NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Fundstücke -- Psychopathologie des Ökonomischen

Von Sigmund Freud

EIN VORWURF, der der Analyse nicht selten gemacht wird, ist die Vernachlässigung wirtschaftlicher Probleme gegenüber den individualpsychologischen. Wirtschaftliche Entscheide, argumentieren die Gegner der Psychoanalyse, seien auf rationaler Grundlage gefällt und entzögen sich in ihrer Quantifizierbarkeit der notgedrungen wertenden Zergliederung des Seelenlebens. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich auch ein geschäftlicher Entscheid nicht allzu selten als ein der Pathologie zugehöriger erweist.

So etwa kam ich durch meine Praxis mit einem hochrangigen Mitglied der österreichischen Nationalbank, Herrn D., in Kontakt, einem 45jährigen an infantilen Zwangsvorstellungen leidenden, aber im übrigen nicht erfolglosen Ökonomen. Herr D. klagte, sich bei der Beschäftigung mit gewissen Währungen, vorzüglich der Rupie und dem Rubel, zu Tode zu fürchten, während ihn andere, wie etwa der Schweizerfranken oder der amerikanische Dollar, in geradezu kindliche Freude verfallen liessen. Die übersteigerten, ins Hysterische spielenden Gemütszustände interpretierte er als Folge seines hohen Blutdrucks.

Die Vorgeschichte des Patienten legt uns eine andere Deutung nahe. Herr D., Sohn eines vielbeschäftigten k. k. Steuerkommissärs, erzählte nebenher, dass er ein rumänisches Kindermädchen namens Ruxandra gehabt habe, welches ihn als Kind im kochenden Wasser verbrühte und darauf mit Schimpf und Schande davongejagt worden sei. Nun lautet aber unleugbar die erste Silbe der beiden verhassten Währungen wie die Anfangssilbe (Ru) des unseligen Dienstmädchens; da dieses Ereignis allerdings noch vor dem ersten Lebensjahr eingetreten war, handelte es sich offensichtlich um eine Verschiebung: Die Erwähnung einer untergeordneten weiblichen Person lässt in Wahrheit auf eine ranggleiche männliche schliessen und umgekehrt. Und wirklich fand sich diese Figur im langjährigen Chauffeur des Hauses, Franz, einem als Trunkenbold ebenfalls zu hohem Blutdruck neigenden Mann. Daraus erschliesst sich zwanglos eine überzeugendere Deutung von Herrn D.s vorgeblich ökonomisch inspirierten Phobien: Herr D. fürchtete, nicht das Kind seines Vaters, sondern des Lakaien Franz zu sein; die Vorliebe für Franken und Dollars erklärt sich ebenfalls auf natürlichste Art und Weise: So assoziierte der Patient zum Dollar mit dem kriegerischen Adler auf der Rückseite (!) sowie dem Ölzweig in der einen als auch mit den dreizehn Pfeilen in der anderen Kralle gleich vierfach sexuelle Symbole. Ebenso finden wir auf der schweizerischen Fünffrankenmünze den potentiell sohnesmörderischen Schützen Tell.

Die geradezu aufdringliche Phallussymbolik zeigt dem erfahrenen Arzt, dass Herr D. seinem Vater, weil er an dessen Manneskraft zweifelte (die fehlende Armbrust; die kraftlosen Pfeile sprechen eine deutliche Sprache), als Strafe für seine vermutete Impotenz den Tod an der Front im damals tobenden Weltkrieg wünschte; der unbewusste Trieb, in der Rolle des Chauffeurs Vater seiner selbst zu werden, führt über die zwanghafte Glorifizierung kriegerischer Währungen zu der kindischen Wunschvorstellung, das Vaterland als Vatermörder amtieren zu sehen.

Von diesem Resultat ausgehend, scheint es fast unabweisbar, auch weitere fiskalpolitische Überzeugungen auf infantile Prägungen zurückzuführen. Dass Gold auf Kot zurückgeht, welch ersteres von Erwachsenen so freudig gesammelt wird wie letzterer von Kindern, ist allgemein bekannt und muss nicht weiter erläutert werden. Dass wir im Falle Herrn D.s die eigentliche Neigung zur Wirtschaftslaufbahn als Sublimierung der Trunksucht des Vater-Chauffeurs Franz deuten sollten, überrascht uns auch nicht. Gerade der anfänglich entschiedene Widerstand des Patienten gegen unsere Deutung bestärkt uns darin. So muss auch D.s phobische Ablehnung der keynesianischen Währungspolitik mit inflationären Tendenzen als Ausdruck der vermuteten Impotenz des Vaters gelesen werden: zur Verdeckung des Wunsches, dass - wenn schon der Vater vertrocknet sei - es der restlichen Menschheit nicht besser gehen dürfe. Der bekannte universelle Kastrationswunsch steht also hinter dem scheinrationalen Argument, dass nicht mehr ausgegeben werden könne, als eingenommen werde.

So entpuppt sich auch Herrn D.s Bevorzugung der Theorien von Adam Smith als unbewusste Wunschvorstellung, das zeugende Organ des Mannes durch die sogenannte unsichtbare Hand zu ersetzen, also als Wunsch nach einem fünfteiligen, durchsichtigen Penis ohne Ejakulation. (Smiths Erfolg im puritanischen Amerika ist ein weiterer Beleg für universelle Kastrationswünsche.) Die Freiheit der Wirtschaft ist hier als Freiheit von Libido intendiert, ihre Probleme lassen sich somit zwanglos als sexualpathologische dokumentieren. Somit scheint es uns nicht unsinnig, dass, wo einst Ökonomie war, bald Analyse sein könnte.

Transkription: Constantin Seibt.


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