NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Endstation Sehnsucht

Ich wollte immer nur Taxifahrer werden.

Von Daniel Ganzfried

«ICH WILL TAXIFAHREN», soll lange Zeit mein einziger vollständiger Satz gewesen sein. Ich weiss nur, ich wollte nie etwas anderes werden als Taxifahrer. Und das kam so:

Mutter bestellte ein Taxi, als sie das Bauchweh nicht mehr aushielt. Neuzuzüger hatten keine Freunde im Dorf, nur Nachbarn, und den Dorfarzt wollte Mutter nicht rufen. Er war auch ein Nachbar. Draussen war es noch dunkel. Der Fahrer musste aus der Stadt kommen. Er brauchte eine Weile. Schliesslich lieferte er sie im Spital ab. Blinddarmentzündung. Hernach stellte er Rechnung für zwölf Stunden Wartezeit. Sie hatte unbedingt gewollt, dass jemand auf mich achtgab, solange sie unter Narkose stand. Der Taxifahrer hiess Viktor. Er tauchte danach öfters bei uns auf, wenn Vater in Brasilien weilte. Die dortige Niederlassung seiner Firma gab viel zu tun.

Um Mutter zufriedenzustellen, hatte Vater ein ehemaliges Bauernhaus samt Scheune zur Villa umbauen lassen. Über den Vorplatz war im Sommer das Badmintonnetz gespannt, und ein Basketballkorb wartete auf Bälle an der Fassade des Schopfs, in dem Vaters glanzpolierte Limousine und ein Cabrio für Mutter standen. Es gab einen kleinen Laden im Dorf. Dort kauften nur die Bauersfrauen ein. Meine Mutter fuhr in die Stadt, wenn sie etwas brauchte, wie alle anderen. Dafür hatte man die vielen Autos. Und um die Kinder in die Reitstunden zu bringen oder zum Minigolf. Mittwochnachmittags. Das interessierte mich nicht.

Ich wollte Taxifahrer werden.

Eine Weile liebäugelte ich noch mit der Existenz als Künstler. Aber nachdem ich gesehen hatte, was es hiess, nur schon Pianist zu werden, wie der ältere Junge des benachbarten Arztes, nahm ich von der Kunst Abstand, und die grosse Bibliothek meiner Eltern zeigte, dass die Welt ihre Bücher hatte. Eine Staffelei liess ich samt Farbkasten von der Marke Van Gogh am Waldrand stehen, wo ich versucht hatte, zwei Schafe in der Wiese vor mir zu malen. Eines wollte auf das andere steigen. Es gelang. Aber zu kurz. Ich gab auf.

Viktor war mein einziger Freund, an den ich mich heute noch erinnern kann. Während ich zur Schule gehen musste, war er bei Mutter, und wenn nicht, fuhr er in seinem Auto herum. Ich hätte alles gemacht, unser Haus für ihn angezündet, die Reifen an Vaters Auto zerstochen, den Fernseher kaputtgetreten, alles, hätte Viktor mich dafür in seinem Auto mitgenommen.

«Was willst du machen, wenn du gross bist?»

«Taxifahren, wie du.»

Mutter ging auch Taxifahren, hiess es manchmal, wenn sie mich allein zu Hause liessen. Dann setzte ich mich in eines der Autos im Schopf, streckte die Arme aus und machte mit dem Mund Geräusche dazu. Bremsen, Gas geben, blinken, hupen, die Fahrradfahrer verfluchen, den Verkehr, und schnell noch über die Kreuzung, bevor die Ampel auf Rot schaltete. Manchmal reichte es nicht. Dann steckte ich den Kopf zwischen die Streben am Lenkrad und stellte mir vor, Vater würde ein neues Auto kaufen.

Ich war ein guter Schüler. Einer der besten. Es gab für mich kaum etwas anderes zu tun auf dem Dorf, als Mathematikaufgaben zu lösen und Sprachen am Computer zu lernen, gegen den ich auch Schach spielte. Doch dies war alles nichts gegen eine Ausfahrt mit Viktor, dessen sehnige Hände das Steuerrad hielten, wie es meine auch einmal machen würden.

Wir fuhren zu einem See. Mutter schwamm hinaus. Viktor ihr nach. Ich blieb im Auto und hörte ihr Lachen. Sie konnten noch stehen, eng beieinander, so eng, dass sie wie eins waren. Die Decke mit dem Picknickzeug drückte ein rotes Viereck in die abschüssige Wiese. Ich setzte mich hinter das Steuerrad. Zwischen den beiden Sitzen befand sich ein Hebel. Es steckte kein Schlüssel. Aber der Hebel liess sich betätigen. Der Wagen rollte, der See kam näher. Ich sah Viktor grösser und grösser werden, während er mir entgegenrannte, und bald sah ich seinen tropfenden Oberkörper aus der glitzernden Fläche ragen, die vor der Scheibe höher stieg. Es gurgelte zur Türe herein. Der Wagen stand still, und ich konnte über das Wasser sehen wie aus einem aufgetauchten Unterseeboot.

Ein paar Tage später bekam Viktor ein neues Auto, ganz in Weiss, mit Sitzen aus weissem Leder. Die Scheiben surrten, wenn sie sich in die Türe senkten. Wir standen vor dem Auto. Viktor sagte: «Das hast du gut gemacht, mein Junge», und strich mir über den Kopf.

Ins Gymnasium konnte ich ohne Examen übertreten, die Maturität erledigte ich, ohne zu lernen. Die Fahrprüfung war das einzige, wofür ich mich jemals wirklich anstrengen musste. Viktor half mir bei der Theorie. Er fuhr mit mir ein paarmal in die Stadt und erklärte mir unterwegs die Verkehrsregeln. Aber dann verkaufte Vater die Niederlassung in Brasilien, und Viktor besuchte uns nicht mehr. Bis zur Prüfung hatte ich alles vergessen.

Danach begleitete Mutter mich zum Fahrlehrer, der schon ihr das Autofahren beigebracht habe. Sie schaute mir beim Ausfüllen der Theoriebogen über die Schultern. Ich fiel wieder durch und bestand erst beim dritten Versuch, knapp vor meinem 18. Geburtstag, so dass ich sofort Fahrstunden nehmen konnte. Mutter sass immer im Fonds, und als ich Fortschritte machte, liess der Fahrlehrer manchmal seinen linken Arm über die Rücklehne nach hinten hängen, wo ich Mutters Beine vermutete. Ich fuhr nach seinem Kommando und machte es, glaube ich, nicht schlecht. Jedenfalls konnte er mir immer gerade noch rechtzeitig ins Steuerrad greifen. Als ich beim Parkieren den Kofferraum des vorderen Wagens aufdrückte, war es nicht meine Schuld, denn ich hatte mich nach Mutter umgewandt, die laut seufzte. Weil ich etwas falsch gemacht hatte, dachte ich.

Nach der praktischen Prüfung sagte der Experte, ich solle es in etwa einem halben Jahr wieder versuchen. Mein Fahrlehrer kam jetzt manchmal zu uns aufs Dorf. Nach dem Unterricht blieb ich im Auto. Er verschwand mit Mutter im Haus. Einmal vergass er, den Schlüssel abzuziehen. Ich nahm ihn an mich und rannte davon. Dann wechselte ich den Lehrer. Mutter kam nicht mehr mit, und ich bestand die Prüfung.

Zur Belohnung schenkte mir Vater tatsächlich eine Limousine. Ich fuhr im Land herum, bis ich nach zwei Jahren die Taxiprüfung machen durfte. Damit war ich am Ziel. Seither habe ich meinen Beruf. Das Auto ist mein Arbeitsinstrument, die Stadt mein Arbeitsplatz. Mehr brauche ich nicht. Es gibt Leute, die beneiden mich. Darunter sind Ärzte, Journalisten, Hochschullehrer und Bankdirektoren. Alle sagen, sie wären auch gerne so frei wie ich. Ich sage: ja, das verstehe ich, und rede mit ihnen über das Wetter, die Baustellen und die Wirtschaftslage, und wenn ich bei schönem Wetter über die Quaibrücke fahre, zur einen Seite den See und manchmal die Berge, zur andern die Stadt mit ihren Häusern, dem Fluss und den Kirchen, dann weiss ich, dass ich alles richtig gemacht habe und meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind.

Vater kauft mir jedes Jahr einen neuen Wagen. Er sagt, das sei die einzige Unterstützung, die er mir noch gewähren könne. Ich nehme nur Europäer und davon auch nur die guten, denn aus dem Erlös des alten Autos bestreite ich den Teil meines Lebensunterhaltes, für den der Verdienst nicht ausreicht. Bei fast 50 000 Kilometern, die ich jeweils auf dem Zähler habe, kommt es auf den Eintauschwert an.

Beim Bahnhof, im «Rechen», wie man sagt, stehe ich nicht mehr, seit ich Viktor einmal dort getroffen habe. Seinen weissen Amerikaner erkannte ich von weitem. Als er mich auch sah, liess er die Scheibe hoch und blickte in die Zeitung. Auch sonst stehe ich kaum. Höchstens wenn ich damit rechnen kann, dass ich der einzige bin. Seit der Wirtschaftskrise ist das selten der Fall. Das Arbeitsamt schickt immer mehr Leute als Fahrer. So verringert sich zwar der Umsatz für das einzelne Taxi, aber dafür sinken die Ausgaben bei der Arbeitslosenkasse. Das hat mein Vater gesagt. Ich glaube, es stimmt. Die Standplätze sind meistens voll belegt.

Ich für meinen Teil versuche, in Bewegung zu bleiben, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mich müder macht, auf eine Fahrt zu warten, als zu «wischen», wie es bei uns heisst, wenn wir auf der Suche nach Kunden herumfahren. Was eigentlich verboten wäre. Ich suche den Strassenrand nach ausgestreckten oder winkenden Armen ab. Jeder Gast bedeutet eine Möglichkeit zwischen tausend Kilometern oder nur der nächsten Ecke.

Die kürzeste Fahrt hatte ich mit einer alten Frau, die auf dem Trottoir stand. Sie musste zum Arzt. Die Praxis war in derselben Strasse, drei Häuser in die Richtung, aus der ich gekommen war. Eine Einbahnstrasse. Das war bisher meine einzige Fahrt, die ich ganz im Rückwärtsgang machen konnte. Gegen drei oder vier Uhr morgens kann es vorkommen, dass ich einen Pfosten am Strassenrand für einen Menschen halte und eine Stange für seinen Arm. Dann ist es Zeit, nach Hause zu gehen. Dass ich einmal ausgeraubt werde, glaube ich nicht. Viel mehr Angst habe ich vor Kindern, weil man die überfahren kann.

Ich schöpfe die ganzen 57 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit aus, die mir das Gesetz zugesteht. Zum Essen hole ich etwas von einem Stand. Pünktlich, nach nicht ganz fünfeinhalb Stunden, muss ich von Gesetzes wegen dreissig Minuten Pause machen. Am liebsten stelle ich mich auf ein Park & Ride an der Peripherie. Ich lasse die Sitzlehne hinunter und schliesse die Augen. Natürlich träume ich von der grossen Fahrt. Gross ist alles über hundert Kilometer, darunter ist auch gut, aber weiter ist ein Wunder. Und von Wundern leben die Taxifahrer, zumindest in der Phantasie. Deshalb erzählen sie sich untereinander Geschichten, dass man meinen könnte, sie hätten lauter Fahrten nach Frankfurt, Mailand oder Paris, zum Beispiel, während sie vor den Fahrgästen ständig über ihre schlechten Umsätze klagen, als könnte sich jeder Passagier in einen Steuerbeamten verwandeln.

Nein, die durchschnittliche Fahrt beläuft sich auf knapp zwanzig Franken, und wenn ich an die zehn bis zwölf Fahrten pro Schicht mache, bin ich zufrieden. Am Funk wären es mehr, aber mich wollte bis heute keine Zentrale in ihren Dienst aufnehmen. Deshalb verschafft mir Vater manchmal Aufträge für seine Firma. Oder dann auch wieder nicht. Er sagt, ich könnte wenigstens das Gepäck für die Kunden aus dem Kofferraum heben. Aber was soll ich aussteigen, ich will fahren. Kürzlich fuhr ich am Flughafen zu schnell weg. Ich meinte, der Gast winke zum Abschied, aber später stellte sich heraus, dass seine Aktentasche im Kofferraum liegengeblieben war. Dabei hatte ich die Haube extra von drinnen geöffnet, ich weiss es genau. Das sei für eine Weile die letzte Fahrt für seine Firma gewesen, sagte Vater.

Mutter wäscht meine Kleider. Über jedes Hemd laufe ein grauer Streifen dort, wo der Bauch das Lenkrad berührt. Sie bekomme sie nicht mehr sauber. Sie sagt, ich solle abnehmen.

Im Bett gehe ich noch einmal die Schicht durch. Wenn ich nicht mehr auswendig weiss, wo eine Fahrt aufhörte oder die andere anfing, hole ich meinen Block hervor, in dem ich unterwegs alles festhalte, Preis und Trinkgeld inbegriffen. Ich habe schon drei Regalmeter voll mit Notizblöcken in meinem Zimmer. Jede Schicht ist eine Geschichte. Sie beginnt in der Tiefgarage, wo ich meinen Wagen abstelle, und hört dort auch wieder auf. Aber dazwischen ist fast alles möglich. Und jede Geschichte ist anders. Allein die Kunden bestimmen. Die Stationen meiner Geschichten kombinieren sich zu einer unendlichen Anzahl von Variationen und sind doch keine reine Anhäufung von Zufällen, sondern reihen sich folgerichtig aneinander. Die Hefte beweisen es. Ich brauche nur eine Fahrt zu streichen, und die ganze Erzählung fällt in sich zusammen. Ich rechne aus, wie viele Schichten ich noch fahren kann, bis sich nach mathematischer Wahrscheinlichkeit eine Geschichte wiederholen muss. Dann lasse ich meinen Blick über die leeren Regale im Zimmer streifen, rechne die Meter hinzu, die in den andern Zimmern warten, und schlafe beruhigt ein.

Daniel Ganzfried, Schriftsteller und Taxifahrer, lebt in Zürich.


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