VON NEW YORK, der Stadt der Wolkenkratzer, ist Doris Achleitner begeistert. In jedem Aufzug gab es einen Liftboy, der für sie die Knöpfe drückte, und im World Trade Center musste sie für die Fahrt hinauf nicht Schlange stehen. «Zuerst dachte ich: eigentlich könntest du schon anstehen wie die anderen auch. Aber dann sagte ich mir: das ist jetzt ausgleichende Gerechtigkeit.»
Ausgleichend dafür zum Beispiel, dass sie als Frau mit einer Körperlänge von einem Meter achtzehn und mit zwei Stöcken auf Reisen zum Auto immer auch einen Chauffeur mieten muss. Ausgleichend vielleicht dafür, dass sie fünfzig Knochen gebrochen hatte, ehe sie siebenjährig war. Glasknochen nennt man diese Störung der Knochenstruktur.
Dass die heute 36jährige Sekretärin die Privilegien der Behinderten in New York zuerst fast nicht in Anspruch zu nehmen wagte, führt sie darauf zurück, dass sie selber kaum je an ihre Grösse denkt und sich für ihre Reisen nicht speziell vorbereitet. Einzig einen Spiegel nimmt sie mit, der im Hotelbadezimmer ist immer zu hoch oben. Aber sonst sind gerade Hochhäuser mit ihrem Dienstleistungsangebot ideal.
Mit ihrem Mann, der ebenfalls kleinwüchsig ist, war sie dreimal in Thailand und einmal in Malaysia und Singapur, und überall hat es ihr gefallen. Ausser in Hongkong. «Die vielen Leute dort, das war lebensgefährlich», sagt Doris Achleitner. Als sie zur Stosszeit in eine U-Bahn-Station ging, wurde sie von den Pendlerströmen mitgerissen. Die nach Hause Eilenden sahen die kleine Frau nicht, und sie konnte ihnen in den engen Gängen nicht ausweichen, bekam Aktenkoffer, Ellbogen, Rucksäcke und Fotoapparate an den Kopf. Sie geriet in Panik. Als sie wieder Luft hatte, verkroch sie sich tagelang im Hotelzimmer.
Das schlimme Erlebnis hält sie allerdings nicht vom Reisen ab. Wollen die Leute partout nicht ausweichen, läuft sie den Hausmauern entlang. «Grösse schafft Respekt. Ohne die muss man sehr selbstbewusst sein, wenn man in der Masse nicht untergehen will.» Selbstbewusstsein hilft ihr über die Situationen hinweg, in denen Leute erschrecken, wenn sie die kleine Frau sehen. Wenn Kinder verletzende Bemerkungen machen oder wenn die Leute sie zu bemuttern beginnen, sobald sie sie beim Einkaufen bittet, ihr Dinge aus den oberen Regalfächern zu holen.
In Thailand, wo die Menschen kleiner sind als hier, hatte sie diese Schwierigkeiten nicht. Überhaupt, sagt sie, sei Asien für sie als Kleinwüchsige das ideale Reisegebiet.
Nächstes Ziel ist Südafrika. Die grösste Hürde ist jeweils der demütigend hohe Schalter am Zoll. Aber sonst, findet Doris Achleitner, stelle ihr die Welt wenige wirkliche Hindernisse in den Weg. Nur die Schalter sind überall zu hoch, wie damals bei der Motorfahrzeugkontrolle. «Dort musste ich regelrecht winken, um mich bemerkbar zu machen.»
Unter ihren acht Geschwistern war ihre Krankheit nie ein Thema, sie sei eben die Kleine gewesen, und fertig. Nur fremde Leute hätten immer gestaunt, wenn sie ihre kleine Schwester, die einen Meter dreiundachtzig misst, im Auto herumkutschierte. Am Steuer, denn die Schwester war damals noch nicht achtzehn.
Das Auto ist fast das einzige, was sie für sich umbauen liess. In der Wohnung ist nur die Küchenkombination etwas tiefer als bei einer Swiss-Norm-Küche. Alle anderen Möbelstücke sind ab Stange gekauft und erinnern nicht daran, dass ihre Benutzerin klein ist. «Ich will keine Bäbistube, meine Besucher sollen sich wohl fühlen», sagt sie als Begründung dafür, dass sie in ihrer Wohnung auf keinem Stuhl richtig sitzen kann. Vom bequemen Sessel, den sie sich anfertigen lassen will, redet sie seit Jahren, ohne ihn je zu bestellen. Als es darum ging, sich bauliche Veränderungen für die Eigentumswohnung zu überlegen, die sie und ihr Mann im Winter beziehen, fiel ihnen zuerst nichts ein. Erst nach längerem Nachdenken entschieden sie sich, die Fenster mit einem elektrischen Öffner zu versehen, die Lichtschalter herunterzusetzen und die Türgriffe auf Armhöhe anbringen zu lassen. «Wir haben uns eben an alles gewöhnt.»