NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Rotfüsschen im Zauberwald

© Markus Roost
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Von Richard Reich

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hiess Silvana und wohnte mit seinen Eltern in einem kleinen Häuschen am Waldesrand. Weil Silvana keine Geschwister hatte, hüpfte sie den lieben langen Tag in ihren kleinen, roten Schühlein im grossen, dunklen Wald herum, ganz allein und furchtlos zwischen hohen Tannen, finsteren Fichten und stacheligen Brombeerbüschen. Bald kannte sie den Wald so gut, als wenn sie im Fuchsbau zur Welt gekommen wäre, kannte die besten Abkürzungen und die schönsten Verstecke.

Eines Tages nun sollte das Mädchen seine Grossmutter besuchen. Die alte Frau wohnte nicht weit von Silvanas Elternhäuschen, nur lag der grosse Wald dazwischen. «Der Weg ist einfach», erklärte die Mutter. «Du gehst bis zur Pfadfinderhütte, dann geradeaus bis zu der Lichtung, wo wir manchmal picknicken, und dann …» – «Falsch, ganz falsch!» mischte sich da der Vater ein, «Silvana soll zuerst bis zum Moosbach gehen, den sie beim Tropfsteinfelsen überquert, dann weiter bis zum alten Munitionsdepot …» – «Auf gar keinen Fall!» rief die Mutter empört, «das ist doch ein Riesenumweg!»

So stritten die Eltern hin und her, und vor Eifer merkten sie gar nicht, dass ihr Töchterchen längst verschwunden war. Schliesslich kannte Silvana selber die besten Wege zur Grossmutter, und den kürzesten sowieso. Angst vor Hexen und hungrigen Wölfen hatte sie auch nicht. Im ganzen Leben war sie noch nichts Derartigem begegnet, und in ihrem Wald hätte sie ohnehin jeden abgehängt.

Also flog Silvana mit federleichten Füsschen über Stock und Stein. Zuerst zur grossen Blautanne, in deren Ästen stets ein Specht herumhüpfte. Dann durch mannshohen Waldfarn bis zur alten Blutbuche, deren Krone ein böser Blitz gespalten hatte. Dann den Himbeer- und Holunderbüschen entlang zu ihrem Lieblingsbaum, einer Zwergkiefer, die sie im Vorbeirennen dreimal umtanzte … Bald sah Silvana zwischen den Tannen ein Reh beim Futterplatz stehen, und dann war sie auch schon an ihrem Ziel angekommen.

«Ei, was machst du denn für grosse Augen?» fragte das kleine Mädchen, als es, ohne anzuklopfen, Grossmutters Häuschen betrat. «Na, warum wohl?» rief die alte Frau begeistert, «du warst wieder drei Minuten schneller als beim letzten Mal!»

Obwohl ihr dieses Spiel so gut gefiel, fand Silvana eines Tages, dass sie nun doch zu gross sei, um in roten Kinderschuhen durch den Wald zur Grossmutter zu rennen. Also kaufte sie sich rote Turnschuhe und lief mit noch grösserem Eifer durch noch grössere und immer fernere Wälder. Sie huschte durch Schwedens sumpfige Gehölze, hüpfte in Britannien geschickt über buschige Hecken, trabte unermüdlich durch russische Birkenhaine. Und wo immer Silvana durch Wälder lief: überall fand sie schneller ans Ziel als jeder Einheimische. So wurde sie zur besten Orientierungsläuferin der Welt.

Eines Tages aber kehrte Silvana, die Taschen voller Gold, in die Heimat zurück. Kaum war sie zu Hause, wollten die Landsleute ihr zu Ehren einen Fest-Orientierungslauf abhalten. Da freute sich Silvana, und selig tauchte sie in die alte Waldheimat ein . Doch was war das? Irgendwie schien es, als hätte sich hier alles gegen sie verschworen! Die vertrauten Pfade, die bewährten Abkürzungen, die versteckten Fährten waren zwar noch da, aber alle Wege kamen Silvana plötzlich viel enger, verwinkelter und vor allem viel kürzer vor! Ehe sie sich versah, war Silvana achtlos an der morschen Blutbuche, am alten Munitionsdepot, ja sogar an ihrer Lieblings-Zwergkiefer vorbeigerannt.

So irrte die Weltmeisterin, statt wie sonst als Schnellste ins Ziel zu laufen, durch den verwunschenen Wald. Vergeblich übte der Bürgermeister im Festzelt seine Laudatio. Vergeblich wartete die Dorfmusik darauf, den mühsam geübten Triumphmarsch zu blasen. Denn Silvana fand ihre Orientierung erst nach Stunden wieder, beim Einnachten und vor Grossmutters Haustür. Dort setzte sie sich auf die Schwelle und weinte gar bitterlich.

Im Herbst 2005 verlief sich die Orientierungsläuferin Simone Niggli-Luder nach einer beispiellosen Siegesserie rund um die Welt ausgerechnet an den heimischen Meisterschaften.


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