Wenn Herr Schmid «Mambo No. 5» von Lou Bega hört, muss er lächeln. Als das Lied vor fünf Jahren ein Hit war, machte er gerade Sommerferien auf Kreta. Der Song lief im Radio, in den Discos und Bars, bei Parties, immer wieder. Im Hotel lernte Herr Schmid Yvonne kennen, ein guter Urlaub. Herr Schmid fühlt sich wohl. Es ist ein Tag im Juni, er hat gerade Lou Bega gehört. Warum gerade jetzt dieses Stück am Radio kam, wird er nie erfahren.
Die Musikauswahl der Radiostationen ist eine Geheimwissenschaft. Bendicht Luginbühl, Programmleiter des öffentlichrechtlichen Senders DRS 3, spricht von einer «Musikstrategie», einer neuen musikpublizistischen Rezeptur, die er seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr dem Programm verordnet hat. Mehr will der 47-jährige aber auf keinen Fall verraten.
Grundsätzlich gilt bei den Programmchefs: Ein kleiner Fehler in der Musikauswahl kann den Verlust von Tausenden von Hörern bedeuten. Deshalb versuchen Musikredaktoren mit Hilfe von Marktforschung festzustellen, welche Hits angesagt sind, welche die Menschen nicht mehr hören und von welchen sie nicht genug kriegen können. Ermittelt wird das mit sogenannten Auditoriumtests: Personen, von denen man annimmt, dass sie zur Zielgruppe des Senders gehören, werden mehrere hundert Musiktitel vorgespielt, die sie per Tastendruck bewerten. Aber auch psychologische Tricks spielen bei der Musikplanung eine Rolle. Weil Lou Begas «Mambo No. 5» im Sommer 1999 ein Hit war, wird er von den Musikredaktoren jedes Jahr verstärkt in den Sommermonaten abgerufen. Im Idealfall verknüpfen viele Hörer das gute Sommergefühl mit «ihrem» Radiosender.
Das Musikprogramm der Radiostationen unterliegt einer sogenannten Rotation: einer Anzahl Musiktitel, die nach einem ausgeklügelten Prinzip wiederholt werden. Die Titel fallen in zwei Bereiche: die «Power-Kategorien», die die breite Masse ansprechen, und einen «Pool», mit dem sich die Radiostation von anderen abheben will.
Die Power-Kategorien werden meist nach Buchstaben benannt. A ist die mit der höchsten Kadenz rotierende Kategorie. In dieser auch «Hot Rotation» genannten Gruppe sind bei den Mainstream-Sendern die aktuellen Tophits. Bei Stationen mit einer engen Rotation sind dies fünf bis sieben Titel. Jeder A-Titel läuft alle drei Stunden, dem Hörer wird somit alle 25 Minuten einer der sechs ausgewählten Tophits serviert. Da die durchschnittliche Verweildauer bei einem Sender eine halbe Stunde beträgt, hört der Radiokonsument also mindestens einmal einen Kategorie-A-Song. Hits, deren Beliebtheit gerade abflaut, im Jargon heisst das, sie «brennen», werden auf Kategorie B heruntergestuft.
Den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ein Hit dieses Stadium erreicht hat, ist eine eigene Wissenschaft. Die maximal zehn B-Titel laufen alle sechs bis sieben Stunden einmal. Auch der Kategorie C werden selten mehr als zehn Lieder zugeordnet. Sie sind alle fünf bis sieben Stunden zu hören. Hier werden Songs «warmgespielt». Lieder, von denen die Redaktion glaubt, dass sie sich zu A-Titeln entwickeln werden. Die drei Power-Kategorien umfassen etwa 300 Musikstücke, eine enge Rotation etwa 185 Titel. Bei den Pools, die dem Sender ein eigenes Profil verleihen sollen, werden die Titel zum Beispiel nach Musikfarben geordnet (Hip-Hop-, Rock- oder Oldie-Pools).
Das Prinzip, ein Radioprogramm konsequent durchzuplanen und abzuspulen, heisst in der Fachsprache Formatradio – ein Begriff, der in Europa oft als Synonym für das massentaugliche Hitradio verstanden wird: ein Radioprogramm ohne Ecken und Kanten, mit Hitparadenmusik und einheitlich gutgelaunten Moderatoren, die möglichst oft Sendernamen und Frequenz erwähnen. Aber das ist nur ein mögliches Format unter vielen. Theoretisch könnte man ein Radioprogramm für britische Feriengäste am Bodensee formatieren. Merkmale eines Formatradios sind die klare Ausrichtung auf eine Zielgruppe und der festgelegte Ablauf der Sendungen mittels sogenannter Stundenuhren, in denen genau bestimmt wird, in welchen Minuten welche Elemente – Musik, Moderation, Nachrichten oder Werbung – im Programm stattfinden.
Schweizer Programmmacher glauben, dass Formatradio für kleinere Zielgruppen nur in grossen Ballungszentren funktioniert. «In New York zum Beispiel kann man Sender für musikalische Spezialinteressen wie Hip-Hop oder Jazz anbieten», sagt DRS-3-Chef Luginbühl. In der Schweiz dagegen sei der Markt dafür zu klein. Fast alle Sender haben sich deshalb auf ein einziges Format gestürzt: das für die Masse der 15- bis 49-Jährigen, die sogenannte werberelevante Zielgruppe.
«Formatradio ist in der Schweiz ein Schimpfwort», sagt Dani Büchi, der 26-jährige Programmchef des Privatsenders Energy (NRJ) in Zürich. Er spricht lieber vom «Radio, wie es sich der Hörer wünscht». Das Gegenteil sei «Radio, das dem Macher gefällt». Energy, ein französischer Radiokonzern, betreibt mittlerweile von Norwegen bis Österreich Stationen. Alle Sender haben das gleiche Logo, und alle klingen ähnlich bis gleich. Energy expandiert stark, zuletzt kaufte sich die Gruppe beim österreichischen Sender Kronehit ein, der fast landesweit sendet. In der Schweiz machten die Franzosen vor einem knappen Jahr aus Hitradio Z den Sender Energy Züri. Basel 1 gehört ebenfalls zu einem Viertel der Energy-Gruppe.
Der Zielhörer bei Energy heisst Andrea. Andrea ist 28 Jahre alt, fährt einen Kleinwagen, wohnt ein wenig ausserhalb von Zürich, geht ins Fitnesscenter. Programmchef Büchi weiss alles über Andrea, er hat die Hörerin am Reissbrett entworfen. Das bedeute allerdings nicht, dass Energy ein Frauensender sei, sagt Büchi, ganz im Gegenteil. Energy richte sein Programm zwar auf Frauen aus, habe damit aber interessanterweise mehr Erfolg bei Männern. Das, was Frauen gut finden, gefällt auch Männern. (Dasselbe gilt allerdings nicht umgekehrt.)
DRS-3-Chef Luginbühl hat für das Formatradio in der Schweiz nur poetisch anmutende Geringschätzung übrig und spricht vom «Ausverkauf der Seele», von der «Standardisierung der Ästhetik» und von einer «selbstverschuldeten journalistischen Bankrotterklärung der Privatsender». Formatradio habe in der Schweiz dazu geführt, dass sich alle Stationen ähnelten, dass alle Sender denselben Sound hätten. Als Ursache ortet er die meist deutschen Beratungsfirmen, die sich in den vergangenen Jahren fast aller Schweizer Sender angenommen haben. «Aus derselben Küche kommen eben oft auch dieselben Menus.»
Radio, das geben die Macher offen zu, ist zu einem «Nebenbeimedium» geworden. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich die ganze Familie vor dem überdimensionierten Rundfunkapparat versammelte, um gebannt den Schilderungen eines Fussballspiels zu lauschen. Heute hören die meisten Radio beim Frühstück, während des Zähneputzens, im Büro, beim Bügeln und natürlich im Auto. Primetime ist zwischen sieben und neun Uhr. Die Frühsendung ist für die meisten Radiostationen die wichtigste. Denn es gilt: Wer den Hörer morgens an eine andere Station verliert, bekommt ihn den ganzen Tag nicht wieder zurück; im schlimmsten Fall verliert er den Hörer für immer. Darum finden zu dieser Zeit die witzigsten Comedy-Serien und die attraktivsten Gewinnspiele statt.
In der Schweiz sind die Hörgewohnheiten leicht anders: Grösste Beachtung geniessen hier noch immer die Nachrichtenmagazine am Mittag – wie einst, als Radio Beromünster vom Gang der Welt berichtete. Durch den Tag begnügen sich die meisten Radiostationen jedoch weitgehend mit einem nach dem Mehrheitsgeschmack gestrickten Klangteppich mit guter «Durchhörbarkeit». Das heisst: Störfaktoren, die beim Hörer zum Ab- und Umschalten führen können, müssen aus dem Programm verschwinden. Hauptstörfaktor ist der redende Moderator, sagen viele Programmmacher.
Deshalb gibt es immer weniger Wortbeiträge im Radio, und wenn schon jemand redet, dann läuft meist ein Musikbett im Hintergrund – eine Instrumentalmusik, die die Moderation in eine Art Rap verwandelt und dem unaufmerksamen Nebenbeihörer das Gefühl vermittelt, seine Lieblingsmusik werde weiter gespielt. Bei DRS 3 will Luginbühl diesen Trend wieder umkehren, er will zurück zum Wort: «Gehört zu werden, ist uns wichtig, all dies Gewummere und Gewabere macht den Höreindruck kaputt.» DRS 3 reduziert auch die Jingles. Jingles sind wenige Sekunden kurze musikalische Überleitungen von einem Lied zum nächsten, in denen der Sendername zu hören ist. Bei Energy gibt es viele davon. Musikbetten und Jingles sind Teile der sehr aufwendig produzierten akustischen Verpackung des Radiosenders – die hörbare Corporate Identity.
Büchi möchte bei Energy vor allem ein für Werbekunden attraktives Umfeld schaffen. Deshalb die Ausrichtung auf eine junge Zielgruppe. Bei vielen Sendern streiten sich häufig die Programmverantwortlichen mit der Marketingabteilung. Bei Energy nicht, Büchi ist Programm- und Marketingchef in Personalunion. «Wir sind nicht DRS 3, das einen publizistischen Auftrag hat und sich über Gebühren finanziert», sagt er.
Was Werbespots im Privatradio kosten, hängt davon ab, wie viele Hörer ein Sender hat. Die Erhebung der Hörerzahlen ist daher wichtig. Seit 2001 gibt es dafür in der Schweiz ein weltweit neuartiges System, die Radiowatch (Publica Data/Radiocontrol). Die digitale Armbanduhr wird jede Woche 800 Testpersonen in die Hand gedrückt. In der Uhr sind Mikrophon und Chip eingebaut. Das Gerät nimmt jede Minute für vier Sekunden die Umgebungsgeräusche der Testperson auf. Daraus wird ermittelt, wer wann welchen Sender hört.
Zurzeit hören rund 471 000 Menschen tagsüber in der Schweiz öffentlichrechtliches Radio, 170 000 hören die Privaten. Aus wirtschaftlicher Sicht scheint das Konzept von Energy aufzugehen; aus den roten Zahlen, die der Sender 2002 unter dem Namen Hitradio Z noch schrieb, wurden im vergangenen Jahr mit neuen Gesellschaftern und neuem Konzept schwarze.
Peter Glück arbeitete für private und öffentlichrechtliche Radiosender. Er ist freier Journalist und lebt in München.