Als Patrick Ebnöther letzten Herbst die erste Lieferung dieser derzeit so populären farbigen Kaschmirschals aus Schottland bekam, waren sie innerhalb von drei Wochen ausverkauft. Der Chef der Erlenbacher Agentur Wearhouse verkaufte gar seine Warenmuster, um auch die letzten Kunden zufriedenzustellen. Eine Nachbestellung war in der Tat schwierig: Die Schals wurden nicht bei einem wieselflinken Chinesen gestrickt, der innert Wochenfrist drei Tonnen neue Ware liefern konnte, sondern bei einem Traditionsunternehmen in Jedburgh, an der südöstlichen Grenze Schottlands.
Cashmeres of Scotland heisst die Firma, und wer ihre Homepage besucht, den graust es angesichts der unmodischen Pullover mit Zopfmuster und der Cardigans, die da angepriesen werden. Schöne Sachen sind das nicht, wie auch Ebnöther rasch feststellte: «Wie die meisten Engländer, Iren oder Schotten war die Firma nicht sehr einfallsreich in Sachen Design – very British halt.»
Aber es sind gute Dinge, die dort hergestellt werden. Denn die Gebrüder Simon und Jeremy Smith verkaufen nur das feinste Kaschmir. Geliefert wird es vom Garnspezialisten Johnston of Elgin, wo seit über 200 Jahren die Clans der Johnstons und Harrisons an den Maschinen stehen und ein beachtliches Know-how in Sachen Kaschmir angehäuft haben. Gestrickt wird bei S & T Knitwear, wiederum ein schottischer Traditionsbetrieb, der viel Wert auf Arts & Crafts legt.
Mit etwas Anschubhilfe vom Kontinent sind die Schotten nun über ihren Schatten gesprungen und haben einen hochmodischen Artikel produziert. Die Schals überzeugen durch die farbliche Brillanz des kuschelweichen Garns – in komplexen Kombinationen von bis zu zwanzig verschiedenen Farben. Zurzeit sind 4 Basics und 16 neue Kombinationen im Angebot, rund 2000 Stück sind in der Schweiz bereits an die Geschäfte ausgeliefert worden, verkauft werden sie zu einem für diese Qualität sehr überschaubaren Preis von rund 250 Franken.
«Die Schals könnten wohl locker für mehr Geld verkauft werden», sagt Ebnöther. «Wenn sich aber die Mengen reduzieren würden, hätten wir ein Problem, so viele Dessins zu produzieren, da die Mindestmengen bei 100 Stück pro Farbe liegen.»
Getragen wird so ein Schal ab Anfang Oktober am besten jeden Tag, und zwar auch zu Mantel, Anzug und Krawatte. Damit er nicht zu präzis drapiert wirkt, soll man ihn in einer losen Doppelschlinge um den Hals legen und die losen Enden durch die Schlaufe ziehen. Das ist ein weiteres Plus des schottischen Prachtstücks: es ist dafür lang genug.
Ein Wort noch zum Kaschmir: Die Wolle von einer nach der indischen Provinz Kaschmir benannten Ziege (Capra hircus) wird hauptsächlich in Nordchina, der Mongolei, in Iran und Afghanistan gewonnen. Die Tiere werden von nomadisierenden Bauern auf Hochplateaus gehalten, wo ihnen in eisiger Kälte dichte Wolle wächst. Der weltweite Bestand der Kaschmirziegen wird auf etwa 40 Millionen Tiere geschätzt, aus deren im Sommer ausgekämmter Unterwolle (11 000 Tonnen) jährlich etwa 6,6 Millionen Pullover hergestellt werden.