TRUDI GERSTER, 1919 in St. Gallen geboren, ist die Märchenkönigin der Schweiz. Viele kennen «Schneewittchen» oder «Zwerg Nase» dank ihr, mit ihrer Stimme in den Ohren sind sie eingeschlafen und grösser geworden. Trudi Gerster ist auch eine Sammlerin, besorgt, dass das Märchengut nicht untergeht: «Also es kann mich schon schockieren, wenn ein Lehrer nicht einmal mehr Grimms ?Gänsemagd? kennt», sagt Trudi Gerster.
Trudi Gerster, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Eine Zeit, in der ich keine Märchen erzählt hätte, kann ich nicht denken.
Haben Sie Ihre Geschichten jeweils selber erfunden?
Ich bin inmitten von Büchern aufgewachsen. Schon sehr früh konnte ich lesen, das habe ich mir selbst beigebracht. Am liebsten waren mir die Märchen von Lisa Tetzner. Wenn ich eine schöne Geschichte gelesen hatte, musste ich sie einfach sofort weitererzählen. Es war wie ein Zwang.
Wurde Ihre Umgebung mit der Zeit nicht etwas märchenmüde?
Aber nein! Wo wir wohnten, hatte es einen Hof, der hiess noch lange «Gersters Höfli», wegen der Märchen, die ich da erzählte. Ich weiss noch, dass ich manchmal so gruselig erzählte, dass die anderen Kinder sich gar nicht mehr nach Hause getrauten.
Ging Ihre Märchenkarriere in der Schule weiter?
Ich war eine sehr gute Schülerin, ausser in Handarbeit, das war eine Katastrophe mit mir. Man sollte da so und so viele Meter weisse Spitzen häkeln, bei mir kamen nur schwarze Würstchen heraus. Da hatte die Lehrerin ein Erbarmen und häkelte für mich in der Zeit, in der ich eine Geschichte erzählte. Dann musste ich wieder ran. Natürlich schmückte ich unter diesen Umständen die Geschichten bis zur gewünschten Länge aus.
Und wann haben Sie das erste Mal gegen Bezahlung Märchen erzählt?
Das war an der Landi 1939. Ich erfuhr, dass eine Märchenfee gesucht wurde. Da marschierte ich bei Herrn Fischli, dem Architekten, ein. Ich war damals 20, sah aber viel jünger aus. Er schaute mich an, lachte und sagte, das Kinderparadies gehe erst in einem Monat auf. Item, ich wurde dann zum Probelesen eingeladen. Als er «Vom Säuli» hörte, wanderte ihm eine Träne die Wange herab. Ich hatte den Job.
Sie machten die Matur und besuchten danach die Schauspielschule Zürich.
Ja, ich habe eine richtig solide Schauspielausbildung. Ich nahm auch Privatstunden bei Ernst Ginsberg und Wolfgang Heinz, wunderbaren Leuten, da erhielt ich eine phantastische Sprachschulung. Es herrschte ja Krieg, und in Zürich waren viele jüdische Flüchtlinge. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Ich wohnte im gleichen Haus wie Robert Jungk. Ausserdem wohnte da dieser so wunderschöne Glarner Chemiestudent, dieser Prinz meines Lebens, den ich dann auch heiratete. Er war meine erste und grosse Liebe. Später allerdings hat er mein Herz fast gebrochen mit seinen Pendelbewegungen zwischen mir und anderen.
Am Stadttheater St. Gallen hatten Sie ein festes Engagement.
Ja, und gute Rollen. Ich war Gretchen in «Faust», Eva im «Zerbrochnen Krug». Ich stand praktisch jeden Abend auf der Bühne. Dann wurde ich Mutter, mein Mann unterstützte mich nur bedingt. So kam es, dass ich mich aufs Märchenerzählen spezialisierte.
Erzählen Sie heute besser als früher?
Meine Stimme kann mehr. Aber ich brauche mehr Kraft, und das hat nicht nur mit meinem Alter zu tun. Die Kinder heute sind vom Fernsehen geprägt und gewohnt, dass immer was läuft.
Wie bereiten Sie sich auf einen Märchennachmittag vor?
Ich höre meine Aufnahmen ab. Denn wehe, wenn ich vergesse zu erwähnen, dass die Hexe Wackelzahn nur einen Zahn hat, oder sage, der Drache sei 10 statt 20 Meter lang, dann werde ich von den Kindern zurechtgewiesen.
Was leisten Märchen?
Sie zeigen den Kindern die Welt so, dass sie sie verstehen können. Es gibt Gut und Böse, und das Gute gewinnt, das hat etwas Tröstendes. Märchen bilden das Gerechtigkeitsgefühl, und zwar auf leise Art. Ich sage ja nicht: Seid lieb zu den Tieren, doch Tiermärchen verändern die Haltung ihnen gegenüber positiv, da bin ich sicher.
Haben Sie ein Lieblingsmärchen?
Andersens «Kleine Meerjungfrau». Die opfert sich aus Liebe zum Prinzen; das tut ja heute fast niemand mehr. Und dann liebe ich «Des Kaisers neue Kleider», weil das die Situation in der heutigen Kunst bestens auf den Punkt bringt. Und «Der Fischer und seine Frau»: Es ist das Märchen über unsere Zeit, die in ihrem Machbarkeitswahn alles will, bis sie gar nichts mehr hat.
Was bedauern Sie?
Ich sitze zwischen den Stühlen. Ich habe zwar Erfolg, aber man hat vergessen, dass ich eigentlich Schauspielerin bin. Ich möchte ganz gerne einmal im Fernsehen eine dramatische oder komische Rolle spielen. Deshalb freute es mich auch so, als die Leser des «Sonntags-Blicks» mich 1998 zur «Frau des Jahres» im Bereich der Kultur wählten.