AM ANFANG IST DAS GEHEIMNIS. Während sonst die weissen Flecken auf der Landkarte Regionen sind, wo niemand je gewesen (oder von wo niemand je zurückgekommen) ist, liegt hier die Terra incognita da, wo alle gewesen sind. Millionen werden geboren, Millionen werden gesäugt, gehätschelt, beäugt und gewickelt - und doch weiss niemand genau, was in dem meist haarlosen, rundlichen, weichen Kopf mit den Pausbäckchen und den grossen Augen, deren Pupillen immer sehr weit geöffnet sind, vorgeht.
Immerhin gibt es Theorien, Spekulationen, Phantasien, Fakten. Bis vor kurzem dachte man sich Neugeborene als ziemlich passive, überlebensunfähige Mängelwesen, die vor allem saugen, schlafen und schreien und die Windeln vollmachen, sonst aber von der Welt nicht viel mitbekommen. Heute spricht man vom «kompetenten Säugling», der seine Umgebung mit seinem Lächeln, seinem Blick, seinem Schreien, seiner Hilflosigkeit «aktiv und effizient» dazu bringt, ihm zu geben, was er braucht.
Nehmen wir also, beispielsweise, ein Frühlingsbaby, geboren an einem strahlenden Tag, dem 6. Mai, als Kind eines Wollhändlers und seiner Frau. Die Eltern geben ihm den Namen Sigismund. Ein grosser Mann sei auf die Welt gekommen, soll die Hebamme gleich nach der Geburt gesagt haben. (Wer, wenn nicht die Hebamme, weiss: Wer dem Säugling schmeichelt, der erfreut die Eltern.)
SECHS WOCHEN. Die Welt ist winzig. Das Gesichtsfeld ist sehr eingeschränkt. Auf eine Distanz von 18 bis 30 Zentimeter sieht Sigi schon ziemlich gut, das ist genau die Entfernung, die zwischen dem Gesicht seiner Mutter und ihm besteht, wenn sie ihn in den Armen hält. Alles ausserhalb dieses Bereiches ist verschwommen. Sigi hat schon bestimmte Vorlieben. Alles, was rund ist und was sich bewegt, fasziniert ihn besonders. Er kann seine Arme noch nicht kontrollieren. So kann es vorkommen, dass er plötzlich mit den Armen rudert, wenn er etwas besonders intensiv anschaut. Dann fallen die Arme in sein winziges Sehfeld, und er wird abgelenkt. Natürlich weiss er nicht, dass das seine Arme sind. Sigi kann seine Aufmerksamkeit jeweils nur auf eine Sache richten. Zieht ihn etwas Zweites in Bann, vergisst er, was vorher war. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das bedeutet auch, dass er nie nachtragend ist.
Kein Warum, kein Wie, Wozu, Woher. Nichts hat eine Geschichte oder einen Zweck oder einen Namen. Weil Sigis Kopf ganz mit schwarzen Haaren bedeckt ist, nennt ihn seine Mutter oft «mein kleiner Mohr». Aber Sigi weiss nicht, dass «mein kleiner Mohr» Wörter sind noch dass sie sich auf ihn beziehen. Er merkt noch nicht, dass Worte etwas anderes sind als Berührungen, Gerüche oder die braunen Augen seiner Mutter; er kann die einzelnen Sinne nicht auseinanderhalten. Jeder Säugling ist wie ein Dandy: Inhalt zählt nichts, nur Rhythmus, Sound, Atmosphäre. Klingt oder riecht es sanft und milchig oder fühlt es sich so an, lächelt er - Hartes, Schnelles, Lautes lässt ihn schreien. Geheimnisvollerweise kann er verschiedene Eindrücke bereits in einen Zusammenhang bringen.
Lange dachte man, dass ein so frisch gewickelter Mensch wie Sigi im Chaos lebt und viele Mütter hat: eine, die er hört, eine, die er sieht, und noch eine, die nach Milch riecht. Das stimmt nicht. Man untersuchte das. Gibt man einem Säugling im Sigi-Alter einen Schnuller mit Noppen, den er zuvor nie berührt oder gesehen hat, saugt er an ihm und bekommt so ein Gefühl für seine Form. Zeigt man ihm anschliessend zwei Bilder von Schnullern - einen mit, den anderen ohne Noppen -, dann sieht er den Noppenschnuller viel länger an, was beweist, dass er ihn wiedererkennt.
So ist Sigi nicht nur Dandy, sondern auch Mystiker: Aus allem wird das Eine. Wenn Sigi sein rasendes Hungergefühl nach aussen kehrt und schreit (zuerst kurze Schreie, dann langes Einatmen und langer Schrei, bis er keine Luft mehr bekommt, dann kurzes, tiefes Einatmen und langgezogenes, lautes Schreien, denn die ganze Welt ist sowieso ein einziges Brüllen jetzt), wenn er also brülllt und ihn plötzlich eine helle, lösende, glänzende Stimme sanft umhülllt und etwas nach Milch riecht und «Meinkleinermooor» macht, klingt in Sigi etwas Vergangenes an, und sein Kopf beginnt hin und her zu rollen, wie eine Kompassnadel in einem Magnetfeld, bis er gefunden hat, was seinen Hunger stillt.
Die seinen Hunger stillt, heisst übrigens Amalie, ist wunderschön, selbstbewusst und rund zwanzig Jahre jünger als der Vater.
VIEREINHALB MONATE. Vor drei Monaten war Sigi den Reizen, die auf ihn einströmten, ausgeliefert. Die Reize, die von aussen kamen, etwa Donner oder Milch, waren für ihn fast nicht unterscheidbar von den Reizen, die von innen kamen, etwa Niesen, Bauchweh, Hunger. Nichts existierte an sich, sondern nur als das Gefühl, das es in ihm wachrief. Wenn er Hunger hatte, brüllte er. Das Brüllen war Ausdruck des Hungers, mehr nicht.
Aber Sigi ist ein kluger Junge. Was passiert, wenn er schreit? Die Mutter kommt. Also lernt er zu schreien, um die Mutter herbeizurufen. Er schreit jetzt mit Absichten. Vielleicht nicht bewusst, aber gezielt, zum Beispiel wenn die Mutter die Bluse aufknöpft. Sigi entdeckt, dass er die Welt bewegen kann. Eine Kopfdrehung, Simsalabim, und das Land, in dem er sich befindet, verwandelt sich in ein anderes. Schliesst er die Augen, macht er dunkel. Er bewegt seine Arme und spürt die Bewegungen der Muskeln. Wenn sich hingegen die Mutter bewegt, spürt er seine Muskeln nicht. Sigi merkt, dass er etwas anderes ist als sie, dass sie unabhängig von ihm existiert. Sie empfindet auch anders: er brüllt, zuckt, tobt (vor Hunger); sie, Amalie, bleibt sanft: Mutterschaft betäubt.
Sigi kann noch nichts ergreifen, auf nichts zeigen, nichts erklären, er ist gefangen in der Welt der direkten Beziehungen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nichts Spannenderes für ihn als Blickkontakt. Wenn die Mutter mit ihm «Kuckuck» spielt und ganz langsam das Tuch, das ihr Gesicht bedeckt, fallen lässt und ihre Stirn sichtbar wird, freut sich Sigi. Aber erst, wenn er ihre Augen sieht, ist er richtig glücklich. Augen sind für Verliebte und Babies die Fenster zur Seele. (Mit 17 Jahren wird sich Sigi auf einer Bergtour in die um zwei Jahre jüngere Tochter der Familie Fluss verlieben. Dasselbe Spiel: ewiges, wortloses Eintauchen in ihre Augen.) Auf einmal lächelt die Mutter. Sigi lächelt sofort zurück, fast automatisch. Praktisch seit seiner Geburt kann er Mimik und Gestik anderer imitieren. (Auch als Erwachsener wird er das noch tun. Das ist eine Form von Einfühlung in den anderen: Ich übernehme den Gefühlsausdruck meines Gegenübers und damit ein Stück weit seine Gefühle, ich identifiziere mich mit ihm.) Plötzlich kräuselt sie die Lippen, wirft den Kopf zurück, die Haare fliegen, sie reisst die Augen weit auf, zieht die Augenbrauen hoch, hält so einen Moment inne, dann nähert sie sich gurrend seinem Gesicht, berührt seine Nasenspitze. Dann wieder zurück und wieder nach vorn, Sigi quietscht vor Vergnügen, wieder zurück, vorn, zurück. Plötzlich ist es zuviel. Sigi wird von Angst überschwemmt. Er dreht den Kopf zur Seite und schreit. Amalie hat übertrieben. Jakob, ihr Mann, faltet entnervt die Zeitung zusammen.
Für den Vater mag es ja ärgerlich sein, dass der Raum jetzt mit Babygeschrei gefüllt ist. Für Sigi ist das gar keine schlechte Erfahrung. Erstens hat er zusammen mit seiner Mutter etwas aufgebaut, zweitens hat er, als es zuviel wurde, seinem Problem Ausdruck verschafft und es gelöst: Und schon wird er, wie jeder erfolgreiche Manipulator, auf Händen getragen und gewiegt.
ZWÖLF MONATE. Sigis Welt ist schon sehr gross. Mit 16 Wochen hatte er zu greifen begonnen, zuerst mit der linken Hand. Er kann zeigen, krabbeln, ja sogar laufen. Er bewegt sich durch den Raum und kann sich so den Lieblingsstuhl seines Vaters aus den verschiedensten Blickwinkeln anschauen: von vorne, von der Seite und, krabbelt er darunter, von unten. Diese Fähigkeit zum Perspektivenwechsel wird er bald auch aufs Psychische übertragen: das wird ihm helfen, sich in eine andere Person hineinzuversetzen.
Denn Sigi macht noch andere Riesensprünge. Er hat entdeckt, dass es nicht nur eine sichtbare Welt gibt, sondern auch eine verborgene: die Welt der Gedanken. Und er entdeckt auch, dass er diese mit einer anderen Person teilen kann. Bis anhin zeigte Sigi auf das Sigitüchlein, das so fein nach Sigi riecht, um seiner Mutter zu sagen: «Her mit meinem Sigitüchlein.» Jetzt zeigt er nicht nur darauf, sondern blickt dabei der Mutter ins Gesicht, und falls sie nicht reagiert, zieht er auch noch an ihrem Rocksaum. Er sagt damit: «Ich will, dass du weisst, dass ich das Sigitüchlein will.» Sigi will Aufmerksamkeit. Er will mehr als nur das Tüchlein: Er will, dass die Mutter ihm bestätigt, dass er, ihr kleiner Mohr, jetzt sein Tüchlein will und dass das so in Ordnung ist. Die Jagd nach Liebe hat begonnen. (Später auf der Bergtour das gleiche Spiel. Sigi zur Fluss-Tochter: «Wie wunderbar der Himmel ist, kein Nebelstreifen am gewölbten Blau!» Fluss-Tochter schaut auf den Boden. Sigi nochmals: «Schau, wie wunderbar!» Fluss-Tochter sieht zum Himmel, dann zu ihm. Beide freuen sich.)
Sigis grosse Leidenschaft ist das Versteckspiel. Er hat jetzt nämlich entdeckt, dass Vaters Schuhe nicht aufhören zu existieren, wenn er sie nicht mehr sieht. Aus den Augen, aus dem Sinn, das gilt nicht mehr. Sigis Gedächtnis hat sich weiterentwickelt. Er erinnert sich jetzt an Vergangenes und kann sich von ihm eine Vorstellung machen. Abwesendes wird anwesend: in Sigis Kopf.
Und Sigi kann die Gedanken anderer lesen: Wenn er nicht weiss, was er von einer Sache halten soll, ob man Angst haben muss oder nicht, dann schaut Sigi immer die Mutter an, um zu sehen, wie sie die Sache aufnimmt. Wenn er umfällt zum Beispiel und es nicht besonders weh tut, sondern für Sigi einfach eher überraschend kam, lässt er sich ganz von der Miene der Mutter leiten: je nachdem weint oder lacht er dann. Auch wenn sich Sigi über etwas freut, schaut er sie an, um aus ihrem Gesicht zu erfahren, ob zu recht. Sigi gibt damit der Mutter viel Macht in die Hand: Ihre Art, die Welt wahrzunehmen, formt seine. Später erinnert er sich: Einmal fuhren sie mit dem Zug durch Breslau. Durch das Fenster wischten die Lichter der Gaslaternen. Sigi sah so etwas zum erstenmal, dann schaute er auf das Gesicht der Mutter: Es sah - aus welchen Gründen auch immer - erschreckt aus. Da wusste Sigi: Diese Lichter sind «die Seelen, die in der Hölle brannten». AB SECHZEHN MONATEN. Plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen, hat Sigi entdeckt, dass man mit Wörtern auf Dinge, Ereignisse, andere Personen und auch auf sich selbst verweisen kann. Zuerst macht er lauter Einwortsätze, alles Doppelsilben: Mama. Papa? Wauwau! Allerdings bezeichnet sein Wauwau! nicht einfach den Hund, es hat eine viel weitere Bedeutung. Wauwau! kann heissen «Das bellt» oder «Ich habe Angst» oder «Ich will streicheln», Wauwau! kann für alles Weiche, Fellige stehen, auch für eine Katze. Langsam lernt Sigi, wo die Grenzen eines Begriffs verlaufen. In der Zweiwortphase bringt er zwei Wörter miteinander in Beziehung: Ich Mohr. Ab jetzt geht es schnell: immer länger werden seine Sätze, immer grösser sein Wortschatz. Mit 16 Monaten hat Sigi noch höchstens 50 wortartige Gebilde zur Verfügung, mit sechs Jahren wird er über 23 700 Wörter verstehen und über 5000 aktiv verwenden. Jeden Tag nimmt er rund 14 neue Wörter in sein passives und 3,5 in sein aktives Vokabular auf. Würde er so weitermachen, verfügte er an seinem Lebensende über 350 000 Wörter passiv und aktiv über 90 000. Luthers Wortschatz umfasste 12 000, Homers 9000 und Shakespeares, absolut exzeptionell, 30 900 Wörter.
Die Sprache verändert Sigis Welt radikal. Die Wirklichkeit ist nun zweigeteilt, auf der einen Seite das Verbalisierbare, auf der anderen der Rest. Die Zeit ist nicht mehr ein endloser Strom, sondern klar zerschnitten in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
Die Sprache macht Sigis Welt ärmer. (Wie viele Pelztiere fallen unter das Wort «Wauwau!», wie viele, eigentlich gar nicht so recht miteinander vergleichbare Gefühle werden später unter das eine Wort «Angst» fallen!)
Die Sprache macht Sigis Welt aber auch reicher. Sprache, Denken, Vorstellungskraft sind miteinander verbunden und entwickeln sich gleichzeitig. Dank seiner Vorstellungskraft kann Sigi Ereignisse entstehen lassen, die nie geschehen sind und nie geschehen werden: Sigi kann phantasieren. Er kann sich von der Wirklichkeit ablösen. War die Mutter unfreundlich, kann er sich eine freundlichere Mutter zurechtphantasieren. Von nun an ist Sigi auch nachtragend. Früher wurde er ärgerlich, wenn man seine Arme, die er gerade bewegen wollte, festhielt. Liess man los, verschwand sein Ärger sofort. Jetzt kann er sich die unangenehme Situation immer wieder vorstellen und so den Ärger unabhängig und über das eigentliche Erlebnis hinaus konservieren. Und dank der Sprache kann er seinen Ärger und was daraus werden kann, der ganzen Welt mitteilen.
(Was er auch tun wird.)
UND DANN? Das Wichtigste ist fast getan: Saugen, Laufen, Reden. Was folgt, ist Perfektionierung: Mit 18 Monaten kann Sigi sagen, wenn er sich dick in die Windel gemacht hat, und irgendwann im dritten Lebensjahr wird er sauber werden. Mit vier wird Sigi einen weiteren riesigen Schritt machen: Er wird lügen können - eine weitere Eigenschaft, die ihn zu einem sozialisierbaren Wesen macht -, und zur Freude seiner Nächsten (und manchmal auch zu ihrer Qual) kann er jetzt erfundene Geschichten erzählen.
Es folgt das, was erinnerbar und ohne das Geheimnis des Dunkels der ersten Jahre ist: das Lesenlernen, das Rechnen, die Hackordnung in der Schule, der erste Diebstahl, die erste Verliebtheit, die erste Zigarre. Dann das Aufschiessen des Körpers, die Pickel der Pubertät, dann - mit 17 - die Geschichte mit der Fluss-Tochter, das Studium, eine Arbeit über männliche Flussaale, Militärdienst, die Zusammenarbeit mit Dr. Breuer, gefährliche Experimente mit Kokain, die Heirat mit Martha Bernays 1886, die Freundschaft mit Lou Andreas-Salomé, der Briefwechsel mit Albert Einstein, die Bücherverbrennung 1933, die Schriften, die Anfeindungen, der Weltruhm, die Emigration, der Tod.
1939 stirbt Sigi 83 Jahre und 6 Monate nach seinem ersten Atemzug. Durch seine Forschungen wird unser Blick auf die ersten, dunklen Jahre der Kindheit nie mehr derselbe sein: Seitdem schwelgen wir in ozeanischen Gefühlen, lächeln polymorph-pervers erregt aus der Wiege, vergnügen uns unschuldig in einer oralen, analen, genitalen Phase, bedroht von Urszene, Kastrationsangst und Penisneid - Dinge, die niemand je zu denken gewagt hätte, hätte nicht an einem wunderschönen Maitag im Jahre 1856 Amalie, geborene Nathanson, dem Wollhändler Jacob Freud einen gesunden Knaben namens Sigismund geboren.