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NZZ Folio 11/97 - Thema: Hund und Katz   Inhaltsverzeichnis

Fundstücke -- Tagebuch mit Murmeltier

Von Max Frisch

FERIEN MIT INGEBORG. Wir steigen in die Bernina-Hütte auf. Das Lebensnotwendigste tragen wir in unseren Rucksäcken: Campari, Veltliner, Wermut, Schreibmaschine, Tabak.

Die Hütte: sie riecht nach Holz und Asche. Wir machen Feuer. Das Wetter ist feucht und schlecht, auch metaphorisch: Es steht nicht gut um uns zwei, Gereiztheit, Überarbeitung, ein Freund hat eine schlechte Kritik über Ingeborg geschrieben. Schiefrige Wolken, dann Nebel wie Watte.

Ein Gast: Es pfeift vor der Tür, ein halbzahmes Murmeltier, von dem uns die Besitzerin erzählt hat, steht draussen, macht Männchen. Es hört auf den Namen Fritz. Ingeborg füttert es mit Nüssen. Beim Abendessen, Spaghetti, Campari, Veltliner, legt es sich, nah bei Ingeborg, auf die Ofenbank.

Eine Erinnerung: 1943, im Krieg, als Kanonier im Bündnerland. Die Ernährung war miserabel, Konserven von 1912, der Fourier Brunner, ein Melancholiker, ging mit dem MG in die Berge, wir hörten es knallen. Tags darauf haben wir Soldaten Murmeltiere gegessen. Ihr Fleisch war dumpf, schwammig. Ich mochte es nicht, aber ich ass es, weil es gegen Hitler stärkte. Dass wir statt auf Mussolini auf Murmeltiere schossen, steht in keinem Geschichtsbuch.

Ich erzähle Ingeborg davon, sie ist empört, nicht über die Armee, sondern über mich. Du hast es genossen, sagt sie, du geniesst alles, was dich ekelt. Das ist dein Material. Zur Strafe lobt sie Friedrich und Hans Magnus. Ich öffne eine weitere Flasche Veltliner. Das Murmeltier fiepst, ängstlich.

In der Dämmerung: Regen, endlos, in Fäden. Das Murmeltier hopst aus dem Zimmer, später wieder herein. Es riecht. Der klamme Raum füllt sich mit seinem Geruch. Ingeborg lacht: parfum d'animal. Ihr erstes Lachen an diesem Abend.

23 Uhr. Der Campari ist geleert, ihre Haare fallen in Strähnen vor ihr Sphinxgesicht, ihr ausweichender Blick wird schläfrig. Alle Liebessituationen, denke ich, lassen sich militärisch ausdrücken: Eroberung, Nahkampf, Rückzug. Oder beim Paar, das Krach hat und sich in nächtlicher Umarmung versöhnt: Leidenschaft als Kriegsdividende.

Dann ins Bett. Als ich mich zu ihr lege, drängt sich ein platter Biberkopf mit kleinen Ohren zwischen uns: Fritz nimmt das Bett für seinen Bau. Ich schlage vor, ihn rauszuschmeissen. Zuviel Mensch ist für kein Tier gut. Ingeborg widerspricht: Es ist kalt draussen. Ich protestiere. Sie schläft ein. Ich liege wach, höre Ingeborg atmen und fühle die trockenen Pfoten des Tiers an meinem Schenkel. Schlaflosigkeit vor Hass.

Am nächsten Morgen früh auf. Morgencampari. Sitze auf der Terrasse, schreibe, da nicht in Form, nur zwei oder drei Standardseiten: Identitätsproblem, Ehe, Armeekritik, nichts Besonderes. Ingeborg bester Laune, das Murmeltier mit Brotkugeln neckend. Ich schreibe einen Brief an Otto F., der Romane schreibt wie ich, nur beruhigenderweise schlechter.

Ein weiteres Abendessen: Spaghetti, drei Flaschen Veltliner. Eine weitere schlaflose Nacht: Das Murmeltier pfeift, Ingeborg, unerreichbar, redet im Schlaf. Gemurmelte Vornamen: Fritz, Igor, Hans Magnus. Das Murmeltier stinkt wieder, nach Hund.

Frühstück auf der Terrasse: die Alpen, Schneewasser rinnt über den Granit, den die Nässe violettgrau färbt. Beim Kaffee der Versuch, über ein neutrales Thema zu reden: Schweizer Innenpolitik. Ingeborg gähnt: Was geht sie der Finanzplatz an? Ich werde böse: Du bist und bleibst Lyrikerin und ohne Verantwortung, sage ich und gebe dem Tier einen Tritt unter dem Tisch. Es flieht fiepsend, in Panik, Richtung Tal.

Auf der Tonspur: Sich entfernendes Pfeifen. Dann menschliche Stimmen: Streit wie schon tausendmal zwischen Mann und Frau. Wie immer färbt die Wut sie bleich, eine entthronte Prinzessin, wie immer werde ich grünlich. Eifersucht, deine Farbe ist Grün.

Derselbe Streit wie immer. Ingeborg sagt: Du siehst aus wie dein Suhrkamp-Bändchen. Oder: du siehst aus wie Max Frosch. Ich weiss, sage ich, meine Brille macht aus meinen Augen Glupschaugen, ich weiss, sage ich, Humor ist nicht meine Stärke, ich weiss, Ingeborg. Endlich trinke ich einen Wermut, scheinbar gelassen. Dann explodiere ich von neuem.

Das Schlimmste an Ingeborg: ihr Lächeln, das Lächeln einer Fremden, das durchschaut: mein Leben als Mann. Meine Eifersucht auf ihr Leben, auf Männer, auf einen Nager.

Spätnachts steige ich ab, allein, fluchend, Alkohol und Schreibmaschine habe ich ihr gelassen. In der Dunkelheit verhallend: ihre Rufe nach Fritz, dem Murmeltier.

Unten im Hotel. Das Nachbeben des Zorns. Dann das beruhigende Gefühl beim Öffnen der Minibar, ich trinke Wodka, dann endlich, spät nach Mitternacht, das Nachführen des Tagebuchs: 720 Wörter. Der Streit hat sich gelohnt: literarisch.

Gefunden von Constantin Seibt.


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