NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Der Pullover des Matrosen

© Patrick Rohner
Matrosenshirt, Baumwolle, Armor Lux, 99 Franken (bei Manufactum). Linktext

Von Jeroen van Rooijen

Achtung, hier berichtet ein Fan. Denn etwas Angenehmeres und Dauerhafteres als die Seemannspullover von Armor Lux aus der Bretagne gibt es nicht. Sie sind nicht nur hervorragend gefertigt, sondern extrem dauerhaft und selbst nach hundert Mal Waschen noch redlich in Form. Sie lassen einen wie einen wetterfesten Matrosen oder einen schelmischen Picasso aussehen – beides gute Optionen. Das Shirt in seiner zeitlosen, einfachen Form und robusten Machart ist das textile Äquivalent zu einem Volvo 240.

Die Geschichte des Shirts geht auf ein Gesetz vom 27. März 1858 zurück, als der Streifenpullover zum Teil der Uniform französischer Seeleute erklärt wurde. Es heisst, das Streifenmuster sei gewählt worden, weil sich darin ein ins Wasser ­gefallener Seemann besser sichten lasse. Im Laufe der letzten 150 Jahre hat sich das ­­T-Shirt darüber hinaus als Arbeitsbekleidung von Fischern oder als Freizeitgarderobe für Hobbykapitäne etabliert.

Es gibt ein Dutzend französischer Firmen, die für sich die Erfindung des «originalen» Bretonen-Shirts reklamieren, und vermutlich waren einige vor Armor Lux da, denn diese Firma gibt es erst seit 1938. Es war kein glücklicher Zeitpunkt der Unternehmensgründung für den damals 31-jährigen Schweizer Walter Hubacher, der in Quimper Qualitätsunterwäsche herstellen wollte: Der Zweite Weltkrieg und die Rationierung der Stoffe zwangen ihn, die Strickmaschinen für fünf Jahre stillzulegen. Doch nach dem Krieg ging es aufwärts, und die Firma konnte sich dank geschickter Vermarktung, eigenen Boutiquen und guter Qualität als Herstellerin des Streifenshirts positionieren.

Der deutsche Versandhändler Manu­factum lobt die Tatsache, dass bei Armor Lux der Jersey vor dem Vernähen gerichtet wird – dieser aufwendige Vorgang sorgt dafür, dass sich die Nähte nach der Wäsche nicht verdrehen. Gefertigt wird das relativ schwere Gewirk aus reiner, gekämmter und ringgesponnener Baumwolle aus Ägypten, die in Rundstrickmaschinen verarbeitet wird.

Der Schnitt des in acht Grössen erhältlichen Shirts ist banal: Vorder- und Rückenteil sind praktisch formgleich und ohne Taillierung geschnitten. Ein Armloch im klassischen Sinne gibt es nicht – die Ärmel werden direkt am geraden Rumpfteil angesetzt. Die elastischen Innennähte werden mit Overlockmaschinen geschlossen, wobei die Fäden am Ende vorbildlich ins Innere der Naht zurückgezogen sind. Die Säume bekommen einen flachen, auf der Vorderseite durch eine doppelte Nahtreihe erkennbaren ­Flat­lock-Abschluss.

Nur im Kragenabschluss ist ein kleines Geheimnis versteckt, und zwar in Gestalt eines mitgenähten, unifarbenen Mate­rialstreifens, der dem Ausschnitt zusätzlich Stabilität gibt.

Armor Lux produziert in Frankreich, wo die Firma über drei Fabriken mit 640 Mitarbeitern verfügt, und hat aus dem scheinbaren Standortnachteil ein kleines Nebengeschäft gemacht: Für Touristen gibt es geführte Touren durch die Werkstätten der Bonneterie d’Armor in Kerdroniou/Quimper. Wer will, kann dort einkaufen – alle anderen werden in gut sortierten Marinefachgeschäften oder bei Manufactum fündig.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.