Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?
Wer könnte sagen, welcher Vorfall A in diese unwirtliche Gegend verschlagen hat? Von den überstandenen Strapazen ist dem 50jährigen hageren, sommerlich gekleideten Mann kaum etwas anzumerken. Schliesslich ist er weit in der Welt herumgekommen und habituell Herr jeglicher Lage. Inzwischen ist es Abend geworden, und A benützt die kühlere Temperatur zu einem Erkundungsgang, der einem unweit gelegenen, bizarr zerklüfteten Felsen gilt.
A: (missmutig fröstelnd und murmelnd) Angst? Ende der Welt? Wieso? Ich kann mir keinen Unsinn einbilden, bloss um etwas zu erleben. Ich sehe den Sand-Horizont, weisslich in der grünen Nacht, schätzungsweise zwanzig Meilen von hier, aber ich sehe nicht ein, wieso dort das Jenseits beginnen soll. Ich weigere mich, Angst zu haben aus blosser Fantasie. Nanu! (und verstummt nun doch betreten, als er B's ansichtig wird, einer wahren Lazarusfigur, die ihr gesammeltes Elend in eine Mulde gebettet hat; er fasst sich aber rasch und erkundigt sich sachlich) Wer hat denn Sie so schlimm zugerichtet?
B: (auch er ist, zum Teil in Begleitung seines Schülers, weit herumgekommen) Ach, Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe, Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte.
A: (legt sich den Casus theoretisch zurecht) Viel Unglück aus Romantik, unvermeidlich. Oder: das Unwahrscheinliche als Grenzfall des Möglichen.
B: (geradezu munter, als wären unerwartete Lebensgeister in ihm erwacht) Und dennoch ist alles trefflich eingerichtet und hat seine Ordnung. Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge.
A: (wittert den Kryptotheologen) Vielleicht eine Kette von Zufällen! Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, ich bin mir gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik.
B: (unbeirrt) Es ist klärlich dargetan, dass die Dinge nicht anders sein können, als sie sind. Denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden ist, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Betrachtet zum Beispiel die Nasen: Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Die Beine: man empfing sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und man bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen und zum Bau der Häuser verwandt zu werden. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie esse; essen wir nicht Schweinefleisch jahraus, jahrein? Folglich ist es Torheit, mit einigen zu behaupten, dass alles gut gemacht ist; aufs beste ist alles gemacht, muss man sagen.
A: (ungehalten) Wozu hysterisch sein? Mir genügt die Mathematik. Das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche unterscheiden sich nicht dem Wesen nach, sondern nur der Häufigkeit nach. Es ist aber, wenn einmal das Unwahrscheinliche eintritt, nichts Höheres dabei, keinerlei Wunder oder Derartiges, wie es der Laie so gerne haben möchte. So besteht für unsereinen keinerlei Grund zur Verwunderung, zur Erschütterung, zur Mystifikation. Lesen Sie mal Ernst Mally, Hans Reichenbach, ferner Whitehead und Russell . . .
A's Wörterrinnsal und B's Indignation versickern im Wüstensand.
Wer und wer? Albert A. Werf und S. G. Lapons!
Auflösung: A ist Walter Faber aus Max Frischs " Homo Faber" (1957); B ist Pangloss aus Voltaires "Candide" (1759).