NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Alles hat keine Zeit

Von Daniel Weber

Wie spät ist es? Seit der Erfindung der Uhr dürfte dies die meistgestellte Frage sein, und seither ist uns Pünktlichkeit ein Ideal. Die Uhren waren zuerst allerdings selbst unpünktlich. Dass ihre Ganggenauigkeit durch eine Vorrichtung verbessert wurde, die Hemmung heisst, darob könnte man ins Sinnieren geraten.

Der Tag ist die kleinste Zeiteinheit, die sich ohne Gerät feststellen lässt. Als dem Menschen das nicht mehr reichte und er Zeitmesser konstruierte, war ihm wohl nicht klar, welchen Beschleunigungsschub er damit auslöste. Bis zu den Sekunden, die erst im 17. Jahrhundert in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang fanden, war es aber noch ein weiter Weg, und nochmals von da bis in unsere Zeit, die eine Sekunde offiziell definiert als «die Dauer von 9 192 631 770 Perioden der Strahlung, die dem Übergang zwischen den Hyperfeinstrukturen des Grundzustandes des Cäsiumatoms 133 entspricht». Einst die Periode zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, und jetzt das. So unsinnlich ist Zeit geworden.

Inzwischen zählen wir in Nanosekunden, und zugleich haben wir immer weniger Zeit. Die Losung der Gegenwart heisst Echtzeit, und deren Verheissung lautet: alles geschieht sofort. Oder mindestens immer schneller. Das moderne Lebensgefühl ist geprägt von Atemlosigkeit und Ungeduld. Alles hat keine Zeit.

An der Börse entscheiden im Daytrading, einer Art neuer Extremsportart, Minuten, oft schon Sekunden über Gewinn und Verlust. Der Mensch von heute bekommt manchmal kaum mehr die Füsse auf den Boden, wie jener Manager der Beschleunigungsbranche Internet, dem wir uns an die Fersen geheftet haben. Und er begibt sich, damit aus diesem Alles-immer-schneller nicht plötzlich ein Nichts-geht-mehr wird, in Oasen, wo er sich meditierend in der Zeitlosigkeit verliert.

Vier Fotografen haben für uns Zeit fotografiert: René Burri, Lise Sarfati und Donovan Wylie von Magnum und der Zürcher Mike Frei. Zählt man die Belichtungszeiten ihrer Bilder zusammen, kommt man nicht einmal auf eine Sekunde; aber sie erzählen von echter Zeit.

Und zählt man alle bisher erschienenen Folios zusammen - auch für uns vergeht die Zeit -, so kommt man auf hundert.




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