NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

Sage und schreibe -- Kleine Neujahrspredigt über fremde Wörter

Von Manfred Papst
Vom Bier verstehe ich nichts. Aber ich denke, dass auf dem Gebiet von Hopfen und Malz das deutsche Reinheitsgebot eine sinnvolle Sache ist. Im Bereich der Sprache dagegen ist es eine Bieridee. Sprache kann gar nie «rein» sein, weil sie ihrem Wesen nach Übereinkunft ist. Sie gehört keinem Einzelnen, der sie nach strengem Mass bilden könnte, und sie gehört auch keiner geschlossenen Gesellschaft, etwa einer Nation oder Ethnie. Sie ist offen nach allen Seiten, nimmt vieles auf, manches vorübergehend, anderes für länger, und erneuert sich in diesem vielgestaltigen Prozess unentwegt selbst.

Da die Sprache ein kostbares gemeinsames Gut ist, sollen wir ihr Sorge tragen. Das heisst aber nicht, dass wir sie einsperren und von allen äusseren Einflüssen fernhalten sollen. Dann würde sie nur verkümmern. Sie soll sich aber entfalten und in der Welt bewähren. Nicht so rein wie möglich soll sie sein, sondern so reich wie möglich, so differenziert und nuanciert, so klar und anschaulich wie möglich. Nicht die deutscheste Formulierung gilt es zu finden, sondern die beste.

In früheren Jahrhunderten hat das Deutsche zahllose Wörter aus dem Lateinischen und dem Französischen aufgenommen. Gewiss war manche Torheit darunter, die inzwischen wieder verschwunden ist. Was sich aber gehalten hat, ist eine Bereicherung. Das darf man nicht vergessen, wenn man gegen die grassierende Anglomanie wettert. Zwar hat diese Invasion uns, neben so nützlichen Dingen wie dem Job und dem Flirt, dem Test, dem Chip, dem Groove und Swing, auch eine Menge Unsinn beschert. Die Sprachpfleger finden hier täglich fette Beute. Oft aber irren sie sich. Unter tausend Beispielen nur zwei: Muss es denn, fragen sie höhnisch, partout «Kids» heissen statt Kinder und «Kickboard» statt «Tretroller» oder schweizerisch «Trottinett»?

Die Antwort lautet: Ja, es muss! Denn ein Kickboard ist nicht einfach ein Tretroller. Es hat drei kleine Vollgummiräder und nicht zwei grosse aufblasbare, es ist leicht, zusammenlegbar, unglaublich teuer und dient nicht nur Kindern zum Vergnügen, sondern auch Erwachsenen zur trendigen, bisweilen dezent ins Affige spielenden Fortbewegung. Kids sodann sind nicht einfach Kinder. Kinder wünschen sich zum Geburtstag vielleicht ein Trottinett und einen Marmorkuchen; Kids träumen davon, handy-, discman- und bigmacbewehrt auf dem Kickboard durch die City zu speeden. Man sieht: Die beiden Wörter evozieren spezifische Bilder und erfüllen damit ihren Zweck.

Nehmen wir uns also vor, nicht jedes Wort misstrauisch zu fragen, ob es aus der Fremde kommt, sondern vielmehr darauf zu achten, was es auszudrücken imstande ist. Wenn es etwas kann, willkommen! Und wenn wir es albern finden, lachen wir es einfach aus. Max Goldt etwa nennt seinen Ghettoblaster Elendsviertelbrüller. Das ist wirksame Sprachpflege und ersetzt gar viele umständliche Ermahnungen. 

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