NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food   Inhaltsverzeichnis

Das Essen

Von Carl Zuckmayer

Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht,
Wenn er nichts denkt und nur die Kiefer mahlen,
Die Zähne malmen und die Blicke strahlen
Von einem sonderbaren Urweltlicht.

Vorspeisen sind wie Segel über Buchten,
Schlank und zum Hafen schnellend in erregter Fahrt,
Indes die schweren Fleischgerichte wuchten
Gewaltig über Wiesen von Gemüsen zart.

Welch ein entzücktes Spiel: zu hohen Festen
Erlesener Bissen Liebreiz zu erflehn,
Und welche Lust: sich mächtig vollzumästen,
Satt mit Saft gefüllt vom Hals bis zu den Zeh'n.

Fischfleisch ist weiss und heilig oder rosen,
Und manchmal rauchgebeizt und lauchgewürzt.
Auch kleine Fische gibt's in blanken Dosen,
Die man wie Schnäpse jach hinunterstürzt.

Wildbret: Du Perle Cumberlands, von edler Fäule,
Und nackter Horden rohgebratner Frass!
Wohl dem, der Schneehuhn oder Rentierkeule
(Gespickt, mit Sahne) hoch im Norden ass.

Beefsteak tatare ist fast so stark an Gnade
Wie ein am Grill gebratnes Lendenstück,
Und viele Götter leben im Salate,
Saftrot und samenkerngeschwellt das Weib Tomate.
Und grünes Kraut im Frühling ist kein kühles Glück.

Wenn du Kartoffel oder Spargel isst,
Schmeckst du den Sand der Felder und den Wurzelsegen,
Des Himmels Hitze und den grossen Regen,
Die kühlen Wässer und den warmen Mist.

Lasst mich hier schweigen vom Besoffensein,
Vom tiefsten, tödlichsten Hinübergleiten,
Vom hellsten, wachsten Indiewindereiten,
Die Welt ist gross und unser Wort ist klein

Lasst mich hier schweigen von dem Blutgericht
Geheimster Liebe in verrauschten Zeiten -
Lasst mich hier nur essen, dankbar und bescheiden -
Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht.


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