NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Aira vergessen

Von Martin Suter

UND WIEDER IST es November geworden, der Monat, in dem die Clique die Depressionen aus dem Schrank holt. Robi Meili trägt zur Manu-Chao-Wollmütze eine Sonnenbrille, die er auch im Steel aufbehält. Susi Schläfli schminkt sich die Augen wie ein Stummfilmstar. Carl Schnell macht sich Vorwürfe wegen des Nord-Süd-Gefälles. Freddy Gut isoliert sich von der Umwelt mit einer Arktis-Jacke von Carhartt in 100%-Cordura®-Plus-Nylon, und Alfred Huber ist schon betrunken, wenn er das Steel betritt.

Geri Weibel denkt an Aira.

Nicht an die Aira, wie sie in der Linken ein volles Tablett balanciert und mit der Rechten Bestellungen notiert. Nicht an die Aira, wie sie errät, wenn ein Gast etwas bestellen will, noch bevor er ihren Blick gesucht hat. Nicht an die Aira, wie sie durch einen gestikulierenden Gast hindurchblickt, als trüge er eine Tarnkappe.

Wenn sich Geri durch Gedanken an Aira deprimieren lassen will, dann muss er an die Aira denken, die er seit fünfzehn Monaten zu vergessen versucht. Die Aira, wie sie nach Lokalschluss zwei Bière Grenadine zapft und sich damit neben ihn setzt. Wie sie ihn bei den Ohren packt und küsst. Wie sie seine Hand nimmt und erst wieder loslässt, als er sie braucht, um seine Wohnungstür aufzuschliessen.

Geri muss nur eines dieser Bilder abrufen, schon gelingt ihm die Novemberdepression, als hätte er sie erfunden.

So hockt er eines Abends an der Chrombar des Steel und nippt am Ricard-ein-Stück-Eis, seinem Herbstdepressionsdrink. Neben ihm der stumme Carl Schnell, vor ihm die Aira von heute, in ihm die Aira von damals.

Neben Carl Schnell sitzen Susi Schläfli, Robi Meili und Freddy Gut. Alfred Huber hängt irgendwo in einem Fauteuil, er kann sich nicht mehr auf einem Barhocker halten. Es ist still bis auf den gedämpften Chill-out-Sound und das gelegentliche Scheppern, wenn Aira ein Glas in den Geschirrspüler stellt.

«Wisst ihr, was mich am meisten anscheisst an diesem Land?», fragt Carl Schnell plötzlich. Weil niemand antwortet und er neben ihm sitzt, schlägt Geri vor: «Wie die Leute gestylt sind?»

«Die Lage», antwortet Schnell. «Das Land wäre schon okay, aber es müsste tausend Kilometer südlicher liegen.»

«Sechzehntausendundsechsundsiebzig Kilometer», seufzt Susi Schläfli, «mitten auf Tahiti.»

Robi Meili erwacht aus seiner Trance. «Wenn es weiter südlicher läge, wäre es nicht das gleiche Land.»

Während sich so etwas wie eine Diskussion entspinnt über den Einfluss der Geographie auf die Annehmlichkeit eines Landes, wandern Geris Gedanken zurück zur Aira von damals. Er und die Aira von damals in einem Land ein paar tausend Kilometer südlicher.

Sie in einem Hibiskus-Sarong und oben - ach, oben vielleicht nur eine Blumenkette. Er in einem knielangen Paar Bermudas und seinem basic crew neck T-Shirt in Laurel Green von Banana Republic. Oder dem slim crew neck in Azalea? Oder auch nur mit einer Blumenkette? Er wäre dann ja gebräunt. Und abgenommen hätte er auch, Ananas entwässert.

Während Geri sich Tausende von Kilometern weiter südlich das zu Aira-von-damals passende Outfit zusammenstellt, plätschert an der Bar des Steel das Gespräch weiter. Es entfernt sich von der Verlegung der Alpen nach Nordafrika, hält sich kurz grundsätzlich am Nord-Süd-Gefälle auf und verlässt trotz Carl Schnells hartnäckigem Widerstand das Thema. Es wendet sich unter der Führung von Freddy Gut dem Phänomen Klima als modischem Impulsgeber zu und wird von Susi Schläfli an seinen Ursprung zurückgeführt mit der Bemerkung: «Die Lage wäre mir egal, wenn nur das Wetter besser wäre.»

An diesem Punkt beendet Robi Meili das Gespräch abrupt: «Themenwechsel. Es gibt nichts Spiessigeres als das Thema Wetter.»

Geri Weibel, inzwischen in Khakibermudas und weissem basic v-neck tee, wird durch das plötzliche Schweigen aus der Südsee zurückgeholt. Hat man ihn etwas gefragt? Muss er etwas sagen?

Er geht auf Nummer Sicher und stöhnt: «Verdammtes Scheisswetter!»

Den Rest des Abends verbringt er allein an der Bar. Aber kurz vor Lokalschluss legt sich eine leichte Hand auf seine Schulter, und Airas Stimme sagt: «Weisst du, was mir an dir gefällt, Geri? Du bist anders als die andern.»

Dass dieser Satz an diesem Novemberabend Geri nicht in seinen Grundfesten erschüttert, liegt nur daran, dass Aira seine Hand nicht mehr loslässt, bis er sie braucht, um seine Wohnungstür aufzuschliessen.


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