: die Jungfräulichkeit -, auf das er sich mit seinem Mönchsgelübde verpflichtet hat, gilt auch für den Onsernone-Eremiten als absolutes Gebot. Es sei, sagt er, die Voraussetzung für die Offenheit zu Gott. Und geradezu blumig wird seine sonst eher sachliche Sprache, wenn er diesen seligen Zustand beschreibt und mit einer «zum Himmel gerichteten offenen Blüte» vergleicht.
Unser Eremit ist zufrieden. Vereinsamt fühlt er sich nicht. «Weniger jedenfalls als einer, der irgendwo im 24. Stock eines Hochhauses allein lebt.» Die Geborgenheit, die heute so viele schmerzlich vermissen, verschafft ihm die Kirche. Das Aufgehobensein, von dem er als Jüngling bei der Lektüre der Schriften über Athos träumte, ist für ihn wahr geworden. Sein Einsiedlerleben weiss er gut beschirmt - vom Paragraphen 603 des Kirchenrechts, das den Schutz der Eremiten festschreibt. Und von einer kirchlichen Autorität, die sehr wohl weiss, was sie an ihren Einsiedlern hat. Nicht die Spur eines Zweifels verrät seine Stimme, wenn er sein Credo verkündet: «Das Eremitentum setzt Zeichen - es macht andere darauf aufmerksam, dass sie am wirklichen Leben vorbeileben.»
Silvana Schmid ist freie Journalistin und lebt in Origlio bei Lugano.