NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Kontrollierte Versteifung

Viagra.

Von Angelika Overath

UMS HERZ war es gegangen. Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer hatte ein neues Herzpräparat mit durchblutungsfördernder Wirkung entwickelt, das bei klinischen Tests allerdings sofort durchfiel. Als die Ärzte aber beobachteten, dass ihre männlichen Probanden sich weigerten, die überflüssigen Versuchstabletten zurückzugeben, und manche sogar begannen, die unwirksamen Pillen zu stehlen, gingen sie der Sache nach.

Der Grund war schnell ausgemacht: Das neue Mittel setzte nicht am Herzen an, sondern am Penis. Der Pharmakonzern reagierte sofort und brachte das Mittel unter dem Namen «Viagra» als Präparat gegen Erektionsschwäche Ende März 1998 auf den Markt. Der Erfolg war durchschlagend. Vier Wochen nachdem die amerikanische Arzneimittelbehörde Viagra freigegeben hatte, waren bereits eine halbe Million Rezepte eingelöst worden. Je nach Schätzungen soll jeder zweite bis dritte Mann an Erektionsstörungen leiden; bald war nur noch von Milliardengewinnen die Rede. Allein in der Schweiz wurde in den ersten sechs Monaten mehr als eine halbe Million der blauen Pillen verkauft, das entspricht einem Umsatz von über fünf Millionen Franken.

Mediziner verstehen unter einer männlichen Erektion eine durch Blutstauung bedingte Versteifung und Aufrichtung des mit Schwellkörpern versehenen Penis. Am Anfang der Erektion steht die sexuelle Stimulation, die dem Gehirn weitergegeben wird. Dieses leitet die Botschaft an den Penis, wo sich die Blutgefässe weiten, gleichzeitig wird der Blutabfluss vermindert. So versteift sich das Glied.

Die Veränderungen des Blutflusses steuert unter anderem ein Botenstoff namens cGMP. Wenn er in genügender Menge vorkommt, kann Blut verstärkt einströmen. Der Botenstoff wird jedoch durch ein Protein auch wieder abgebaut. Diesen Abbau nun kann Viagra verzögern. Wenn der Botenstoff cGMP also nicht ausreichend vorhanden ist, gelingt eine Erektion mit der Unterstützung von Viagra dennoch, da das Mittel den Abbau von cGMP bremst. Viagra muss eine halbe bis eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden, seine Wirkung hält etwa zwei bis vier Stunden an.

Als Medikament ist Viagra gedacht für Patienten mit Potenzstörungen, die bedingt sind durch Medikamenteneinnahme, Gefässerkrankungen oder als Spätfolge von Diabetes, durch Entfernung der Prostata oder durch Unfall. Ist jedoch die Nervenleitung zwischen Gehirn und Prostata gestört, kann Viagra nicht helfen. Mediziner kennen allerdings häufige Potenzstörungen, die allgemein auf Stress oder spezielle psychische Probleme zurückgehen. In diesen Fällen wirkt Viagra oft allein schon auf Grund eines Placeboeffekts; Männer vertrauen der kleinen Pille mehr als sich selbst.

Als Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen bekannt, Magenprobleme, Schwellungen der Nasenschleimhäute, leichte Sehstörungen und Durchfall. Sie kamen allerdings bei höchstens 10 Prozent der Probanden vor und verschwanden wieder. Viagra darf nicht in Kombination mit nitrathaltigen Herzpräparaten eingenommen werden, da sonst ein lebensgefährlicher Blutdruckabfall eintreten kann. Auch deshalb wird das Medikament nur gegen ärztliches Rezept ausgegeben.

Noch nicht geklärt ist, wie Viagra sich auf die Fruchtbarkeit auswirkt und welche Einflüsse das Mittel auf die Embryonalentwicklung hat. Viagra kommt in einer Konzentration von 0,001 Prozent in der Samenflüssigkeit vor. Die Herstellerfirma Pfizer warnt deshalb Männer, deren Partnerinnen schwanger werden wollen vor der Einnahme von Viagra.

Behelfen sich gesunde Männer mit Viagra, hat das Präparat den Status eines Lifestyle-Produkts. Das Medikament ist teuer. Eine künstlich unterstützte Erektion kostet 20 bis 30 Franken. Bisher ist offen, ob die Krankenkasse den Zugewinn an männlicher Potenz bezahlen wird.

Offen bleibt auch, was die Frauen, deren Männer gesund sind, von einem medikamentösen Zuwachs an geschlechtlicher Kraft haben. Mit Viagra scheint das empfindliche Glied nun ganz unter männlicher Kontrolle; bislang war sein Zustand zumindest auch ein Ausdruck der Kommunikation mit der Frau.

Die von den Medien unterstützte Viagra-Euphorie fällt zurück hinter die Geschlechterdiskussion in den siebziger Jahren, als Frauen und auch Männer öffentlich über verschiedene Möglichkeiten gelebter Sexualität zu sprechen begannen. Ein erigierter Penis mache, das war der Konsens einer Generation, die heute an die Rente denkt, noch keinen guten Liebhaber; er sei nicht einmal dessen Voraussetzung.

Klaus Theweleit, der damals mit «Männerphantasien» zur Alphabetisierung der sexuellen Empfindsamkeit beigetragen hatte, äusserte sich in einem Interview zu Viagra als Lifestyle-Pille entsprechend lakonisch. Sexualität sei keine Sache der Potenz und der Kontrolle, sagte er, sondern gerade auch von Kontrollverlust. «Wenn man einen Teil seines Körpers aufgibt, in den andern Körper übergeht - das ist doch einer der Kerne der Sexualität! Wer Kontrolle will, soll Verkehrspolizist werden.»


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