SEIT MEHR ALS ZEHN JAHREN bin ich auf Endorphin. Zu jedem Jahresanfang, wenn die Völlereien des Christfestes vorbei sind und der Neujahrskater sich gelegt hat, wird der Drang zur Droge unwiderstehlich. Ich verzichte auf jegliche Nahrung, trinke nur Wasser und ungesüssten Tee und warte auf den Flash. Er kommt nach zwei, spätestens drei Tagen. Die Droge schiesst ins Blut, und ich falle in einen rauschartigen, euphorischen Zustand, der so lange anhält, wie ich mich aller Nahrungsaufnahme enthalte. Das können fünf, zehn Tage sein. Es sind Tage des Hochgefühls, vollkommener geistiger Klarheit und einer nie gekannten Selbstsicherheit.
Der Preis dafür ist gering. Etwas Kopfschmerzen, leichte Konzentrationsschwächen und schwere Beine in der Anfangszeit, bevor die körpereigenen Opiate ausgeschüttet werden und der Organismus auf Selbstversorgung umgeschaltet hat. Dann ist der letzte Rest von Hungergefühl verschwunden. Der Körper ist sich nun selbst genug, zehrt von seinen Reserven, und ich stelle mir vor, wie er jetzt alles Überflüssige und Schlechte abbaut und verbrennt, stelle mir vor, wie kleine Saubermännchen die Ablagerungen aus Fett und Kalk von den Arterienwänden meisseln, so wie man das zuweilen in der Fernsehwerbung für Zahnpasta sehen kann, wenn die Plaque Stück um Stück weggesprengt und fortgespült wird.
Ich weiss nicht, ob es sich so verhält, aber die Vorstellung, es sei so, befriedigt mich ungemein. Doch dass die Seele sich reinigt, das weiss ich gewiss. Schwere, dumpfe Träume suchen mich heim des Nachts, längst vergangene Zeitalter tauchen auf, bevölkert von keulenbewehrten Neandertalern und hungrigen Urechsen, und wie zerschlagen ich auch daraus erwache, fühle ich doch Erleichterung. Es ist eine Erlösung von dem Bösen. Wie wenn der Nebel plötzlich aufreisst im Gebirge, so übernatürlich klar und hell wird es in meinem Kopf, und in der Fernsicht, die weiter ist als je zuvor, zeigt sich jede Einzelheit meines Lebens in gestochener Schärfe.
Die Welt hat alles Feindliche, Bedrängende verloren und erscheint mir so beherrschbar, wie ich meinen Körper und meinen Geist beherrsche. Nah ist sie, ein Paradies der Möglichkeiten, in dem ich nur zuzugreifen brauche, und unendlich fern zugleich. Ich schaue den Leuten beim Essen zu; fremde Wesen aus einer anderen Welt, Aliens, die so seltsam konstruiert sind, dass sie sich unentwegt irgendwelche Stoffe einverleiben müssen. Ich gehe den Auslagen der Supermärkte entlang und mustere das Angebot an plasticverpackten Ravioli, Fleischklösschen und Dosenforellen, verwundert, wozu solches wohl dienlich sein könnte. Ich sehe mir am Fernsehen die Reklame für irgendeinen Käse an und frage mich, warum das hübsche junge Paar so verzückt darum herumtanzt und läppische Weisen singt, bevor es sich ihn geschlossenen Auges in den Mund steckt. Essen ist eine Religion, der ich nicht angehöre, deren Bräuche und Sitten mir nicht vertraut sind.
Doch ist es nicht so, dass mit dem Hunger auch die Gelüste verschwänden. Es gibt Tage, da lese ich ausschliesslich Kochbücher, die zwölfbändige Werkausgabe von Betty Bossi nach vorne und zurück, das Opus magnum von Elisabeth Fülscher oder exotische Schriften wie «Frischfisch zum Nachtisch». Mit der Neugier des Entdeckers, der ein unbekanntes Land betritt, betrachte ich die Bilder und studiere die Anweisungen für die Zubereitung dieser Flora und Fauna. Manchmal überkommt mich die atavistische Lust auf sonst nie Vermisstes, etwa auf weisse Büchsenbohnen mit Tomatensauce, Würstchen und Spiegeleier, und ich beschäftige mich dann eine ganze Weile mit der Frage, wie ich dieses anspruchsvolle Menu, würde meine Fastenzeit erst vorbei sein, zubereiten, wie ich die Mise en place sicherstellen würde: Zuerst Wasser aufstellen für die Würstchen oder zuerst die Büchse öffnen und den Inhalt in einen Topf schütten? Die Spiegeleier zu braten beginnen, wenn die Würstchen noch am Sieden sind, oder erst hinterher, und wie, wenn beides bewerkstelligt und unter Kontrolle ist, vermeiden, dass währenddessen die Bohnen anbrennen? Diese Sorte intellektueller Probleme vermag mich eine ganze Weile zu beschäftigen, bis sich ein virtuelles Organigramm etabliert hat, das ich nur noch in die Tat umzusetzen brauchte.
Die Fastenzeit, als quasireligiöses Ritual, ist die Zeit der guten Vorsätze. So nehme ich mir vor, hernach besser und weniger zu essen und mir mehr Zeit dafür zu nehmen. Und ich nehme mir vor, öfters zu rauchen. In dieser nicht enden wollenden sensorischen Deprivation weckt die Vorstellung von Zigarrenduft, von sanft zur Decke steigenden und sich windenden Rauchschlieren etwas Sonntägliches in meinem Gemüt, das ich mir inskünftig alle Tage zu gönnen vornehme.
Die Erfahrung, wie feinfühlig die Geschmacksnerven nach sieben solch mageren Tagen geworden sind, gehört mit zu den erregendsten einer Fastenkur; die erstbeste Fertigsuppe mundet, als sei sie von Girardet persönlich abgeschmeckt. Wenn es denn etwas Unangenehmes gibt an der selbstverordneten Enthaltsamkeit, dann ist es der schlechte, pelzige Geschmack auf der Zunge, den man auch mit Zähneputzen und Mundwasser-Spülungen nur kurzfristig wegbringt. Und noch schlimmer als das ist die ungeheure Langeweile, die sich im und um den Mund ausbreitet, der nun arbeitslos geworden ist und sich über sein Schicksal nur schwer zu trösten vermag. Mangels Besserem beginnt er auf jedem Schluck Wasser herumzukauen.
Ihn wieder in den Arbeitsprozess dieser merkwürdigen Gesellschaft zu integrieren, aus der der Körper besteht, ist mitunter das ehrenwerteste Motiv, in die Gesellschaft der essenden Menschen zurückzukehren. Immer dann, wenn ich mich daran mache, die Einkaufsliste für die ersten paar Tage zu erstellen, weiss ich, dass es bald soweit sein wird. Und je länger ich gefastet habe, um so länger wird diese Liste. Es ist schon vorgekommen, dass ich ein Grossraumtaxi bestellen musste, um mit den Mengen von Waren nach Hause zu kommen, die eine Kompanie in drei Wochen Wiederholungskurs nicht hätte aufessen mögen. Wenn ich mich auch das ganze Jahr vor den Einkäufen drücke, diesmal bin ich eifersüchtig darauf bedacht, meiner Frau zuvorzukommen und die Ernte selber einzubringen - wie ein Goldhamster, der an einen Nikolaussack voller Nüsse geraten ist.
Doch mit Fasten aufzuhören ist schwerer, als mit Fasten anzufangen. Nach dem ersten Apfel, den ich so bedächtig kaue, als sei er die erlaubte Frucht vom Baum der Erkenntnis, meldet sich bald der Hunger wieder, jener beste aller Köche, der es einem keineswegs übel zu nehmen scheint, dass man ihn gefeuert hatte. Dann heisst es widerstehen, will man Beschwerden vermeiden. Die Verdauung ist ein altes Auto, das lange in der Garage gestanden hat, und gleich Vollgas geben heisst es ruinieren. Während die Wirkung der Droge abklingt, kommt die Produktion von Körpersäften wieder in Gang, und manches, was einem immer als leichtverdaulich erschienen war, bereitet nun Mühe. Salat zum Beispiel. Oder Früchte.
Ich habe die Erfahrung gemacht, was mir, sind die ersten paar Tage leichter Kost überstanden, besonders guttut: Speck mit Weissbrot, und zwar viel.