Einer riesigen Skulptur gleich steht die Casa Hidalgo am Steilhang hoch über dem Mittelmeer. Ihre drei erdgrauen Kuben prägen sich ein, verlocken aber auch zum Sinnieren, ob diese Würfel mit den schmucklosen Öffnungen dem platonischen Urbild des Hauses entsprechen oder eher eine zeitgemässe Interpretation der «Urhütte» sind. Aber nicht nur mit Philosophie und Geschichte der Baukunst sind die Schöpfer dieser gelehrten Architektur, die beiden Katalanen Jordi Garcés und Enric Sòria, vertraut. Sie messen ihre Bauten auch an den Meisterwerken unseres Jahrhunderts.
In ihrem Bestreben, Architektur und Kunst zu versöhnen, schaffen sie ein Gegengewicht zur immer banaler werdenden Kommerzialisierung des Bauens. Bereits 1971 machten die damals noch blutjungen Architekten - nicht gewillt, dem Mainstream zu folgen - Furore mit ihrer Entlüftungsanlage für ein unterirdisches Wasserdepot: aus Betonrahmen gestalteten sie eine zwischen Arte povera und Land art oszillierende Minimalarchitektur. Formale Abstraktion, primäre Geometrie und einfache Materialien blieben seither die Konstituanten ihrer Architektur, die dem reinen Funktionalismus einen betont künstlerischen Anspruch entgegenstellt. Noch ihre neusten Grossbauten, der olympische Palau d'Esports in Vall d'Hebron und ein im Bau befindliches Hotel an Barcelonas Plaça d'Espanya, werden durch eine dem minimalistischen Erbe verpflichtete Reduktion von Form und Struktur bestimmt.
Solche Vereinfachung charakterisiert auch die Casa Hidalgo, in der das Mittelmeerhaus zu neuer Bedeutung findet. Erinnerungen an die Strenge von Montserrat und an die kubischen Formen des Südens verschmelzen hier mit Erkenntnissen der Moderne. So steht diese für einen Jungunternehmer und seine Familie gebaute Villa den sich jeglichem Ornament verweigernden Bauten eines Adolf Loos ungleich näher als dem Formenüberschwang des Barceloneser Jahrhundertwende-Modernismus oder dem neoantiken Pathos des Katalanen Bofill.
Durch die Formreduktion gewinnt das rhythmische Spiel der nebeneinandergestellten Kuben an Bedeutung. Diese additive Anordnung und das archaische Erscheinungsbild der Würfel signalisieren eine Auseinandersetzung mit Louis Kahns Werk, vorab mit dessen Villen der frühen sechziger Jahre in Pennsylvania. Doch wird die fast zeitlos strenge Objekthaftigkeit vorsichtig relativiert durch den Einsatz von entmaterialisiert wirkenden, der anonymen Bürohausarchitektur entliehenen Fensterflächen, die wie feine Membranen die Maueröffnungen überspannen.
Als neue Ikone einer südländisch-archaischen Neomoderne wurde die Casa Hidalgo ähnlich schnell zur Legende wie das andere aussergewöhnliche Mittelmeerhaus unseres Jahrhunderts, Adalberto Liberas Villa Malaparte. In der Novellensammlung «Amor Breve» der katalanischen Dichterin Nuria Amat wird das Haus zum geheimnisvoll beseelten Wesen. Das erstaunt nicht, denn etwas Metaphysisches eignet den drei wie von einem mysteriösen Spieler hingeworfenen Würfeln.
Doch was so hintergründig erscheint, lässt sich mit dem einfachen urbanistischen Konzept des Aneinanderreihens von gleichen, untereinander mehr oder weniger sichtbar verbundenen Teilen erklären, eine Arbeitsweise, auf die Garcés und Sòria seit dem Bau ihrer Entlüftungsanlage immer wieder zurückgriffen.Die Wohnkuben werden von einer sanft geschwungenen Terrassenmauer umfasst und im Gelände fest verankert. Mit ihrer Kantenlänge von sieben Metern beziehen sie sich auf die von den beiden Architekten 1975 auf Menorca errichteten Apartmentwürfel. Doch sind sie durch leichte Verschiebungen in einen leisen Spannungszustand versetzt. Gleichzeitig erscheint die Struktur verunklärt: Die grossen Fenster etwa erhellen - von aussen nicht erkennbar - zwei Etagen, einen weiten Wohnbereich und das darüberliegende Schlafzimmergeschoss. Solch raffinierte Baukunst hat jedoch ihren Preis. Die durch die Glasmembran dringende Morgensonne, die im Winter das Haus angenehm erwärmt, heizt es im Sommer derart auf, dass nachträglich Sonnenstoren unerlässlich wurden. Doch wussten die Architekten auch diese in einen spannungsreichen Gegensatz zur reinen Geometrie zu setzen.
Wie manche der für die Casa Hidalgo vorbildlichen Villen des grossen katalanischen Architekten der Nachkriegsmoderne, Josep Coderch, gibt sich dieses enigmatische Gebäude von aussen als mathematisches Formenspiel. Dieses wird aber im Innern durch einen den Ideen Mies van der Rohes und Le Corbusiers folgenden freien Raumfluss und winklige Wege gebrochen. Hier manifestiert sich der für die katalanische Architektur so charakteristische Hang zum Widerspruch. Er zeigt sich etwa auch darin, dass den grossen Fenstern ein hinter der Garage in der Terrassenmauer versteckter kleiner Eingang antwortet. Von dort führt eine Treppe hinauf in die weitläufige Wohnlandschaft, in der man nichts von der kubischen Begrenztheit des Äussern spürt. Zwei farbige Säulen markieren am Ende der Treppe und neben dem frei wie ein bizarres Möbel im Raum stehenden Aufgang zum Obergeschoss die fehlenden Ecken der ersten beiden Kuben. Eine entsprechend der Höhenlinie des Hügels leise gekurvte Rückwand - eine ferne Reverenz an Gaudí - gibt dem Raum, der horizontal durch alle drei Kuben strömt, eine leichte Beschwingtheit.
Vom Essbereich erreicht man über die jüngst erweiterte Küche einen versteckten Ausgang, zum oberen Terrassengarten, während man auf der Südseite vorbei an einem kleinen Gästeapartment zum Pool gelangt. Dieser breitet sich schwarz und magisch aus vor einer Reihe düsterer Zypressen - wie geschaffen als Szenenbild für einen Thriller. Die beiden schlank aus dem dunklen Wasser ragenden Chromstahlstangen der Leiter hingegen beschwören in ihrer glatten Perfektion Bühnenentwürfe von Bob Wilson. Wie inszeniert wirken auch die Schlafzimmer und das Studio im Obergeschoss: Bis auf den schwarzen Plankenboden reichende Fenster rahmen die Ausblicke auf die Hügel von Alella und das Mittelmeer.